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Management Audits : Wenn die Chefs durch den TÜV müssen

  • -Aktualisiert am

Sitzt hier jeder am richtigen Platz? Management-Audits sollen das überprüfen. Bild: Picture-Alliance

Welche Stärken, Schwächen und Potentiale haben eigentlich die Führungskräfte im Unternehmen? Sitzen alle am richtigen Platz? Management Audits sollen genau das herausfinden. Umstritten sind sie trotzdem.

          Zwei Tage waren sie für Kunden, Lieferanten oder Mitarbeiter nur schwer zu sprechen. Im Juni vergangenen Jahres gingen die vier Vorstandsmitglieder des Badezimmerausstatters Grohe in Klausur. In ihrem Fokus: die 420 Führungskräfte des Unternehmens. Auf Karten notierten sie deren wichtige Eigenschaften, die Stärken, Schwächen und Potentiale. Anschließend pinnten sie das Material auf Magnetwände, dann begann das Sortieren. Strukturen wurden hinterfragt, Mitarbeiter wurden auf neue Positionen verschoben – und alsbald entbrannten Diskussionen, wie Lücken zu füllen sind.

          „Es gab intensive Gespräche über die Unternehmensstrukturen, Mitarbeiter und ihre Entwicklungsperspektiven“, sagt der Personalvorstand Michael Mager rückblickend. „Wir wollen mit Grohe weiterwachsen, deshalb mussten wir herausfinden, über welche personellen Ressourcen wir verfügen.“

          Was Mager und seine Vorstandskollegen gemacht haben, hat in der Personalmanagement-Welt eine Vielzahl von Fachbegriffen: Management Appraisal, Management Audit, Management Assessment. Allerdings geht normalerweise nicht der Vorstand dafür in Klausur. Stattdessen kommen zumeist externe Personalberater zum Einsatz, die sich mit den Führungskräften treffen und sie interviewen. So wie aktuell bei Volkswagen. Konzernchef Herbert Diess schleust seit April seine 377 Top-Führungskräfte durch Interviewtermine der Personalfirma Spencer Stuart. Das Beratungsunternehmen soll das Können der Manager beurteilen, ihre Führungsexpertise, ihre Motivation, ihre Leistung und ihr Potential. Man könnte auch sagen: Die Chefetage soll auf Herz und Nieren geprüft werden.

          „Eine große Blackbox“

          Während in Deutschland wie auch im Ausland rege auf dieses Instrument gesetzt wird, ist in der Wissenschaft durchaus umstritten, wie gut und nützlich solche Generalüberprüfungen der Managementriege sind. Stephan Weinert, Professor für Internationales Personalmanagement an der Hochschule Ludwigshafen am Rhein, sagt: „Management Audits sind eine große Blackbox. Die mangelnde Transparenz in dem Markt ist umso erschreckender, weil es um die erfolgskritischen Positionen der deutschen Wirtschaft geht.“

          Konkret bezweifelt Weinert, dass die Anbieter stets valide und wissenschaftlich fundierte Verfahren einsetzen. „Management Audits basieren größtenteils auf Interviews“, sagt Weinert. „Das ist bedenklich, weil Interviews kein valides Prognoseverfahren darstellen.“ Zum anderen würden wissenschaftliche Studien zeigen, dass die sinnvolle Kombination mehrerer Verfahren einem Einzelverfahren deutlich überlegen sei.

          Nicht zuletzt kritisiert Weinert, dass es keinen einheitlichen Standard in der Personalberater-Branche gibt. „Der ideale Berater kombiniert ökonomische und psychologische Fachexpertise. In der Praxis findet man jedoch häufig nur Berater, die entweder BWLler oder Psychologe sind. Beides springt zu kurz.“

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