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Amir Roughani : Von Teheran ins Ungewisse

Amir Roughani Bild: Müller, Andreas

Als Kind kommt Amir Roughani ohne Eltern nach Deutschland. Von der Hauptschule arbeitet sich der Iraner hoch - bis zum eigenen Unternehmen.

          Als Amir Roughani mit elf Jahren allein in eine ungewisse Zukunft aufbricht, ist erst einmal alles ein großes, spannendes Abenteuer. Im Sommer 1987 haben seine Eltern entschieden, dass sie ihren Sohn aus Iran fortschicken werden. Das Land steht im Krieg mit dem Nachbarn Irak. Wenn der Sohn bleibt, droht ihm der Wehrdienst. Mit 14, 15 Jahren zieht die iranische Armee neue Kämpfer heran. Roughanis älterer Bruder Sharam ist deshalb schon nach Deutschland gegangen. Nun soll Amir folgen.

          Im Jahr zuvor hat er Sharam zum ersten Mal in Berlin besucht und staunte dort über den Überfluss in den Geschäften: In seiner Heimat liegen kaum Spielzeuge oder Süßigkeiten in den Läden. Deshalb freut sich Roughani, als seine Eltern ihn zum Flughafen in Teheran bringen. „Wow, ich in Deutschland: Da kann ich ein schönes Leben führen“, schildert Amir Roughani die Gedanken des Jungen, der er damals war. „Der Konsequenzen war ich mir überhaupt nicht bewusst.“ Erst als sie sich verabschieden, wird ihm mulmig. Als er in Berlin-Tegel landet, kommt Angst dazu: Wird sein Bruder ihn auch wirklich wie besprochen abholen?

          Wenn er heute darüber spricht, strahlt er nichts mehr von der Trauer aus, die er vor gut einem Vierteljahrhundert gespürt hat. Der Gründer des Münchner Technologieunternehmens Vispiron redet abgeklärt über Heimweh und Einsamkeit. Nüchtern betrachtet er die Fakten und ordnet sie. So, wie er es wohl auch in Verhandlungen mit seinen Kunden machen würde, wenn er versucht, ihnen die neueste Messtechnik zu verkaufen oder das elektronische Fahrtenbuch, das seine Ingenieure entwickelt haben. „Angerührt“ ist eines der Worte, die Roughani benutzt, um das Gefühlswirrwarr zu beschreiben. Nur über diese Erfahrungen lässt sich erklären, wie ein erfolgreicher Unternehmer aus dem Kind wurde, das mit ein paar Mark in der Tasche in ein fremdes Land aufbrach.

          „Geht nicht, gibt es nicht“

          An der Wand im Foyer von Vispiron kann jeder Besucher lesen, mit welcher Einstellung Roughani aus schlechten Startbedingungen ein denkbar gutes Ergebnis geschaffen hat: Dort stehen die Leitlinien des Unternehmens, dessen Name sich aus den Wörtern Vision und Inspiration zusammensetzt. „Geht nicht, gibt es nicht“ ist einer dieser Sätze. Drei Buchstaben bündeln die Eigenschaften, die Roughani nach eigenem Bekunden schon als Kind verinnerlicht hatte und die er auch von seinen Mitarbeitern erwartet: LOS - Lösungen finden, Offenheit zeigen und die Spannung erhalten.

          „Die Trennung von meinen Eltern war entscheidend dafür, dass ich es geschafft habe“, sagt Roughani. Gerade weil er viel habe aufgeben müssen, sei die frühe Entwurzelung für ihn zum Antrieb geworden. Sie habe ihm Kraft verliehen, gegen Widerstände zu kämpfen. Der erste Widerstand erwartet ihn, Stunden nachdem er in Berlin gelandet ist: Als Amir und Sharam im Neuköllner Kinderheim auftauchen, in dem der Bruder lebt, werden sie kühl empfangen. „Wer ist das denn?“, fragen die Mitarbeiter. „Das ist mein Bruder“, antwortet Sharam. „Und was macht der hier?“ - „Der soll hier bleiben.“ Es sei ein Freitag gewesen, erinnert sich Roughani. „Am Montag drauf habe ich politisches Asyl beantragt.“

          Die ersten Monate sind hart für den Jungen: Er weint regelmäßig, auch weil er sich nicht verständigen kann. Er kommt auf die Thomas-Morus-Oberschule, eine Hauptschule. „Das war schon damals ein Brennpunkt“, sagt Roughani. In der speziellen Ausländerklasse, in die er gesteckt wird, lernt er mehr Türkisch als Deutsch.

          Die Schwaben Irans

          Aber dann begegnen ihm Menschen, die ihn fördern und fordern. Erst die Mathematiklehrerin, die sich dafür einsetzt, dass Roughani in eine reguläre Klasse kommt. Später der Nachhilfelehrer aus dem Kinderheim: Eigentlich hat der Lehrer pro Tag fünf Stunden für alle Heimkinder zur Verfügung. Im Plan trägt sich Roughani für jeden Tag als Erster ein. Als seine Stunde herum ist, kommt der nächste Junge nicht. „Willst du weitermachen?“, fragt der Nachhilfelehrer. Roughani sichert sich so drei, vier Stunden Einzelunterricht am Tag.

          Es ist ein bisschen wie in BWL-Vorlesungen, die Roughani später als Student besuchen wird: Es gibt eine Nachfrage, die er steuert. „Das Glück lag darin, dass bei mir der Wille da war.“ Es gibt aber auch immer ein Angebot: Die Nachhilfe im Kinderheim. Das Vereinsleben im Kegelklub Rot-Weiß Berlin, für den er in der Bundesliga antritt. Oder sein väterlicher Betreuer bei Schering, der ihn während seiner Ausbildung zum Chemikanten fördert. Keine fünf Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland bewirbt sich Roughani bei dem Pharmahersteller - eine Trotzreaktion: Eine Lehrerin behauptet, dass keiner aus der Hauptschulklasse dort einen Ausbildungsplatz ergattern könne.

          Gerade solche Sätze spornen Roughani an. Er stammt aus Isfahan, der Stadt, deren Einwohnern nachgesagt wird, sie seien die Schwaben Irans: sparsam und fleißig. Roughani ist vor allem Letzteres, und so lernt er ein halbes Jahr früher aus, nur um zu zeigen, dass er auch das schafft. „Es gibt in Deutschland für jeden die Chance, sich sehr weit nach oben zu entwickeln“, davon ist Roughani überzeugt. „Doch für jemanden, der aus dem Ausland kommt und ganz unten anfängt, ist dieser Weg mit vielen zusätzlichen Hürden verbunden.“ Mit Ehrgeiz, mit der Hilfe von Menschen, die es gut mit ihm meinten, und mit ein bisschen Glück habe er diese Hürden genommen.

          Keine einzige Zigarette

          Manchmal hätte er hängenbleiben können: Im Kinderheim bekommt er mit, wie die anderen Jugendlichen ihre Zeit mit Schuleschwänzen totschlagen, rumhängen, rauchen. Wenn sie ihm eine Zigarette oder gar einen Joint anbieten, lehnt er ab. Die anderen akzeptieren, dass er nicht mitmacht, ohne Roughani dafür zu verachten. „Ich bin stolz darauf, dass ich bis heute keine einzige Zigarette geraucht habe“, sagt der inzwischen 36 Jahre alte Unternehmer. Weil er seinen Willen mit Überzeugung vertritt, sei er nicht der „Schleimer, Spießer oder Außenseiter“ gewesen, sondern einfach nur jemand, „der sein Ding durchzieht“.

          Vor der Wand mit den Unternehmensleitlinien stehen Beweise, dass Roughani es bis zuletzt durchgezogen hat: Sieben Glaskörper mit Aufschriften wie „Karriere des Jahres 2009“ oder „Bayerischer Gründerpreis 2007“. Auf dem Tisch davor zwei Bücher: „365 Orte - eine Reise zu den besten Ideen Deutschlands“ und „Gesichter & Geschichten - Migrantinnen und Migranten gründen Unternehmen und bilden aus“. Die Seiten über Roughanis Lebensgeschichte sind mit schmalen, bunten Post-It-Streifen markiert.

          „Man kann mein Leben nicht alleine unter ein Glanzlicht stellen“, sagt der vielfach Ausgezeichnete bescheiden. „Ich hatte auch mit Problemen zu kämpfen.“ Nach der Ausbildung bei Schering holt er parallel zur Schichtarbeit seine Fachhochschulreife nach und beginnt dann ein Studium der Verfahrenstechnik. „Da bin ich durch einige Fächer durchgefallen, weil ich mich nicht motivieren konnte.“ Wirtschaftsingenieurwesen liegt ihm mehr. „Es ist auch bei mir abhängig, ob mich Dinge ansprechen und ob sie meinen Fähigkeiten entsprechen.“

          Darlehen der Eltern

          Nach dem Studium arbeitet er erst für einen IT-Dienstleister und wechselt auf der Höhe der New Economy zur Kirch-Gruppe. Aber die Blase am Neuen Markt platzt, die Kirch-Gruppe gerät in Schieflage, und Roughani macht sich selbständig - mit Geld von der Bank und einem Darlehen der Eltern. „Ich hatte sehr viel Respekt vor der Selbständigkeit“, sagt er. Aber wie an seinem ersten Tag in Deutschland habe er die Gewissheit gehabt, dass er sich auf eines verlassen kann: „Im Falle eines Scheiterns wären meine Eltern uneingeschränkt für mich dagewesen.“

          Roughanis Vispiron hat zuletzt rund 35 Millionen Euro umgesetzt. Seit der Gründung im Jahr 2004 hat sich die Anzahl der Mitarbeiter auf 154 mehr als verzehnfacht. Einer davon ist sein Bruder Sharam, der bei Vispiron als Entwicklungsingenieur arbeitet. Das Darlehen an die Eltern ist längst zurückgezahlt. Auch das Erwartungskonto seiner Eltern hat Roughani gut gefüllt. „Mach was draus“, hatten ihm Mutter und Vater auf dem Flughafen in Teheran mit auf den Weg gegeben. „Heute sind sie unheimlich stolz auf mich“, sagt der Unternehmer. Nur mit einem kämen sie nicht so gut klar: dass er es nur selten schaffe, sich bei ihnen zu melden. „Das sehen die beiden kritisch“, sagt Roughani und lächelt. So, als ob er auch diese Herausforderung irgendwann bewältigen wird.

          Zur Person

          Amir Roughani wird am 15. Juli 1975 in Isfahan in Iran geboren und verbringt dort seine Kindheit.

          Mit elf Jahren schicken ihn seine Eltern wegen des Iran-Irak-Krieges nach Deutschland, wo er in Berlin politisches Asyl beantragt.

          Nach dem Hauptschulabschluss beginnt er eine Ausbildung zum Chemikanten bei der Schering AG, macht seine Fachhochschulreife und studiert Wirtschaftsingenieurwesen.

          Er arbeitet unter anderem bei der Kirch AG und macht sich nach deren Pleite 2002 selbständig.

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