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Karriere für Autisten : Spezialisten für den Zahlendschungel

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Langsam beginnt diese Einsicht durchzusickern, und Unternehmer wie Matthias Prössl versuchen damit Geld zu verdienen. Vor fünf Jahren wurde bei seinem Sohn Asperger diagnostiziert. Prössl recherchierte im Internet, las Fachliteratur und stieß dabei auf die dänische Firma Specialisterne, auf Deutsch: die Spezialisten. Auch ihr Gründer, Thorkil Sonne, hat einen autistischen Sohn. Specialisterne bereitet Autisten in einem mehrmonatigen Training auf den Arbeitsmarkt vor und vermittelt oder verleiht sie dann an Unternehmen, meistens geht es um Jobs im IT-Bereich. Sonnes Unternehmen versteht sich jedoch nicht als Wohltätigkeitsverein, er macht Gewinn und exportiert sein Konzept mittlerweile erfolgreich ins Ausland. Es gibt Filialen in der Schweiz, auf Island oder in den Vereinigten Staaten von Amerika, zu seinen Kunden gehören Nokia, Microsoft und Oracle.

Matthias Prössl war schnell überzeugt, nahm Kontakt zu Sonne auf und arbeitet seitdem daran, eine deutsche Filiale von Specialisterne in München aufzubauen. Das war schwieriger als erwartet, da die Zuschüsse vom Staat nicht so großzügig sind wie in Dänemark oder der Schweiz. Sonne hat ihm schließlich die Franchisegebühren von 20.000 Euro im Jahr erlassen. Prössl war früher Manager des Computerkonzerns IBM, nach einem Abfindungsangebot zögerte er nicht lange und steckte das Geld in sein neues Projekt. Im nächsten Jahr soll es losgehen. Sechs Autisten will Prössl dann einstellen, die trainiert und dann verliehen werden. „Aber auch eine Abwerbung ist explizit erwünscht“, betont er.

„Wir nehmen sie, wie sie sind“

Am Arbeitsplatz werden sie von einem Sozialpädagogen betreut, der bei Problemen für sie da ist und zwischen ihnen und den Kollegen wie ein Dolmetscher vermittelt. Die Zahl der Mitarbeiter will Prössl danach langsam steigern. Er schätzt, dass sich sein Konzept nach drei Jahren rechnen werde. Seinen ersten Kunden hat er schon relativ sicher, ein großes Münchner Industrieunternehmen. Es gehe um Qualitätssicherung, die schnelle Erkennung von Mustern, sagt Prössl. Mehr will er nicht verraten, da der Deal noch nicht abgeschlossen sei.

Dirk Müller-Remus, ebenfalls Vater eines Autisten, ist da schon weiter. Er ist Geschäftsführer von Auticon, einem Berliner Unternehmen, das ausschließlich Autisten als IT-Berater beschäftigt. „Wir sind ein normales IT-Beratungsunternehmen mit speziellen Mitarbeitern“, sagt Müller-Remus. Sie prüfen zum Beispiel Software auf Programmierfehler oder pflegen Datenbanken. Doch auch Auticon steht noch am Anfang, als ersten großen Kunden konnte Müller-Remus nun Vodafone gewinnen. Vier seiner Mitarbeiter werden dort zwei Jahre lang arbeiten, wobei noch unklar sei, was genau sie tun werden. Um die Betreuung am Arbeitsplatz kümmern sich wie bei Prössl sogenannte“ „Job-Coachs“, die der Belegschaft erklären, dass die neuen Kollegen keinen Körperkontakt mögen oder besonderen Wert auf Regelmäßigkeit legen.

Müller-Remus gibt sich zuversichtlich. Die Nachfrage nach Softwaretestern sei momentan hoch, außerdem könnten seine Kunden mit Auticon ihren CSR-Bericht schmücken. Autisten seien loyale, pünktliche und zuverlässige Arbeitnehmer, die einem nichts vorspielen würden. „Das Schlimmste ist, dass viele hochbegabte Autisten irgendwo Körbchen flechten, obwohl sie viel mehr aus sich machen könnten“, sagt der Betriebswirt. Doch die meisten Arbeitgeber verstünden sie nicht, sähen nur ihre Schwächen. „Wir nehmen sie, wie sie sind.“

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