https://www.faz.net/-gyl-136z4

Kolumne „Mein Urteil“ : "Dres. h.c."

  • -Aktualisiert am

Dres. h.c. - das gibt es eigentlich gar nicht Bild: dpa

Mit dem Titel „Dres. h.c.“ unterzeichnet zwar sogar der Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Doch der Titel hat einen gewichtigen Nachteil: Es gibt ihn nicht.

          Der Mensch ist eitel, besonders der akademische Mensch. Während der einfache Absolvent schon recht froh ist, seinem Namen den erarbeiteten (mitunter auch: den erkauften) Doktortitel voranstellen zu dürfen, braucht der akademische Mensch den Ehrendoktor, einen Titel „honoris causa“. Den Menschen zeichnet die Gier aus, und zwar auch jene nach Würde und Titel. So freut er sich, wenn es nicht beim ersten Ehrendoktor bleibt, sondern wenn mehrere Ehrungen hinzukommen. „Dr. h.c. mult.“ - nach dem lateinischen Wort multiplex = vielfach - kann sich der Geehrte nach dem dritten Ehrendoktortitel nennen. Akademische Großfürsten mit zahlreichen Ehrendoktoraten erfahren keine weitere Steigerung mehr.

          Das wiederum wirft nun ein einschneidendes Problem für akademische Kleinfürsten auf, die bei zwei Ehrendoktorwürden „hängengeblieben“ sind: Ihnen ist einerseits das „multiplex“ verwehrt, weil hier nach Art der Naturvölker gezählt wird (eins, zwei, viele). Andererseits besteht ein offenbar erhebliches Abgrenzungsbedürfnis zum akademischen Proletariat mit nur einem kümmerlichen Ehrendoktorat. Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Distinktion findet neue Wege, hier zum „Dres. h.c.“, also „doctores honorum causa“. Mit diesem Titel unterzeichnet sogar der Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

          Dieser Titel hat einen Nachteil: Es gibt ihn nicht. Doctores ist zwar der lateinische Plural von Doktor, er meint aber eben nicht zwei (oder mehr) Titel, sondern zwei (oder mehr) promovierte Personen, etwa die beiden Rechtsanwälte Dres. Albert und Maier. Dres. Müller wäre also das Zeichen für zumindest zwei promovierte Müllers (zum Beispiel ein praktizierendes Ärztepaar). Sonst brauchte man schließlich den „multiplex“ nicht. Kein fachlich Doppelpromovierter (etwa: Dr. iur. Dr. phil. wie Gustav Heinemann) verfiele auf die Idee, sich als Dres. zu bezeichnen. Und kein Kollege mit zwei Professorentiteln würde sich selbst als „Professores“ sehen. Ein Mensch kann sich allenfalls als „Dres.“ bezeichnen, wenn er unter Persönlichkeitsspaltung in mehrere promovierte Teilpersonen leidet.

          Was zeigen solche „Doktorspiele“? Zuerst ein Zuviel an Geltungsdrang und ein Zuwenig an akademischer Bescheidenheit. Zweitens aber zeugen sie von einer Selbstvergessenheit hinsichtlich akademischer Tradition (wie übrigens auch der Fehlgebrauch des transitiven Verbs promovieren) - die mit dem lateinischen Plural pseudogebildet tut und es doch nur falsch macht. Vivat academia, vivant doctores!

          Weitere Themen

          „Der muss sich erst einlaufen“

          Meyers Berufs-Phrasomat : „Der muss sich erst einlaufen“

          Haben Sie Interesse an einer Karriere zwischen Leder, Probiersöckchen und Imprägnierspray? Dann sollten Sie sich die wichtigsten Phrasen für Schuhverkäufer von unserem Satireautor zu Herzen nehmen.

          Im Kampf gegen die Elemente Video-Seite öffnen

          Kind in Schacht gefallen : Im Kampf gegen die Elemente

          Die Lage ist kompliziert und daher kann die Bergung des Kindes nicht so schnell durchgeführt werden, wie ursprünglich erhofft. Sicher ist, dass der Zweijährige in den Schacht gefallen ist, doch ein Lebenszeichen gibt es bis jetzt nicht. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

          Mehr Männer in die Kitas!

          Fachkräftemangel : Mehr Männer in die Kitas!

          In vielen Berufen wird über Frauenquoten diskutiert – bei Erziehern herrscht dagegen Männermangel. Neue Statistiken zeigen: Männer als Tagesväter oder Kita-Personal sind noch immer höchst selten. Das hat Folgen.

          Topmeldungen

          Die Klippen von Dover - noch ohne Mauer

          John Lanchesters Brexit-Roman : Eine Mauer für Großbritannien?

          Als John Lanchester anfing, den Roman „Die Mauer“ zu schreiben, war Donald Trump noch nicht Präsident – und der Brexit sah aus wie eine Unmöglichkeit. Heute liest man das Buch wie eine Vision. Eine Begegnung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.