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Kommissar-Ausbildung : Studium statt Streife

Künftige Kommissare bei der Kopfarbeit: „Eure Dienstwaffe ist die Sprache“, sagt der Präsident.

Studierende, die jahrelange Berufspraxis haben, sind kritisch. Einem habilitierten Juristen, der Strafrecht lehrt, stellen sie unbequeme Fragen. „Unsere Leute fordern Praxisbezug“, sagt Präsident Vogelsang mit einem Unterton, der zeigt, wie gut er das findet. Die meisten Dozenten, die insgesamt 25 Fächer vertreten, kommen aus der Praxis. So wie Josef Wilfling, der die Münchener Mordkommissionen leitete und als Spezialist für Verhörtechnik gilt. Tötungsdelikte und Todesermittlungen waren ebenso ein Schwerpunkt von Raimund Wildmann, als er noch als Kommissar gearbeitet hat. „Wir hatten im Schnitt am Tag eine sogenannte Polizeileiche, einen Todesfall, wo die Todesursache nicht klar war.“

Nun ist der Familienvater Fachlehrer für Kriminalistik und Kriminologie. Die größte Herausforderung? „Lügenerkennung. Es gibt geschickte Lügner, die aus dem Nichts eine Geschichte mit komplexen Sachverhalten auftischen.“ Die ließen sich auch durch „anders formulierte Fragen an anderen Stellen“ nur schwer irritieren. Neben Berufs- und Lebenserfahrung sei bei der Geständniserlangung das Bauchgefühl entscheidend. Wie fast alle Polizisten berühren Wildmann besonders Verbrechen an Kindern. So wie der Fall eines Kindes, dessen Mutter Schlaftabletten ins Nutella-Brot mischte. „Wenn man dann das Kinderzimmer betritt und sieht dort das gleiche Spielzeug liegen, das die eigenen Kinder haben, das geht einem nahe.“

Grenzerfahrungen beim Schießtraining

Andere Grenzerfahrungen machen manche Polizisten erstmals beim Schießtraining. Das gehört zur Grundausbildung und wird in Eichstätt unterrichtet. Das sei schon „ein komisches Gefühl“, für die schusssichere Weste vermessen zu werden, erklärt ein Student. „Dabei nimmt Gewalt gegen Polizisten exorbitant zu“, sagt Hermann Vogelsang. Im Schnitt werden in Bayern jeden Tag 14 Polizisten angegriffen.

Was polizeilicher Selbstschutz bedeutet, erleben die Studierenden regelmäßig bei Übungen auf dem Gelände. Zwar wehren sie die simulierte Messerattacke souverän ab, vergessen aber, die Menschenattrappe nach möglichen Waffen zu durchsuchen. Eine Nachlässigkeit, die in der Praxis tödlich enden kann. „Das Entscheidende ist strukturiertes Vorgehen, das ist ein Schlüsselwort“, sagt Polizeidirektor Michael Holzner. Das gilt bei einem Verkehrsunfall, vom Erste-Hilfe-Leisten bis zur Sicherung von Anschmelzspuren, aber auch für eine Sofortlage, wenn etwa ein Zug entgleist. „Und dann gilt, das Recht bestimmt die Taktik“, erklärt der Dozent für Einsatzlehre.

Auf einen Ausbildungsplatz der bayrischen Bereitschaftspolizei kommen fünf bis sechs Bewerber.

Polizisten sind immer dann präsent, wenn andere lieber auf dem Rückzug sind. Und sei es nur, ein psychisch Kranker wird auffällig. Wie man mit diesen Menschen souverän umgeht, erklärt ein Psychiater mit betroffenen Patienten und ihren Angehörigen auf einem Anti-Stigma-Seminar. So lernt der Nachwuchs, wie er möglicherweise eine Einweisung in eine Anstalt verhindern kann. „Im Alltag ist die Situation ja meist schon eskaliert, da brüllt jemand, wirft den Kühlschrank raus, der Streifenwagen ist vorgefahren“, sagt Vogelsang. In Rollenspielen lernen die Polizisten damit umzugehen; wie auch mit uneinsichtigen Verkehrsteilnehmern und gewalttätigen Ehemännern. „Eure Dienstwaffe ist die Zunge, die Sprache“, sagt ihnen Vogelsang. „Um im Klischee zu bleiben: Mit einem Rechtsanwalt spricht man anders als mit einem betrunkenen Partygänger.“Um kulturell und sozial kompetent zu sein, lernen die Studierenden, was Salafismus ist, und schauen sich mit dem Kriminologen Peter Sutterer Milieustudien an. Er vermittelt ihnen, dass gerade sie sich das Milieu nicht aussuchen können, in dem sie arbeiten. „Sie kommen in viele Haushalte hinein und müssen sich vorurteilsfrei ein Bild machen“, sagt der Regierungsdirektor.

Noch ganz am Anfang seiner Laufbahn steht Michael, der sich nach dem Abitur beworben hat. Schon mit 16 Jahren plante er, zur Polizei zu gehen. „Das ist ein anerkannter, angesehener Beruf, wo man was erreichen kann. Ich will nicht die nächsten 30 Jahre am Schreibtisch verbringen.“ Erstmal will er zur Schutzpolizei und Streife fahren. Was hat ihm bisher am besten gefallen? Er lacht: „Das Fahrsicherheitstraining. Da durfte ich einen BMW fahren, das ist ein tolles Gefühl mit 20.“

* Name von der Redaktion geändert

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