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Clemens Fuest : Ein Hofnarr vom alten Schlag

Lieblingsfach Geschichte: Heute forscht Clemens Fuest über Steuern und marode Staatsfinanzen. Bild: Frank Röth / F.A.Z.

Von Oxford nach Mannheim: Der Steuerfachmann Clemens Fuest wird Chef des ZEW, einer der größten ökonomischen Denkfabriken in Deutschland.

          Die Rolle des Wissenschaftlers ist jener der Hofnarren nicht unähnlich - das meine ich gar nicht negativ“, sagt Clemens Fuest. Die Hofnarren hatten einst eine sehr ernste Funktion: Sie durften den Herrscher ungestraft kritisieren, ihm unangenehme Wahrheiten sagen. So ähnlich sieht Fuest seine Rolle. Als Finanzwissenschaftler sagt er manch bittere Wahrheit über den Zustand der Staatsfinanzen. Und in der Euro-Krise hat er manche Idee von Politikern zerrissen. Die ständige Ausweitung der Rettungsschirme hat er als gefährlich kritisiert. Zuletzt aber unterstützte er doch den Kurs der Bundesregierung - wenn auch mit Bauchschmerzen.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Der erst 43 Jahre alte Ökonom mit dem blonden Bürstenhaarschnitt und dem kantigen Gesicht spricht stets ruhig und überlegt, manchmal lacht er kurz und rauh, dann legen sich wieder ernste Falten über sein Gesicht. Über Jahre hat Clemens Fuest die deutsche Politik beraten. Seine Stimme wird in Berlin gehört. Fünf Jahre hat er an der feinen, aber fernen Universität Oxford gelehrt und den Spagat zwischen Wissenschaft und Politikberatung über den Ärmelkanal geübt. In Kürze jedoch wird er nach Mannheim wechseln und den Präsidentenposten im Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) übernehmen. Mit einem Jahresbudget von mehr als 16 Millionen Euro und gut 180 Mitarbeitern ist es eine der größten ökonomischen Denkfabriken in Deutschland.

          Der Onkel und das Börsenspiel wecken das Interesse an Wirtschaft

          Die Wirtschaftswissenschaft war nicht die erste Liebe, es hat länger gedauert, bis er die Leidenschaft dafür entwickelte. Geboren 1968 in Münster, ist er in Geseke, einem kleinen Ort in Ostwestfalen, aufgewachsen. Der Vater ist Deutscher, die Mutter Französin, beide arbeiten als Lehrer. Clemens Fuest, der zwei Brüder hat, interessierte sich in der Schule vor allem für Geschichte. Noch heute besucht er regelmäßig Schlösser und Adelssitze. Sein Onkel Winfried Fuest ist Finanzwissenschaftler am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Durch ihn hat er eine erste Ahnung bekommen, was Ökonomen tun. Und dann war da noch das Börsenspiel für Schüler. „Ich habe ziemlich gut abgeschnitten und das fälschlicherweise auf gute Entscheidungen zurückgeführt, dabei war es garantiert Glück, wie ich heute weiß“, sagt Fuest.

          Sein Berufswunsch ist Manager einer Finanzfirma. Also beginnt er ein Volkswirtschaftsstudium an der Universität Bochum, nach zwei Jahren wechselt er nach Mannheim. Doch die Vorlesungen sind hartes Brot. „Der Zugang wird einem nicht leichtgemacht, auf den ersten Blick war es sehr langweilig.“ Die Studenten büffeln Buchhaltung, Kosten- und Leistungsrechnung, Bilanzen, dazu ganz viel Mathematik. Für Fuest ist das nicht schwierig, „aber auch nicht sonderlich faszinierend“. Hinzu kommen die mikro- und makroökonomischen Modelle. „Die ganze Grundausbildung erschien mir realitätsfern und abstrakt“, erinnert sich Fuest. „Die Liebe dazu entdeckt man nicht sofort.“

          In Mannheim jedoch hat er eine andere große Liebe entdeckt, bei einer Studentenfeier lernt er seine spätere Frau Ana María kennen. Die gebürtige Kolumbianerin studiert Sprachen an der Universität Heidelberg. In ihrem Heimatland ist die Gewalt eskaliert, die linke Drogen-Guerrilla Farc operiert brutal wie nie. Ana Marías ganze Familie wandert schließlich aus. Kolumbien zeigt, wohin es führt, wenn ein Staat nicht mehr funktioniert und das Gewaltmonopol verliert.

          Der Staat steht im Zentrum des heutigen ökonomischen Spezialgebiets von Fuest, der Finanzwissenschaft. Nach seinem Diplom 1991 in Mannheim hat er keine wissenschaftliche Karriere im Sinn. Fast heuert er bei einer Unternehmensberatung an, dann entscheidet er sich aber noch anders und beginnt in Köln eine Promotion. Das Thema seiner Dissertation lautet „Eine Fiskalverfassung für die Europäische Union“, es mutet aktuell an.

          Schon 1993 zweifelt er an der Glaubwürdigkeit der „No bail out“-Klausel

          Im Jahr 1993 schreibt Fuest einen kleinen Aufsatz über die Europläne, der sich im Nachhinein als prophetisch erweist: Er untersucht die Frage, wie glaubwürdig die „No bail out“-Klausel im Maastricht-Vertrag ist, wonach kein Staat für die Schulden der anderen haftet und kein Mitglied der Währungsunion „herauspauken“ (bail out) muss. Fuest ist der Meinung, dass die Sicherungsklausel gegen eine Haftungsunion nicht funktionieren wird. Er erkennt, dass es bei Finanzkrisen zu Staatsbankrotten kommen kann, weil die Länder keine eigene Notenbank mehr haben. In so einer Krise werde man die „No bail out“-Klausel über Bord werfen - genau das ist passiert.

          Allerdings verfolgt Fuest in den neunziger Jahren die kritische Forschung zur Währungsunion nicht weiter. „Das war aus heutiger Sicht ein Fehler“, sagt er. Nach der Promotion wechselt er nach München und wird Assistent von Bernd Huber, der heute Präsident der dortigen Universität ist. Gemeinsam forschen und schreiben sie über Fragen der Besteuerung von Arbeits- und Kapitaleinkommen. In seiner Habilitationsschrift widmet sich Fuest der Frage, ob eine Steuerreform die in den neunziger Jahren wachsende Massenarbeitslosigkeit abbauen kann. Er entwickelt komplizierte Modelle, um die Wirkung von Steuerreformen auf den Arbeitsmarkt abzuschätzen. „Am Ende bin ich zum Ergebnis gekommen, dass die Möglichkeiten begrenzt sind.“

          Vor gut zehn Jahren den ersten Lehrstuhl erhalten

          In München kommt Fuest auch in Kontakt mit Hans-Werner Sinn, dem Chef des Ifo-Instituts. Dieser wird ein wichtiger Förderer für eine ganze Reihe von Nachwuchswissenschaftlern, die heute Lehrstühle besetzen. „Die Begeisterung, die er für das Fach Ökonomie hatte, die hat mich einfach umgehauen und angesteckt“, erzählt Fuest. Noch immer hat er vor Sinn viel Respekt, obwohl er nicht immer eine Meinung mit ihm ist. Im Herbst ist Fuest als Sachverständiger vor dem Bundesverfassungsgericht aufgetreten. Er hat die Einrichtung des ESM-Krisenfonds befürwortet. Sinn stand auf der Seite der ESM-Kläger und warnte vor einer dauerhaften Haftung Deutschlands. Fuest ist auch nicht glücklich mit dem Gang der „Euro-Rettung“, trotzdem unterstützt er den ESM als Instrument, um eine Finanzpanik und den Zusammenbruch von Staaten zu verhindern.

          Vor gut zehn Jahren hat Fuest seinen ersten Lehrstuhl an der Universität zu Köln erhalten. Er fühlte sich wohl dort, hat mittlerweile drei Kinder. Außerdem ist er zunehmend als Politikberater gefragt. 2003 wird er, mit Mitte dreißig, in den Wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums berufen, 2007 wählen sie ihn zum Vorsitzenden. Ein Jahr später allerdings erhält er einen Anruf aus Oxford, ob er eine Professur für Unternehmensbesteuerung an der noch jungen Business School übernehmen wolle. Dem Angebot kann er nicht widerstehen.

          „Oxford ist fast wie eine Gesellschaft der Zukunft“

          Die Atmosphäre in Oxford ist akademisch höchst anregend. Aus der ganzen Welt kommen die Dozenten, Fuest sitzt mit Briten, Amerikanern, Deutschen, Franzosen, Italienern und Griechen in den ehrwürdigen Hallen und diskutiert Probleme der Zeit. Unter den Studenten sind sehr viele Asiaten, vor allem Inder und zunehmend Chinesen. „Oxford ist ein unglaublich globalisierter Ort, fast wie eine Gesellschaft der Zukunft“, meint Fuest.

          Allerdings hat er nie den Kontakt nach Deutschland verloren. Vor zwei Jahren war Fuest als heißer Kandidat für den deutschen Sachverständigenrat, das Gremium der „Wirtschaftsweisen“, im Gespräch. Letztlich wurde ihm der Finanzwissenschaftler Lars Feld vorgezogen. „Es hieß in den Zeitungen, dass ich nicht genommen wurde, weil ich gegen Steuersenkungen war, doch ich halte das für Quatsch“, sagt Fuest. Mit der Berufung zum Präsidenten des ZEW wird Fuest künftig noch mehr in den politischen Debatten präsent sein.

          Er gilt als unideologisch und pragmatisch. Damit passt er zum ZEW, wo sie stark empirisch arbeiten. Fuest ist zugleich aber von der liberalen Ordnungspolitik geprägt. Sein Ideal ist ein schlanker, aber funktionsfähiger Staat. Das Mannheimer Institut hat mit ihm einen uneitlen Präsidenten gewonnen, der trotz seines wissenschaftlichen Rufs bescheiden geblieben ist. Es sieht, dass in der Politik vieles schiefläuft, doch versteht er auch die Zwänge, denen Politiker unterliegen. Der Wissenschaftler ist freier. So nüchtern, wie Fuest die Probleme beschreibt, wird ihn kein Mensch als Narren ansehen.

          Ich über mich

          Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

          ... einer Tasse Kaffee und dann zwei Stunden ruhiger Arbeit ohne Unterbrechung.

          Die Zeit vergesse ich ...

          ... wenn ich an irgendeiner Ableitung oder einem Modell herumrechne - das hat fast therapeutische Wirkung.

          Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

          ... der muss nicht nur die notwendigen intellektuellen Fähigkeiten, sondern auch viel Sitzfleisch haben.

          Erfolge feiere ich ...

          ... mit meiner Frau in einem guten Restaurant.

          Es bringt mich auf die Palme ...

          ... wenn wirtschaftliche Themen in der politischen Debatte populistisch behandelt werden.

          Mit 18 Jahren wollte ich ...

          ... nicht Wissenschaftler werden, sondern eher Manager - am liebsten in der Finanzbranche. Die Börse hat mich fasziniert.

          Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

          ... Telekom-Aktien zeichnen.

          Geld macht mich ...

          ... weder glücklich noch entspannt, aber auch nicht unglücklich.

          Rat suche ich ...

          ... bei meiner Frau.

          Familie und Beruf sind ...

          ... nicht immer leicht zu vereinbaren, aber ohne Familie könnte ich auch nicht beruflich erfolgreich sein.

          Den Kindern rate ich ...

          . .. ihren eigenen Weg zu gehen und nicht zu sehr darauf zu achten, was die Eltern machen.

          Mein Weg führt mich ...

          ...ins Unbekannte.

          Zur Person

          • Clemens Fuest wird am 23. August 1968 als Kind eines deutsch-französischen Lehrerehepaars in Münster geboren.
          • Nach Studium, Promotion und Habilitation erhält er eine VWL-Professur in Köln und wird als Steuerfachmann bekannt. Später folgt er einer Berufung nach Oxford.
          • Zum 1. März wird er Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, einer der größten ökonomischen Denkfabriken der Republik.
          • Fuest ist mit einer Kolumbianerin verheiratet, mit der er drei Söhne hat. Neben der Ökonomie interessiert er sich für Literatur, liebt englische Landhäuser, hört klassische Musik, fährt Ski und geht wandern.

          Weitere Themen

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