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Kolumne „Mein Urteil“ : Die Kollegen fordern meine Entlassung - was tun?

  • -Aktualisiert am

Die Kollegen fordern meine Entlassung - was tun? Bild: dpa

Ist Knatsch im Team gleich ein Grund zur Kündigung? Eigentlich nicht, eine Entlassung setzt ein Fehlverhalten voraus. Wann der Streit mit den Kollegen trotzdem heikel werden kann.

          Wer sich bei Kollegen unbeliebt macht, muss deshalb noch lange nicht mit dem Verlust des Arbeitsplatzes rechnen. Denn eine Kündigung setzt ein Fehlverhalten voraus, mit dem der Betroffene seine Vertragspflichten verletzt. Das ist bei atmosphärischen Unstimmigkeiten in der Belegschaft jedoch meist nicht der Fall.

          Anders ist die Sache zu beurteilen, wenn sich Mitarbeiter so stark belästigt fühlen, dass sie beim Arbeitgeber die Entlassung eines bestimmten Kollegen fordern. Einen solchen Fall hatte jüngst das Landesarbeitsgericht (LAG) Baden-Württemberg zu entscheiden (17 Sa 696/15). Die Klägerin war als Lehrerin an einer Privatschule angestellt. Sie stritt mit ihrem Dienstherrn um die Übertragung der kommissarischen Schulleitung. In diesem Zusammenhang ergriffen sieben Lehrer, die Schulsekretärin und der Hausmeister Partei für die Schule. Sie übersandten der Schule eine Erklärung, in der sie ankündigten, ihre Arbeitsverhältnisse kündigen zu wollen, sofern die Schule die Klägerin nicht entlasse.

          Marcel Grobys ist Inhaber einer Kanzlei für Arbeitsrecht in München.

          Daraufhin versuchte die Geschäftsführerin, die Sache in einem gemeinsamen Gespräch mit allen Beteiligten zu klären. Die Verfasser des Schreibens erklärten jedoch, bei ihrer Drohung bleiben zu wollen. Daraufhin kündigte die Schule das Arbeitsverhältnis der Klägerin fristlos. Das LAG hielt die Kündigung für unwirksam. Es ist nach Meinung des Gerichts zwar denkbar, dass ein Arbeitgeber durch Teile der Belegschaft unter so starken Druck gesetzt wird, dass ihm keine andere Wahl bleibt, als eine Kündigung gegenüber einem anderen Mitarbeiter auszusprechen. Dieser Druck könne vor allem dann bestehen, wenn Mitarbeitergruppen kollektiv ihre Kündigungen androhten und dem Unternehmen im Fall der Umsetzung ein Schaden entstehe. Davon war im Streitfall auszugehen, denn die Schule hätte den Unterricht nicht planmäßig fortsetzen können, wenn sieben Lehrer und weitere Hilfskräfte ihr Arbeitsverhältnis zeitgleich aufgegeben hätten.

          Allerdings müsse sich der Arbeitgeber auch schützend vor den Mitarbeiter stellen, dessen Entlassung von der Kollegenschaft gefordert wird. Nach Auffassung des LAG genügt es dafür nicht, wenn formlose Gespräche zwischen den Beteiligten geführt werden. Vielmehr müsse der Arbeitgeber den Beschäftigten auch ein förmliches Mediationsverfahren nach den gesetzlichen Bestimmungen des Mediationsverfahrensgesetzes zur Lösung des Konflikts anbieten. Durch die Einschaltung eines Mediators werde gewährleistet, dass ein angemessenes und faires Verfahren zur Klärung der Sachlage stattfinde. Ob die Beteiligten eine Mediation im konkreten Fall angenommen hätten, sei unerheblich. Allein deshalb, weil die Schule diese Möglichkeit nicht anbot, wurde die Kündigung für unwirksam erklärt.

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