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Katastrophenschutz : „Keine Zeit für akademische Seminare“

  • -Aktualisiert am

Lagebesprechung nach Hurrikan „Katrina” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ob beim Erdbeben in Pakistan oder bei den Terrorschlägen von Madrid: Katastrophenschutzmanager müssen stets einen klaren Kopf bewahren. Wer anderen helfen will, darf selbst keine Schwächen zeigen.

          Wo andere die Flucht ergreifen oder entsetzt wegschauen, sind Katastrophenschutzmanager gezwungen, hinzugehen und ihrer Arbeit nachzugehen, auch wenn es Überwindung kostet.

          Worauf es dann ankommt? „Dennoch klaren Kopf zu behalten und handlungsfähig zu bleiben“, antwortet Jens Koch aus der Zentrale des Technischen Hilfswerkes (THW) in Bonn.

          Das galt so vor wenigen Wochen für die Katastrophenschutzmanager im Süden der Vereinigten Staaten, als der Hurrikan Katrina in Louisiana und Mississippi eine Schneise der Verwüstung schlug und in den überfluteten Straßen von New Orleans die Leichen Hunderter Ertrunkener zurückließ.

          Brennenden Reaktor versiegeln

          Das galt ebenso, als vor einem Jahr Terroristen in Madrid während der morgendlichen Rush-hour in vier vollbesetzten Vorortzügen Bomben zündeten und sich die Einsatzkräfte auf den Bahnsteigen des Bahnhofs Atocha ihren Weg zu den Schwerverletzten durch zerfetzte Körper und abgetrennte Gliedmaßen bahnen mußten.

          Und nicht anders war es, als 1986 im ukrainischen Tschernobyl der Block 4 des Atomkraftwerkes „Lenin“ barst und die Helfer unter Lebensgefahr den brennenden Reaktor versiegeln sowie mehr als 200 000 Menschen evakuieren mußten.

          Strategien zur Beherrschung solcher Szenarien oder, so der offizielle Sprachgebrauch, Großschadenslagen zu entwickeln ist die Aufgabe von Männern wie Reinhard Klee. „Wir haben für das Undenkbare vorzudenken“, bringt es der Abteilungsleiter für Bevölkerungsschutz, Ordnungsrecht und Verfassungsschutz im baden-württembergischen Innenministerium auf den Punkt.

          Trinkwasser und Lebensmittel

          „Die Stäbe vor Ort müssen wissen, was zu tun ist, wenn es zum größten anzunehmenden Unfall (Gau) kommt. Denn der Gau kennt keine Vorlaufzeit.“

          Es gehe um situationsangepaßte Handlungsmuster, etwa welche Befehlsketten auszulösen sind, welche Einsatzkräfte und welches Gerät es anzufordern gilt, welche medizinischen Kapazitäten, wieviel Trinkwasser und Lebensmittel vorzuhalten sind, welche logistische Infrastruktur jeweils für den Nachschub und den Abtransport aufgebaut werden muß.

          Der Jurist Klee verkörpert den typischen Katastrophenschutzmanager. Diese Aufgabe ist eine Sache der Länder und dort den Innenressorts zugeordnet. Typisch ist freilich auch, daß Klee ein General ohne Truppen ist. Denn Katastrophenschutz ist lediglich ein Organisationsprinzip für eine Vielzahl von Aufgabenträgern, doch über eigene Einsatzkräfte verfügt der Schwabe nicht.

          Klassische Querschnittsaufgabe

          Deshalb ist Klee nicht nur als Stratege, sondern ebenso als Netzwerker und Organisator gefordert. Wie beim Hochwasserschutz müssen auch sonst andere Ministerien in die vorausschauenden Planungen eingebunden und für die entsprechenden Problemlösungen gewonnen werden.

          Für den Ernstfall hat er sicherzustellen, daß die Zusammenarbeit zwischen den Verbänden der Hilfsorganisationen, der Feuerwehren und denen der Bundeswehr reibungslos funktioniert. Für all das ist Verwaltungserfahrung förderlich. Vorausgesetzt wird sie aber ebensowenig wie eine juristische Vorbildung. So arbeiten in Klees Stab auch Naturwissenschaftler, Ingenieure und Ökonomen.

          Tatsächlich ist der Katastrophenschutz eine klassische Querschnittsaufgabe, für deren Lösung ganz unterschiedliche Kompetenzen erforderlich sind.

          Erfahrungen aus operativen Tätigkeiten

          Weswegen es kaum verwundert, daß sich unter den 320 Mitarbeitern des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) - davon nahezu jeder dritte mit einem Universitätsdiplom - fast alle akademischen Disziplinen finden bis hin zu Ärzten, Geographen und Politikwissenschaftlern.

          In sieben Zentren befassen sie sich mit Fragen des Katastrophenmanagements, der Notfallvorsorge, der Katastrophenmedizin, der Katastrophentechnik und des Schutzes der sogenannten kritischen Infrastrukturen wie Energieversorgung, Verkehrswege und der Kommunikation.

          „Neben der fachlichen Kompetenz besitzen Erfahrungen aus operativen Tätigkeiten für uns einen hohen Stellenwert“, verweist Christoph Unger als Präsident des BBK auf eine wichtige Einstellungsvoraussetzung seiner Institution.

          Diplomatisches Geschick

          Ähnlich wie in der amerikanischen Katastrophenschutzbehörde Fema (Federal Emergency Management Agency) ist auch ein Teil von Ungers Mitarbeitern mit Grundlagenarbeit befaßt. Wie in Colorado werden in Bonn alle Katastrophen wissenschaftlich akribisch genau ausgewertet.

          Freilich betont der Präsident des BBK die Dominanz organisatorischer Tätigkeiten. „Mit sechzehn Bundesländern, den Kommunen und Landkreisen, dazu den Hilfsorganisationen müssen wir viele Stränge zusammenführen.“ Führungsfähigkeit, politische Sensibilität und diplomatisches Geschick seien deshalb unerläßlich.

          Diesen Anforderungen muß auch Jens Koch beim THW in Bonn gerecht werden. Der Referent für Einsatzgrundsätze ist Vordenker für 75 000 ehrenamtliche Helfer und im übrigen ebenfalls Jurist.

          Dramaturgie einer Katastrophe

          „Ich muß festlegen, wie unsere Einsätze bei den verschiedenen Schadensereignissen durchgeführt werden sollen. Dafür habe ich modellhaft Ablaufpläne mit Vor- und Nachrangigkeiten aufzustellen.“ Doch weiß Koch, jede Katastrophe hat ihre eigene Dramaturgie.

          Pläne müssen deshalb immer an die aktuelle Situation angepaßt werden. Deshalb legt er sein Augenmerk vorzugsweise auf die Optimierung der Kommunikation zwischen den THW-Einheiten sowie zu den Stäben der zentralen Einsatzleitung und zu denen der anderen beteiligten Hilfsorganisationen.

          Die Herausforderung dabei: „Unsere Einheiten sind wegen ihrer Struktur aus ehrenamtlichen Fachleuten sehr dynamische Gruppen.“ Die sich, wie in den Vereinigten Staaten oder jetzt im indisch-pakistanischen Erdbebengebiet, oft in ihnen kulturell und politisch unbekannten Strukturen zu orientieren haben.

          Politisches Gespür

          Wichtiger noch, als Regierungsorganisation steht das eigene Handeln stets unter besonderer Verantwortung. Keiner weiß das besser als die knapp 700 hauptamtlichen THW-Mitarbeiter in der Zentrale, den acht Landesverbänden und 65 Geschäftsstellen.

          Der Job Kochs und der anderen Katastrophenschutzmanager dort ist geprägt durch ständige Rollenwechsel. „Im Ernstfall müssen wir von der Stabs- in die Einsatzstruktur wechseln und dann wieder zurück - immer auf höchstem Leistungsniveau.“

          Die Führungsfähigkeit von Katastrophenschutzmanagern baut deshalb stets auf solider Fachkompetenz auf. Dazu kommen Entscheidungsfreude, Durchsetzungsfähigkeit und ein ausgeprägtes politisches Gespür. „Im Katastrophenfall“, sagt Reinhard Klee, „bleibt keine Zeit für akademische Seminare.“

          Katastrophenmanagement an deutschen Universitäten

          Die Verantwortung, die auf seiner und den Schultern anderer Katastrophenschutzmanager lastet, ist dabei hoch. Denn jedes Mal geht es um Menschenleben und große Mengen öffentlicher Gelder. Seien die Hilfsaktionen unzureichend organisiert, lasse eine politische Bewertung meist nicht lange auf sich warten.

          Und das, ist zu vernehmen, könne einen Minister schnell in Bedrängnis bringen. Und manchmal wohl auch, wie in New Orleans, sogar einen Präsidenten. Die beste Ausbildung, darin sind sich die drei Katastrophenschutzmanager einig, ist die berufliche Praxis. Gleichwohl gewinnt die theoretische Durchdringung zunehmend an Bedeutung.

          Schon heute bieten die Universität Wuppertal (Sicherheitstechnik), die Universität Magdeburg (Sicherheit und Gefahrenabwehr) sowie die Fachhochschule Köln (Rescue-Engineering) entsprechende grundständige Studiengänge an.

          Bald wollen die Universität Bonn (Katastrophenvorsorge und Katastrophenmanagement) sowie die Fachhochschule im DRK Göttingen (Prävention und Management von Katastrophen) mit Masterstudiengängen folgen.

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