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Carsten Maschmeyer : Auf der Suche nach Anerkennung

Carsten Maschmeyer Bild: Röth, Frank

Carsten Maschmeyer gilt vielen als die Verkörperung eines Finanzhais. Dabei trieb den AWD-Gründer einst ein Helfersyndrom an, sagt er.

          Die Szene aus dem Jahr 2010 ist allzu typisch. Thomas Gottschalk sitzt neben Carsten Maschmeyer. „Sie können sich an diesem Mann bitter rächen“, bietet der Moderator seinen Zuschauern an. Maschmeyer lässt es über sich ergehen. Er hat zugesagt, dass er den Spendenerlös der Fernsehgala um zehn Prozent aufstocken wird. Dass am Ende von „Ein Herz für Kinder“ mehr als 13 Millionen Euro zusammenkommen und er so um fast eineinhalb Millionen leichter nach Hause geht, steckt er mit seinem charmantesten Lächeln weg. Und doch bleibt er für viele der Drücker, der Finanzhai.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Kurz vor Weihnachten tauchte er plötzlich im Strudel der Kreditaffäre um Bundespräsident Christian Wulff auf. Es war herausgekommen, dass Maschmeyer die Werbung für Wulffs Buchpublikation finanziert hatte. Seither gilt er als führender Amigo von der Leine. Warum er das getan hat, darüber will er nicht sprechen. Nur so viel: Warum er als Multimillionär bescheiden auftreten sollte, das leuchtet einem der erfolgreichsten deutschen Finanzvertriebler nicht ein. Es sei reiner Zufall, dass sich so vieles auf Hannover konzentriere, dass so viele Politiker von dort kommen und dass er über sein Netzwerk auch noch die beliebte deutsche Schauspielerin Veronica Ferres kennen- und lieben lernte.

          Maschmeyer gehört dazu. Dass vieles, was Rang und Namen hat, seine Partys schmückt, ist das i-Tüpfelchen einer fast beispiellosen Aufsteigerkarriere. Eines Wegs über Elefantenritte auf Veranstaltungen seines Finanzvertriebs AWD, über knallbunte Krawatten und Goldkettchen als Wohlstandssignale und über ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt. „Früher war ich Plakatkleber der Scorpions. Irgendwann stand ich mit dabei. Und dann hieß es, der Carsten soll auch mit essen gehen“, sagt er über seinen Einstieg in die Welt der Prominenten von Hannover.

          „Ich habe gespürt, helfen zu wollen“

          Dabei schwingt immer noch die Suche nach Anerkennung mit, das Verlangen nach den Schulterklopfern aus seiner Jugend. Vaterlos aufgewachsen, hat er sich seinen Respekt über außergewöhnliche Leistungen im Sport und in der Schule erkämpft. Unwissen und Ehrgeiz standen ihm aber ein ums andere Mal im Weg. „Aus Unkenntnis über die richtige Ernährung habe ich statt Wasser Milch getrunken, statt Nudeln Gulasch gegessen.“ Übertrainiert sei er in die Wettkämpfe gegangen. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, niedersächsischer Meister im Mittelstreckenlauf zu werden.

          „Ich bewunderte erfolgreiche Menschen“, sagt er, um seinen ersten Berufswunsch zu erklären: Sportmediziner. „Für mich bedeutete das, dass man sich etwas leisten konnte. Ich wollte leben, wie wir nicht lebten.“ Der gebürtige Bremer ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Ein Praktikum in einer Hildesheimer Klinik entfacht sein Feuer. „Ich habe gespürt, helfen zu wollen“, behauptet er. Doch das Grundstudium langweilt ihn. Im vierten Semester kann er seine Kommilitonen im Psychologie-Seminar mit seiner Eloquenz begeistern. „Du kannst ja fast schon so gut reden wie unser Professor“, loben sie ihn.

          Zunächst Bausparverträge

          Doch ein Tunesien-Urlaub legt im Jahr 1978 eine andere berufliche Fährte. Hier lernt Maschmeyer einen Vertreter des OVB-Vertriebs kennen - beim Sandburgenbau. Der will ihn anwerben. Doch Maschmeyer bleibt standhaft, bis er sein Auto zu Schrott fährt. „Da wollte ich schon vor Ende des Studiums Geld verdienen.“ Zunächst verkauft er Bausparverträge. Er lässt sich den Schnurrbart stehen, um älter auszusehen, hält sich aber die Tür zur Medizin offen, indem er zunächst nebenberuflich berät. „Mein Weg hatte drei Komponenten: Ich wollte helfen, Erfolg haben und mir etwas leisten können.“

          Die Unterschrift seiner Kunden interpretiert Maschmeyer als ihren Applaus, ähnlich dem Schulterklopfen seiner Jugend. Dass er ihnen zeigen kann, wie viel Geld sie verschenken, interpretiert er als Hilfsdienst. „Statt Arzt wurde ich eine Art Finanzarzt.“ Bald vertreibt er auch Lebensversicherungen. Zugleich kann er sich Symbole des Aufstiegs leisten: ein größeres Auto, eine neue Wohnung. Die Mitstudenten werden aufmerksam. Erfolg und Charisma treiben ihm Kunden und neue Handelsvertreter zu. Mit 24 Jahren wird ihm eine Position angeboten, die ihn zum Chef von 3000 Vertretern macht, an deren Provisionen er mitverdient.

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