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Christian Ludwig : Wenn plötzlich die Hand versagt

  • -Aktualisiert am

Musste die Sprache der Musik neu lernen: Christian Ludwig Bild: Edgar Schoepal

Musikerkrampf – das Ende der Karriere als Geigenspieler. Doch Christian Ludwig kämpfte sich zurück und dirigiert heute mit 31 Jahren das Kölner Kammerorchester.

          Der Druck sei „sehr, sehr groß“, sagt Christian Ludwig und bestellt zwei Kugeln Fruchteis mit Sahne. Es ist ein schwüler Sommertag, und den jungen Leiter des Kölner Kammerorchesters hat es hinausgezogen in ein italienisches Café in der Fußgängerzone von Brühl, der kulturreichen Stadt zwischen Köln und Bonn. Ludwig bereitet die neue Spielzeit seines Ensembles vor. Eine wichtige Mission, denn das private Orchester lebt von der Zuschauerzahl und der Gunst wohlwollender Geldgeber. Der junge Ludwig steht voll in der Verantwortung. Er legt längere Pausen ein, lauscht seinen Worten nach und lässt das Eis im Mund zergehen. Er redet über Stress und wirkt doch nicht getrieben, sondern entspannt. Vielleicht liegt das daran, dass er in seiner Karriere schon einen gewaltigen Bruch erfolgreich überwunden hat.

          Mit gerade 31 Jahren ist Christian Ludwig künstlerischer Leiter des Kölner Kammerorchesters, das sich mit Programmen aus Barock und Klassik nicht nur im Rheinland einen guten Ruf erspielt hat. Ludwig, dessen gescheitelte schwarze Haare weit über die Ohren fallen, gilt als jemand, der aus der Musik ihre spezifischen Motive präzise herausarbeitet und betont. Ludwig dirigiert, er wählt die Solisten aus und gibt auch bei der Weiterentwicklung des künstlerischen Inhalts den Ton an. Dass ein Mann von seiner Jugend eine solche Rolle einnimmt, fällt umso mehr auf, weil sein Vorgänger den Begriff Instanz personifizierte – der heutige Intendant Helmut Müller-Brühl hatte das Orchester 45 Jahre lang geleitet.

          „Ich war am absoluten Tiefpunkt“

          Es kommt hinzu, dass der junge Mann seine Karriere bereits einmal neu starten musste. Ludwig war erst 21 Jahre alt und ein aufstrebender Geiger, als seine linke Hand sein Dasein als Solist beendete. „Die Finger waren plötzlich nicht mehr so schnell, wie sie sein sollten“, erinnert er sich. Für Violinisten ist schnelle Präzision alles – umso verzwickter Ludwigs damalige Lage. Seit seiner Jugend hatte er mit eiserner Disziplin an seiner Kunst gefeilt. Was sollte er nun tun, um der Schwäche zu begegnen? Er intensivierte sein Training, wie ein Leistungssportler, der vergisst, seinen Muskeln auch Erholung und Ausgleich zu bieten. „Ich habe immer mehr geübt, weil ich dachte, das sei die einzige Chance, um wieder in Form zu kommen.“ Doch das Ergebnis verschlechterte sich. Binnen weniger Wochen war an Konzerte nicht mehr zu denken. „Ich war am absoluten Tiefpunkt, nichts ging mehr“, sagt er und schaut auf seine feingliedrige linke Hand, „alles stand kopf.“

          Um die Dimension der damaligen Ratlosigkeit des Musiktalents zu begreifen, reicht ein Blick auf seine Biographie. Er kam als Sohn einer koreanischen Sängerin und eines deutschen Klavierprofessors in Köln zur Welt, lernte früh spielerisch den Umgang mit Instrumenten. „Wie andere gemeinsam essen oder fernsehen, haben wir zusammen musiziert“, sagt Ludwig – sein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder ist heute Solocellist am Karlsruher Theater. Christian Ludwig wollte schon mit dreizehn Jahren die Musik zu seinem Beruf machen. An die Kölner Musikhochschule ging er bereits, seit er zwölf Jahre alt war, nach der elften Klasse brach er das Gymnasium ab und begann sein Geigenstudium, erst in Köln, danach an der Guildhall School und gleichzeitig für Kammermusik beim Alban-Berg-Quartett in London. Gern erinnert er sich an den Jahreswechsel 1998/99, als er mit dem Berliner Konzerthausorchester auftrat. Er spielte die Carmen-Fantasie von Sarasate und Ravels Tzigane – sein erstes Konzert, das er als Solist vor großem Publikum mit prominentem Orchester gab. Danach avancierte er zum gefragten Solisten bei Musikfestivals in Dresden, Davos und im Rheingau. Und dann, plötzlich, versagte seine Hand.

          Parkinson-Mittel und Botoxspritzen helfen nicht

          Ludwig verbrachte ein Dreivierteljahr mit Akupunktur, Chiropraktik und der Suche nach Heilung. Seine Karriere entglitt ihm, und die Leute in der Szene tuschelten, er habe etwas Schlimmes am Ohr. Ludwig, der sich selbst „sensibel“ nennt, litt unter solchen Gerüchten. Es waren seine Eltern, die den Spross unterstützten, die versuchten, ihm zu helfen. Doch Ludwig sagt: „Hindurch muss man schon selbst.“

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