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Meditation : Mit der Klarheit und Stärke eines Samurai

Bild: Tresckow

Einst diente die Zen-Meditation den japanischen Samurai, Klarheit und Stärke zu gewinnen. Führungskräfte der Gegenwart hingegen sollen den Weg zu ihren Kraftzentren entdecken.

          Erst in einigen Stunden werden die ersten Touristenschiffe die Fraueninsel im Chiemsee erreichen. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, der kleine Flecken Land liegt im Morgenschlaf. Nur sieben dunkel gekleidete Gestalten gehen vor dem imposantesten Gebäude der Insel, dem Kloster Frauenwörth, in schnellem Gleichschritt am Ufer entlang.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Den Blick haben sie nach unten gerichtet. An der Seite eines Holzschuppens, wo ein Vordach vor dem leichten Nieselregen schützt, stellen sie sich nebeneinander und verharren bewegungslos. „Nur hören“, lautet der knappe Befehl des Anführers.

          Klang der Glocke soll den Weg weisen

          Fünf Minuten später setzt sich die Gruppe wieder in Bewegung und eilt zurück zum Kloster. Sie läuft die Treppe hinauf und betritt kurz darauf einen großen Raum mit weißen Wänden und hellem Parkett. Hier herrscht Ordnung. Niedrige Holzbänkchen und Sitzkissen stehen und liegen auf quadratischen schwarzen Kissen, die in exakten Reihen angeordnet sind. Die sieben nehmen Platz. In wenigen Minuten wird der Mann, der am Kopfende sitzt, eine Glocke viermal hintereinander anschlagen.

          Dann wird nach der Meditation im Gehen und Stehen im Sitzen meditiert. Der Klang der Glocke soll den Weg weisen in einen Zustand tiefer Versunkenheit. Nur noch bewegungslos dasitzen und auftauchende Gedanken wie Wolken vorüberziehen lassen. Das fällt zumindest den Anfängern schwer, die an diesem zweieinhalb Tage dauernden Zen-Seminar für Führungskräfte teilnehmen. Der Rücken schmerzt, die Knie tun weh, und der Gedankenstrom schwillt an, wenn um einen herum alles still wird.

          In Zen geübte Manager verhalten sich Kollegen gegenüber angemessener

          Dennoch möchten alle nach dem Seminar weiter meditieren, möglichst jeden Tag. Was regelmäßiges Meditieren Gutes bringen kann, haben sie zu Beginn des Kurses von Zen-Lehrer Hinnerk Polenski erfahren. Wenn man an nichts mehr denke und in die eigene Stille versinke, dann finde man leichter den Weg zu seinen Kraftzentren, man könne besser entspannen, werde offener und stärke seine Intuition, sagt Polenski. „Führungskräfte, die regelmäßig Zen praktizieren, finden einen besseren Ausgleich zwischen Berufsleben und Privatleben, haben mehr Freude an der Arbeit und können Herausforderungen leichter bewältigen.“

          Sie bekämen einen Blick für das Wesentliche, erklärt Polenski. Und das spare Zeit. „Wenn man nach dem Aufstehen eine halbe Stunde meditiert und dann vielleicht noch ein bißchen Sport treibt, kann man über den Tag zwei bis drei Stunden gewinnen.“ Auch verhielten sich in Zen geübte Manager gegenüber Kollegen angemessener, weiß Polenski und fügt hinzu: „Angemessener muß nicht milder sein. Es heißt aber, daß man seine schlechte Laune nicht an anderen abreagiert.“

          Berufsleben und Privatleben besser vereinbaren

          Nach den Worten von Polenski, der mehr als zehn Jahre als Unternehmensberater gearbeitet hat und der seit vierzehn Jahren Führungskräfte in der Praxis der Meditation anleitet, nimmt deren Interesse an Zen seit Jahren stark zu. Zu seinen Seminaren kämen keine „Esoteriktouristen“, sondern oft „ganz klassische Manager“ und immer mehr selbständige Unternehmer. Aus Angst vor Vorurteilen verheimlichen jedoch die meisten Führungskräfte, daß sie meditieren. Dabei ist Zen, wie Polenski erklärt, ein traditionelles Elitetraining. So haben die japanischen Samurai mit der Meditation Klarheit und Stärke gewonnen.

          Thomas Terhaar, Mitglied im Vorstand der Deutschen Bank Bauspaar AG, macht keinen Hehl aus seiner Zen-Praxis. Früher sei er hippelig, schnell betroffen und leicht verletzbar gewesen, berichtet er. Doch seit der Vierundvierzigjährige morgens zwanzig Minuten meditiert, und das tut er seit etwa drei Jahren, ist er viel ruhiger geworden. „Von meinen Mitarbeitern bekomme ich die Rückmeldung, daß ich mit kritischen Situationen gelassener umgehe, daß ich in der Krise eine Stütze bin, daß ich meinen Untergebenen mehr Freiraum gebe und Anregungen wirklich aufgreife“, sagt Terhaar. Außerdem habe er, seitdem er Zen übe, das Gefühl, stärker in der Gegenwart zu leben, mehr Zeit zu haben und Berufsleben und Privatleben besser vereinbaren zu können. Von der raschen und tiefgreifenden Wirkung der Meditation war Terhaar überrascht. „Ich habe bisher noch nichts anderes gefunden, über das ich schneller zur Ruhe kommen kann.“

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