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Amir Roughani : Von Teheran ins Ungewisse

Es ist ein bisschen wie in BWL-Vorlesungen, die Roughani später als Student besuchen wird: Es gibt eine Nachfrage, die er steuert. „Das Glück lag darin, dass bei mir der Wille da war.“ Es gibt aber auch immer ein Angebot: Die Nachhilfe im Kinderheim. Das Vereinsleben im Kegelklub Rot-Weiß Berlin, für den er in der Bundesliga antritt. Oder sein väterlicher Betreuer bei Schering, der ihn während seiner Ausbildung zum Chemikanten fördert. Keine fünf Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland bewirbt sich Roughani bei dem Pharmahersteller - eine Trotzreaktion: Eine Lehrerin behauptet, dass keiner aus der Hauptschulklasse dort einen Ausbildungsplatz ergattern könne.

Gerade solche Sätze spornen Roughani an. Er stammt aus Isfahan, der Stadt, deren Einwohnern nachgesagt wird, sie seien die Schwaben Irans: sparsam und fleißig. Roughani ist vor allem Letzteres, und so lernt er ein halbes Jahr früher aus, nur um zu zeigen, dass er auch das schafft. „Es gibt in Deutschland für jeden die Chance, sich sehr weit nach oben zu entwickeln“, davon ist Roughani überzeugt. „Doch für jemanden, der aus dem Ausland kommt und ganz unten anfängt, ist dieser Weg mit vielen zusätzlichen Hürden verbunden.“ Mit Ehrgeiz, mit der Hilfe von Menschen, die es gut mit ihm meinten, und mit ein bisschen Glück habe er diese Hürden genommen.

Keine einzige Zigarette

Manchmal hätte er hängenbleiben können: Im Kinderheim bekommt er mit, wie die anderen Jugendlichen ihre Zeit mit Schuleschwänzen totschlagen, rumhängen, rauchen. Wenn sie ihm eine Zigarette oder gar einen Joint anbieten, lehnt er ab. Die anderen akzeptieren, dass er nicht mitmacht, ohne Roughani dafür zu verachten. „Ich bin stolz darauf, dass ich bis heute keine einzige Zigarette geraucht habe“, sagt der inzwischen 36 Jahre alte Unternehmer. Weil er seinen Willen mit Überzeugung vertritt, sei er nicht der „Schleimer, Spießer oder Außenseiter“ gewesen, sondern einfach nur jemand, „der sein Ding durchzieht“.

Vor der Wand mit den Unternehmensleitlinien stehen Beweise, dass Roughani es bis zuletzt durchgezogen hat: Sieben Glaskörper mit Aufschriften wie „Karriere des Jahres 2009“ oder „Bayerischer Gründerpreis 2007“. Auf dem Tisch davor zwei Bücher: „365 Orte - eine Reise zu den besten Ideen Deutschlands“ und „Gesichter & Geschichten - Migrantinnen und Migranten gründen Unternehmen und bilden aus“. Die Seiten über Roughanis Lebensgeschichte sind mit schmalen, bunten Post-It-Streifen markiert.

„Man kann mein Leben nicht alleine unter ein Glanzlicht stellen“, sagt der vielfach Ausgezeichnete bescheiden. „Ich hatte auch mit Problemen zu kämpfen.“ Nach der Ausbildung bei Schering holt er parallel zur Schichtarbeit seine Fachhochschulreife nach und beginnt dann ein Studium der Verfahrenstechnik. „Da bin ich durch einige Fächer durchgefallen, weil ich mich nicht motivieren konnte.“ Wirtschaftsingenieurwesen liegt ihm mehr. „Es ist auch bei mir abhängig, ob mich Dinge ansprechen und ob sie meinen Fähigkeiten entsprechen.“

Darlehen der Eltern

Nach dem Studium arbeitet er erst für einen IT-Dienstleister und wechselt auf der Höhe der New Economy zur Kirch-Gruppe. Aber die Blase am Neuen Markt platzt, die Kirch-Gruppe gerät in Schieflage, und Roughani macht sich selbständig - mit Geld von der Bank und einem Darlehen der Eltern. „Ich hatte sehr viel Respekt vor der Selbständigkeit“, sagt er. Aber wie an seinem ersten Tag in Deutschland habe er die Gewissheit gehabt, dass er sich auf eines verlassen kann: „Im Falle eines Scheiterns wären meine Eltern uneingeschränkt für mich dagewesen.“

Roughanis Vispiron hat zuletzt rund 35 Millionen Euro umgesetzt. Seit der Gründung im Jahr 2004 hat sich die Anzahl der Mitarbeiter auf 154 mehr als verzehnfacht. Einer davon ist sein Bruder Sharam, der bei Vispiron als Entwicklungsingenieur arbeitet. Das Darlehen an die Eltern ist längst zurückgezahlt. Auch das Erwartungskonto seiner Eltern hat Roughani gut gefüllt. „Mach was draus“, hatten ihm Mutter und Vater auf dem Flughafen in Teheran mit auf den Weg gegeben. „Heute sind sie unheimlich stolz auf mich“, sagt der Unternehmer. Nur mit einem kämen sie nicht so gut klar: dass er es nur selten schaffe, sich bei ihnen zu melden. „Das sehen die beiden kritisch“, sagt Roughani und lächelt. So, als ob er auch diese Herausforderung irgendwann bewältigen wird.

Zur Person

Amir Roughani wird am 15. Juli 1975 in Isfahan in Iran geboren und verbringt dort seine Kindheit.

Mit elf Jahren schicken ihn seine Eltern wegen des Iran-Irak-Krieges nach Deutschland, wo er in Berlin politisches Asyl beantragt.

Nach dem Hauptschulabschluss beginnt er eine Ausbildung zum Chemikanten bei der Schering AG, macht seine Fachhochschulreife und studiert Wirtschaftsingenieurwesen.

Er arbeitet unter anderem bei der Kirch AG und macht sich nach deren Pleite 2002 selbständig.

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