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Leben und Arbeiten in Paris : Reizvolle Schönheit mit Schattenseiten

Entspannen läßt sich hier auch Bild: AP

Paris verlangt von Entsandten aus dem Ausland gute Sprachkenntnisse, ein dickes Finanzpolster und eine gewisse Lockerheit des Seins. Aber Paris ist auch ein Moloch.

          Kaum eine Weltstadt ist so oft besungen und gerühmt worden wie Paris - und dies zu Recht. Paris ist dank seiner Architektur, seines unermeßlichen Kulturangebots, der französischen Küche und der gallischen Lebenskunst, des "savoir vivre", eine faszinierende Stadt, die selbst einen dort schon seit vielen Jahren Lebenden immer wieder mit neuen Reizen verführt. Wer einige Jahre in Paris verbracht hat, wird auch nach seinem Wegzug einen Teil seines Herzens an der Seine zurücklassen. Aber Paris ist auch ein Moloch: Zwar zählt die laute und hektische Stadt nur 2,2 Millionen Einwohner; rechnet man jedoch das Umland hinzu, entsteht eine Agglomeration von rund 10 Millionen Menschen, die sich immer in Bewegung zu befinden scheinen.

          Wen es an die Seine verschlägt, muß zunächst für sich entscheiden, ob er in Paris selbst oder in der "Banlieue", im Umland, wohnen will. Für Paare oder Alleinerziehende mit Kindern im schulpflichtigen Alter und gut gefülltem Geldbeutel empfehlen sich die auf Hügeln gelegenen, waldreichen Vorstädte im Westen der Metropole, für die gelegentlich der Spottname "Sauerkrauthügel" zu hören ist, weil sich dort viele deutsche Familien niedergelassen haben. In Saint-Cloud befindet sich die Deutsche Schule Paris, in der nach den Lehrplänen Baden-Württembergs bis zum Abitur unterrichtet wird. Der sehr übersichtlichen Anlage, die 350 Schüler beherbergt, ist ein Kindergarten angeschlossen.

          Billiger in Saint-Germain-en-Laye

          Konkurrenz ist der durchaus angesehenen Schule durch die deutsche Sektion der Internationalen Schule im weiter westlich gelegenen Saint-Germain-en-Laye erwachsen, nicht nur wegen deren exzellenten Rufs, sondern vor allem, weil sie deutlich billiger ist. Schließlich befindet sich in Buc, einer Kleinstadt im Umfeld von Versailles, noch ein von vielen Eltern geschätztes deutsch-französisches Gymnasium. Die übrigen Teile des Pariser Umlands kommen, vielleicht abgesehen von einigen Gemeinden im Süden, als Wohnquartier weniger in Frage, da sich vor allem im Norden und im Osten soziale Problemzonen mit hoher Kriminalität befinden. Wie viele Deutsche im Großraum Paris leben, ist nicht genau bekannt; Schätzungen sprechen von 20 000 bis 40 000.

          In der Metropole selbst zu leben besitzt für einen Großstadtmenschen fraglos seine Reize - aber man muß es sich leisten können. Die französische Hauptstadt war schon immer ein teures Pflaster, aber in den vergangenen Jahren haben die Immobilienpreise (und damit auch die Mieten) ein kaum mehr akzeptables Niveau erreicht. Die edelsten Wohngegenden befinden sich im ruhigen Westen der Stadt sowie in einigen "Quartiers" im Zentrum wie dem Marais, wobei eine Wohnung auf einer der beiden Seine-Inseln die Krönung darstellen dürfte - allerdings sollte man vorher in einer Quizshow im Fernsehen den Hauptpreis gewonnen haben. Für Normalverdiener bleiben die Stadtbezirke im Norden, Westen oder Süden der Stadt, wo es jedoch bezüglich der Lebensqualität erhebliche Unterschiede gibt, weil nicht nur das Umland, sondern auch die Stadt selbst soziale Problemzonen kennt, von denen es sich fernzuhalten gilt.

          Fahrstil und Freundlichkeit

          Der öffentliche Nahverkehr ist in Paris wie im Umland außerordentlich gut organisiert; wer statt dessen das eigene Auto benutzt, benötigt eiserne Nerven und viel Zeit, um die unausweichlichen Staus zu ertragen. Eine Herausforderung stellt auch der Fahrstil vieler Franzosen dar, die Verkehrsregeln eher als unverbindliche Hinweise denn als zwingende Ge- und Verbote betrachten. Das Leben in Paris erfordert eine gewisse Lockerheit des Seins und ein gehöriges Maß an Toleranz. Die Pariser sind wie alle Franzosen überwiegend diskrete Menschen, die zwar im Umgang mit Ausländern geübt sind, aber hinter einer oberflächlichen Freundlichkeit Distanz wahren. Gerade Deutsche profitieren jedoch von der engen politischen Zusammenarbeit beider Länder, die sich in einem entspannten Umgang im täglichen Leben zeigt. Unerläßlich bleibt jedoch eine zumindest rudimentäre Kenntnis der französischen Sprache, denn nur wenige Pariser sprechen Deutsch, und auch ihre Kenntnisse der englischen Sprache sind häufig fragwürdig.

          Über den Umgang mit Franzosen am Arbeitsplatz sind in den vergangenen Jahrzehnten schlaue Bücher geschrieben worden, und es hat sich sogar ein eigener kleiner Berufszweig gebildet, der sich als Berater für den Umgang der beiden Nationen versteht. Viele der in der Literatur verbreiteten Verallgemeinerungen halten einer genauen Betrachtung kaum stand, aber zumindest die Feststellung, daß französische Unternehmen oft zentralistischer und straffer geführt werden als ihre deutschen Konkurrenten, kommt der Wahrheit wohl nahe. Eigene Initiativen von Mitarbeitern sind nicht immer erwünscht; vielmehr regiert der an der Spitze befindliche "Patron", dessen Wort als Gesetz gilt, nicht selten bis in weit untergeordnete Hierarchieebenen hinein. Viele an eigenverantwortliches Handeln gewohnte Deutsche, denen es an der notwendigen Anpassungsfähigkeit fehlt, haben sich daher in französischen Unternehmen schwergetan.

          Angesichts der unbestreitbaren Attraktivität der Metropole vergessen manche Ausländer eine an sich banale Erkenntnis: Paris ist nur ein Teil von Frankreich. Der Charme dieses Landes findet sich häufig eher in der Provinz als in der turbulenten Hauptstadt, sei es in der rauhen Bretagne, dem dünnbesiedelten Zentralmassiv, in den Bergen der Alpen oder Pyrenäen, im mediterranen Süden, auf Korsika oder gar den verbliebenen Überseeregionen in der Karibik und im Pazifik. Als Arbeitsplatz eignet sich die Provinz nur ausnahmsweise, aber als gelegentliches Refugium vor der Pariser Hektik ist sie unentbehrlich.

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