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Claus-Dietrich Lahrs : Boss auf Tuchfühlung

Die internationale Karriere immer im Blick gehabt: Claus-Dietrich Lahrs Bild: Rainer Wohlfahrt

Achtzehnmal zieht Claus-Dietrich Lahrs um, arbeitet für Cartier, LVMH und Dior. Dann kommt er ganz oben in einem Modekonzern an: bei Hugo Boss in Metzingen.

          An den 14. Februar 2008 erinnert sich Claus-Dietrich Lahrs noch genau: „Ich war unterwegs Richtung Allgäu, zum Skifahren. Auf dem Weg habe ich vier Anrufe bekommen wegen der Turbulenzen im Boss-Vorstand.“ Bruno Sälzer, der damalige Vorstandsvorsitzende von Hugo Boss, hatte sich mit dem Finanzinvestor Permira angelegt. Zur Schuldentilgung forderte der Eigentümer fast eine halbe Milliarde Euro Sonderdividende. Viel zu viel, auch für ein Unternehmen, das gutgepolstert ist, befand Sälzer. Und ging.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Für Lahrs war das der Tag, der ihm seinen Traumjob bringen sollte. „Schon als die Querelen bekannt wurden, habe ich mir gedacht: das wärs“, sagt er. „Aber ich bin nicht aktiv geworden, ich wollte abwarten, bis die Lage sich geklärt hatte.“ Für ihn war der Posten die perfekte Gelegenheit. Für die Boss-Belegschaft war Lahrs erst einmal der Auserwählte des Finanzinvestors und damit tendenziell ein Gegner. „Das war eine schwierige Phase“, räumt er ein, relativiert aber: „Für andere war sie wohl schwieriger als für mich. Die Mitarbeiter haben sich durch die Umstände und die Berichterstattung beleidigt gefühlt, denn sie sind stolz auf ihr Unternehmen.“ Die Beobachter waren skeptisch. Lahrs hatte keine Erfahrung in der Führung eines milliardenschweren Unternehmens, und bei Dior Couture, wo er zuvor Chef war, hatte er, soweit erkennbar, keine herausragenden Erfolge erzielt. So bekam er zu spüren, dass der Modekonzern aus Metzingen kein 08/15-Unternehmen ist: „Hugo Boss gehört ein bisschen den Deutschen. Das ist wie mit VW oder Mercedes, . . . sehr emotional“, weiß er heute.

          “Hugo Boss gehört ein bisschen den Deutschen“

          War es das, was er immer wollte? Hatte er diese Vorstellung von seiner Karriere? „Nicht so konkret“, sagt der 47 Jahre alte Manager, doch die Spitze hatte er stets im Blick. „Ich wollte eine Position mit großer Verantwortung und internationaler Dimension.“ Dem ordnet er vieles unter. Morgens bringt er seine Kinder in die Schule, doch abends schlafen sie schon, wenn er nach Hause kommt. Von 8.30 Uhr bis 21.30 Uhr ist er regelmäßig im Büro, oft auf Reisen. Vielleicht arbeite er etwas viel, hält Lahrs kurz inne, verwirft den Gedanken dann aber wieder. Achtzehnmal ist er in seinem Leben umgezogen. Für die Beteiligungsgesellschaft Delton, seinen ersten Arbeitgeber, war er binnen zwei Jahren in vier Firmen tätig. Unruhe gehört zum Charakter des Claus-Dietrich Lahrs, obwohl er sich stets kontrolliert, diszipliniert gibt. Er sei bisweilen aufbrausend, heißt es. Gern ist er charmant, schüttelt Hände in der Kantine. Ab und zu gönnt er sich ein Lachen.

          Seit 2008 steht er an der Spitze von Hugo Boss

          „Ich wollte nie mein Leben lang an einem Ort bleiben. In einer globalen Welt muss man ohnehin mobil sein, wenn man vorankommen will“, sagt er. Und die Familie? Seine Kinder dürfen oder müssen dieselbe Luft schnuppern, sie gehen auf die internationale Schule. Seine Frau ist stets mit umgezogen. „Ja, für die Frau ist das eine besondere Abhängigkeit. Fünf Jahre New York und fünf Jahre Paris können für den Partner eine herausfordernde Erfahrung sein. Es kann aber auch, wie in unserem Fall, eine Bereicherung sein.“

          Mode mit Perfektion - keine Herzensangelegenheit

          Worte wie Mode, Luxus, Ästhetik hört man von dem Mann kaum. Freilich tritt er auf wie aus dem Ei gepellt. Frühere Boss-Chefs, ätzen Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand, hätten dem Vergleich nicht standgehalten, einschließlich Vorvorgänger Werner Baldessarini, der Modedesigner ist und doch oft mit wenig vorteilhaften Pullovern gekleidet war. Lahrs dagegen ist eine gepflegte Erscheinung von Kopf bis Fuß, die gleichwohl eher einen Hang zur Perfektion ausstrahlt, als dass man in ihm Mode als Herzensangelegenheit spürte. Da liegt die Frage nahe: Hätte es auch eine Staubsaugerfirma sein dürfen?

          Vielleicht hätte er zusätzlich ein Ingenieurstudium machen sollen, sagt er. „Die Autoindustrie fand ich immer interessant. Aber da wird man nichts allein mit Wirtschaft. Und grundsätzlich ist im technikgetriebenen Deutschland ein Ingenieurstudium gut.“ Studiert aber hat der Sohn eines Thyssen-Vorstands Wirtschaft und Internationales Management in Bochum, Köln und an der HEC Paris, Letzteres war wohl der Wegbereiter für seine Karriere in der Welt der Mode. Einen Einstieg bei Thyssen habe er nie in Erwägung gezogen, versichert Lahrs. „Ich wollte nicht über die Empfehlung meines Vaters meinen Weg suchen. Was ich heute mache, verdanke ich mir selbst.“

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