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Kommentar : Elternschaft und Karriere

  • -Aktualisiert am

Arbeiten Eltern in mancherlei Hinsicht vielleicht sogar besser als Kinderlose? Bild: dpa

Eltern, so dachten die Chefs lange, möchte eigentlich keiner bei sich im Team haben. Eltern fallen ständig aus, weil die Kinder krank werden oder die Kita zu kurz auf hat. Gilt das heute noch?

          Muttersein als Vorteil für einen Job: Das war das Argument von Theresa Mays unterlegener Konkurrentin um den Posten der britischen Regierungschefin. Andrea Leadsom, die jetzt Umweltministerin unter May wird, ist schon wieder aus dem Mittelpunkt des Interesses verschwunden, aber ihr Argument und die Reaktionen darauf hallen nach. Leadsom begründete ihr angebliches Qualifikations-Plus, Mutter zu sein, damit, dass Eltern mehr Anteil an der Zukunft haben als Kinderlose. Die Reaktionen waren ziemlich einheitlich: So darf man nicht argumentieren, Kinderlose leisten genauso viel für die Gesellschaft, außerdem sind viele ungewollt kinderlos.

          So gesehen, ist die Frage, ob jemand Kinder hat, eine private Angelegenheit. Das ist für den Einzelfall sicher richtig, aber im Großen belassen es Gesellschaften ja nicht dabei. Es gibt einen Konsens darüber, dass Familien grundsätzlich zu fördern sind, schon aus einem kollektiven Selbsterhaltungstrieb heraus. Dabei wird in Deutschland nicht das Kinderbekommen selbst gefördert, schon weil das nach Gebärprämie oder gar nach Mutterkreuz klingt. Gefördert wird, sieht man einmal vom Betreuungsgeld in Bayern ab, auch nicht die Erziehungsarbeit. Sondern es sollen Strukturen geschaffen werden, die Frauen und Männer dazu bringen, etwas weniger sorgenvoll in die Elternschaft zu gehen. Und viele machen sich eben Sorgen um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch da ist die Politik zurückhaltend. Es werden keine beruflichen Vorteile für Eltern geschaffen. Das ginge ja: Man könnte Eltern bevorzugt einstellen oder höher bezahlen. Das will allerdings kaum jemand. Die politische Aufgabe wird vielmehr darin gesehen, eine Art Gleichberechtigung zu kinderlosen Menschen zu schaffen. Und so geht es bei der Kinder-und-Beruf-Debatte immer nur darum, den Kindernachteil möglichst klein zu halten.

          Das ist die Grundeinstellung: Kinder qualifizieren zu nichts. Sie stören die volle Konzentration auf den Beruf. Deshalb müssen Eltern ihr Elternsein vom Beruf fernhalten, wenn sie erfolgreich sein wollen. Männern gelingt das besser, weil sie unbemerkter Väter sein können als Frauen Mütter. Um die Trennung zwischen den Welten zu erleichtern, werden zum Beispiel die Kita-Plätze ausgebaut.

          Ein Qualifikationsmerkmal

          Wieso aber sollte es nicht auch einen Kindervorteil in beruflicher Hinsicht geben? Elternschaft müsste doch ein Qualifikationsmerkmal sein. Nicht etwa, weil Eltern mehr an der Zukunft des Landes liegt, wie Leadsom suggeriert hat, sondern weil es einfach Ereignisse im Leben gibt, die vieles verändern, nach denen man andere Entscheidungen trifft, andere Prioritäten setzt als vorher. Ein Kind zu bekommen gehört dazu. Man kann sich das vorher nicht vorstellen. Deshalb sind Eltern Experten. Sie haben Erfahrungen gesammelt, die zumindest für viele berufliche Positionen von Vorteil sind. Nahe liegt das bei Familienministern, Pädagogen, Psychologen. Auf gewisse Weise auch bei Regierungschefs. Weil es einfacher ist, Lösungen zu finden, wenn man das Problem kennt. Aber von der Lebenserfahrung, dem Verständnis für bestimmte Lebenssituationen, die nur Eltern haben, können viele Berufsgruppen profitieren. Jeder Chef zum Beispiel und jeder, der im Team arbeitet.

          Das soll nicht heißen, dass jemand ohne Kinder bestimmte Jobs schlechter machen würde. Die Elternschaft ist nur ein Vorteil. So wie eine Ausbildung, ein Auslandsaufenthalt, eine Führungsposition, die Mitgliedschaft in einem Verein. Das kann man alles in einen Lebenslauf schreiben. Nicht jeder will oder kann diese Erfahrungen machen. Und nicht alle Erfahrungen stärken einen Menschen. So ist auch nicht jede Mutter geduldig, nicht jeder Vater ein Organisationstalent.

          Aber beide haben nach der Geburt ihres Kindes etwas über das Leben gelernt. Sie wissen, was es heißt, Eltern zu sein. Das kann man nicht theoretisch erlernen. Und sie bilden sich in dieser Qualifikation ein Leben lang fort. Machen eine Erfahrung, die für viele Menschen die größte Rolle im Leben spielt. Dieses Wissen kann in vielen Berufen helfen, die mit Menschen zu tun haben. Deshalb gehört Elternschaft unbedingt in Lebensläufe und Bewerbungsgespräche - als karriereförderndes Argument.

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