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Berthold Huber : Arbeiterführer auf Umwegen

  • -Aktualisiert am

Geradlinig ist Hubers Karrierepfad nicht verlaufen Bild: AP

Mit 28 Jahren war er Betriebsratsboss, mit 35 Philosophiestudent, mit 40 Funktionär und alleinerziehender Vater und mit 57 wird er vielleicht IG-Metall-Chef: Berthold Hubers Ehrgeiz geht in der Sacharbeit auf.

          Ich habe noch nie in meinem Leben irgendeinen Titel angestrebt. Das ist nichts, was mich bewegt. Mein Ehrgeiz waren immer die Themen. Da war ich immer der Treiber." Soll man das einem glauben, der im November zum Chef der größten und mächtigsten deutschen Einzelgewerkschaft mit mehr als 2,3 Millionen Mitgliedern gewählt werden will? Vielleicht doch. Geradlinig ist Hubers Karrierepfad jedenfalls nicht verlaufen, Umwege sind sein Markenzeichen.

          Immer wieder hat der heute Sechsundfünfzigjährige zu Gunsten der Familie oder der Organisationsräson zurückgesteckt, sich zurückgenommen, hat dort, wo sich andere längst am Ziel wähnen, umgesattelt und noch mal ganz von vorn angefangen, hat es vorgezogen, eine Auszeit zu nehmen und seinen Horizont zu erweitern, statt auf der Karriereleiter ein Treppchen weiter nach oben zu steigen. Als Verzicht oder gar Opfer hat er das nie empfunden. Eher als - mitunter schmerzhaften - Lernprozess, der ihn zu dem gemacht hat, was er ist: selbständig und selbstbewusst. Und gleichwohl - oder gerade deshalb - fast am Ziel.

          Alles fliegt ihm zu

          Am Anfang geht alles rasend schnell. Alles fliegt ihm zu. Ausgestattet mit großem Latinum und Graecum, einer streng katholischen Erziehung ("Wir sind nicht nur einmal in der Woche in die Kirche gegangen") und den Erfahrungen aus einer Großfamilie mit sechs Geschwistern, beginnt er nach dem Zivildienst eine Werkzeugmacherlehre beim Ulmer Bushersteller Kässbohrer und engagiert sich dort als Jugendvertreter. Vier Jahre später wird er in den Betriebsrat gewählt, mit 28 Jahren ist er schon Betriebsratschef und freigestellt. "Ich war ein mächtiger Mann in dem Betrieb und habe mich um 5000 Mitarbeiter gekümmert." Das Vertrauen, das ihm die Belegschaft entgegenbringt, ist so groß, dass ihn die Wahlergebnisse manchmal selbst ein wenig schwindlig machen.

          Andere hätten diesen Erfolg genossen und die nächsten Schritte auf der Karriereleiter geplant, doch Huber entscheidet anders. "Willst du das dein ganzes Leben machen?" fragt er sich - und verneint. Statt als hauptamtlicher Funktionär zur IG Metall zu wechseln, wie es die traditionelle gewerkschaftliche "Ochsentour" verlangt, gönnt er sich eine Orientierungsphase zur Selbstfindung. Er tauscht das Betriebsratsbüro gegen den Hörsaal und studiert in Frankfurt Geschichte und Philosophie. Als Nachfolger für den Betriebsratsvorsitz schlägt er einen Kollegen vor, mit dem er sich oft in den Haaren gelegen hat. Die Intelligenz und die Integrität des Mannes sind ihm wichtiger als persönliche Animositäten. Hubers Wahl erweist sich als Glücksgriff - weil es ihm um die Sache ging.

          Mauerfall nimmt linke Illusion

          Auch an der Universität kommt er gut voran. Nach vier Jahren hat er alle Scheine zusammen, will seine Magisterarbeit über die expansive Lohnpolitik von Viktor Agartz schreiben und gleich eine Dissertation über den politischen Mythos am Beispiel des Versailler Vertrags nachlegen. Das Material hierfür hat er längst zusammen und auch schon einen Doktorvater gewonnen - doch dann kommt wieder einmal alles anders: Die Berliner Mauer fällt. Huber zieht es in den Osten. Er ist nicht einverstanden damit, wie die IG Metall, für die er als Student nebenher Schulungsleitfäden verfasst, auf den Umbruch reagiert. Die Entwicklung werde sich viel dynamischer und schneller vollziehen, schreibt er an den damaligen Gewerkschaftschef Franz Steinkühler, den er seit den siebziger Jahren kennen und schätzen gelernt hat. Steinkühler wischt die Mahnungen zunächst beiseite. Doch schon wenige Wochen später besinnt er sich eines Besseren, heuert Huber an und schickt ihn nach Leipzig. Er soll dort die Gewerkschaft aufbauen.

          Der junge Metallfunktionär ist entsetzt, als er sieht, wie der real existierende Sozialismus die zu befreiende Klasse über Jahrzehnte entmündigt hat. "Die maroden Kombinate, die verfallene Stadt und das riesige Stasi-Archiv mit Tausenden von Hängeordnern haben mir viele Illusionen genommen." Huber erkennt, dass er mit intellektueller Larmoyanz nicht weiterkommt. "Die Zeit war reif, um sich zu engagieren und die Dinge anzupacken." Er will nicht länger abseits stehen, sondern mithelfen, demokratische Fundamente zu errichten. Er tritt in die SPD ein - nicht um sich wie andere in deren engen Netzwerken nach oben zu hangeln, sondern um den Realitätsschock durch aktives Tun zu überwinden. Huber handelt so, wie es seinem Selbstverständnis und seinem Menschenbild entspricht. Er weigert sich, die Mitglieder und Funktionäre der Ost-Gewerkschaft einfach zu übernehmen, wie es andere Organisationen tun. Solche Automatismen passen nicht zu seiner Auffassung von Gewerkschaften. Diese sollen den Menschen ja nicht das Denken abnehmen, sondern sie emanzipieren. Also druckt er 60 000 Aufnahmescheine. Jedes Mitglied soll selbst entscheiden, ob es in die IG Metall eintritt. Und Hauptamtlicher bleiben darf nur, wer in dieses Amt gewählt wird. "Freie Gewerkschaften können auf solche Gesten nicht verzichten", ist er auch heute noch überzeugt.

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