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Alessandro Profumo : Die Nummer eins in Mailand

Mit nahezu teutonischer Konsequenz: Unicredit-Chef Alessandro Profumo Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

Er wollte Professor werden und stand plötzlich am Bankschalter, sammelte als Unternehmensberater Menschenkenntnis und krempelte Italiens Bankenlandschaft um. Heute ist Alessandro Profumo einer von Europas Topbankern.

          Für den wichtigsten Banker der Europäischen Währungsunion war der Beginn der Berufslaufbahn genau das Gegenteil dessen, was in der Theorie der einschlägigen Ratgeber als optimaler Karrierestart gilt: Er habe Volkswirtschaft studiert mit dem Ziel, Universitätsprofessor zu werden. Doch ganz unerwartet, erzählt Profumo freimütig, habe er sich in der Rolle des Familienvaters gefunden. Er heiratete die Freundin, die noch heute seine Frau ist, und verdiente den Lebensunterhalt für Frau und Sohn als Bankangestellter. "Ich habe Jahre als arbeitender Student verbracht und dabei alle Arbeiten verrichtet, die es in einer Bankfiliale gibt", berichtet Profumo.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Begonnen hat er seine Karriere als Banker, indem er im Alter von zwanzig Jahren monatelang Wechsel abstempelte. Das Regionalinstitut, das längst in einer anderen italienischen Großbank aufgegangen ist, hieß damals Banco Lariano. Dort habe man sich allerdings um seine persönliche Entwicklung gekümmert, meint Profumo. Nach zehn Jahren war er Leiter einer Filiale in Mailand. Doch dann weigerte er sich, seine Laufbahn geradlinig fortzusetzen und zum Chef mehrerer Filialen aufzusteigen. "Damals wollte ich die Bank aus einer anderen Perspektive erleben, statt Karriere lieber etwas anderes lernen", sagt Profumo. Das Ziel war bescheiden: Im neu gegründeten Büro für das Bankmarketing wollte er zum Stellvertreter eines neu eingestellten Marktanalytikers berufen werden. Weil der Wunsch abgeschlagen wurde, verließ Profumo seine Bank.

          1000 Gespräche für zehn Einstellungen

          Die nächste Station war ungewöhnlich für damalige Banker. Profumo fing bei McKinsey wieder ganz unten an, mit weniger Gehalt. Doch Geld sei noch nie ein Kriterium gewesen. "Es geht darum, die richtige Chance zu wählen und die Leute, für die man arbeitet." Nicht für alles Gold der Welt habe er irgendwo arbeiten wollen, wo es ihm nicht gefallen hätte. Heute sieht Profumo noch einen weiteren Vorteil in seinen früheren Entscheidungen: "Der Wechsel schafft Unsicherheit, aber gerade das hilft der Entwicklung. Denn man muss sich immer wieder von neuem ins Spiel bringen und mit der Umwelt konfrontieren."

          Im Frankfurter Römer wurde Profumo 2003 als „Europäischer Bankier des Jahres” geehrt

          Der Wechsel in die Unternehmensberatung, zunächst zu McKinsey, brachte nach Meinung des heutigen Starbankers zunächst aber einige handfeste Fertigkeiten für den späteren Weg. Präsentationen vor den Spitzenmanagern vorzutragen, bringe Selbstvertrauen. Die Konfrontation mit immer neuen Problemen schaffe Schnelligkeit beim Erfassen der Grundprobleme und mentale Flexibilität. Der große Aufwand der Unternehmensberater bei der Suche neuer Mitarbeiter mit 1000 Gesprächen für zehn Einstellungen bringe schließlich ein Stück Menschenkenntnis.

          Von manchen für verrückt erklärt

          Nicht missen will Profumo auch die eher kurze Erfahrung bei der italienischen Allianz-Tochtergesellschaft RAS mit der Verantwortung für ein eigenständiges Profitcenter. Er beruft sich auf eine alte römische Weisheit: "Es ist besser, die Nummer eins in Gallien zu sein als die Nummer zwei in Rom." Für den Manager bedeute das, entscheiden zu lernen, auch wenn er allein sei.

          Zur damals gerade privatisierten Bank Credito Italiano kam Profumo 1994 als stellvertretender Generaldirektor und Chef der Abteilung für Strategieplanung. Die Erfahrungen und Ansprüche aus der Unternehmensberatung hat er dort so konsequent angewandt, dass er den neuen Großaktionären sofort auffiel, von manchen Mitarbeitern der Bank aber für verrückt erklärt wurde. Denn für den jungen Profumo war die Eigenkapitalrendite eines der wichtigsten Kriterien. Credito Italiano kam damals noch auf einen Wert von unter 1,4 Prozent. Doch der junge Stratege ließ sich nicht davon abhalten, für die folgenden Jahre den unrealistisch erscheinenden Wert von 11 Prozent als Zielgröße anzupeilen. Er besaß dennoch die taktische Klugheit, den Strategieplan allen leitenden Mitarbeitern vorzustellen und ihnen dazu in die italienischen Regionen hinterherzureisen. Die teils zögerlichen Kollegen aus Profumos Abteilung wurden damit ebenfalls auf den Plan verpflichtet, denn sie wurden so in die Präsentation mit einbezogen, dass sie sich später nicht mehr davon distanzieren konnten.

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