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Karriere : Geschickte Kommunikation hilft Blinden weiter

  • -Aktualisiert am

Ausnahmsweise ohne Augenbinde: Justitia in Görlitz Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Jura, dessen Inhalte stark über Texte vermittelt werden, gilt als ideales Fach für blinde Abiturienten. „Juristen haben die besten Chancen unter den blinden Akademikern“, sagt Michael Richter vom Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten.

          „Wenn ich zum Gericht muß, ziehe ich meine Jacke an und gehe“, sagt Gregor Scheithauer. Er packt keine Akten ein, nimmt keine Ordner mit. Die Notizen könnte er ohnehin nicht sehen. Der Sehbehinderte arbeitet als Verwaltungsjurist beim Hamburger Polizeipräsidium, regelmäßig vertritt er die Behörde bei Verhandlungen. Die Fakten prägt er sich vorher ein.

          „Wenn es zu einem strittigen Thema kommt, ein bestimmtes Datum oder der Name eines Zeugen gesucht wird, höre ich immer das Papier rascheln“, berichtet Scheithauer. Man höre dann nur noch ein Blättern und ein Murmeln. Wann war denn das, wo steht denn das? „Wenn ich dann aus dem Kopf ein Datum hinknalle, ist das Erstaunen immer groß.“

          Ein paar Besonderheiten habe der Arbeitsalltag eines Sehbehinderten eben doch, sagt der 58 Jahre alte Jurist. Scheithauer hat einen abwechslungsreichen Beruf. Er schreibt Hunderte von Gutachten im Jahr, kümmert sich um knifflige Belange des Beamtenrechts ebenso wie um Schadensersatzansprüche. Nur als Einsatzjurist - etwa bei Demonstrationen - kann er nicht mitarbeiten, da er sich als Sehbehinderter kein eigenes Bild von der Lage machen kann. Schade sei das, bedauert Scheithauer. „Aber Grenzen gibt es eben.“

          Gute Berufsaussichten für Blinde

          Jura, dessen Inhalte stark über Texte vermittelt werden, gilt als ideales Fach für blinde Abiturienten. Während in wirtschaftswissenschaftlichen Fächern häufig Graphiken und Tabellen einen Sachverhalt veranschaulichen und in Naturwissenschaften Laborversuche unverzichtbar sind, läßt sich die Rechtswissenschaft sehr gut sprachlich vermitteln. Für Blinde ist das ein wesentlicher Pluspunkt des Studienfachs, ebenso wie die guten Berufsaussichten.

          „Juristen haben derzeit noch die besten Chancen unter den blinden Akademikern“, sagt Michael Richter vom Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e. V. (DVBS). Während andere Berufe für Blinde - wie der des Stenotypisten - durch den technischen Fortschritt bedroht sind, ist das Risiko der Arbeitslosigkeit bei hochqualifizierten Blinden gering. Neben verwaltungsjuristischen Berufen ist das Richteramt die Domäne der sehbehinderten Juristen in Deutschland, etwa 40 Richter sprechen hierzulande ohne jedes Ansehen der Person Recht.

          Auch Uwe Boysen, Vorsitzender Richter am Landgericht Bremen, hat sich wegen der guten Berufsaussichten für eine juristische Karriere entschieden. Nach seinem Jura-Examen, das er mit der Traumnote Zwei ablegte, absolvierte er noch ein sozialwissenschaftliches Studium. Aber bei der Einschätzung der Karrierechancen habe er als Behinderter realistisch sein müssen. „Es gibt zwar viele blinde Sozialarbeiter, aber keine blinden Sozialwissenschaftler“, sagt Boysen, der auch Vorsitzender des DVBS ist.

          „Ich erreiche die Menschen gut“

          Umsonst war das Zweitstudium aber nicht. Bei der Arbeit mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten helfe ihm das Wissen über soziale Zusammenhänge, schon oft habe es ihn vor Vorurteilen bewahrt. Boysen kann die Prozeßbeteiligten nicht anblicken, ihren Gesichtsausdruck nicht deuten.

          Dennoch ist Kommunikationsfähigkeit eine Stärke von ihm. Bei Verhandlungen macht er zwischendurch einen Scherz, nimmt Zeugen mit netten Bemerkungen die Scheu. Mit Menschen, die sich in verzweifelter Situation befinden, geht er behutsam um. „Ich glaube schon, daß ich die Menschen gut erreiche“, sagt er. Nur selten stehe ihm seine Behinderung bei der Kommunikation mit Klägern und Beklagten im Weg. Einmal habe eine Prozeßbeteiligte angefangen zu weinen. Leise, er hat es nicht gehört. Alle anderen haben es gesehen. Unangenehm seien solche Situationen, in denen man nicht sofort reagieren könne, aber das sei die Ausnahme.

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