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Karriere für Autisten : Spezialisten für den Zahlendschungel

  • -Aktualisiert am

“Da wird unheimlich viel Potential verschenkt“

Sengs Schicksal ist nicht ungewöhnlich. „Vielen wird erst im Erwachsenenalter bewusst, dass sie Autist sein könnten“, sagt Matthias Dalferth, Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Regensburg. Die Beeinträchtigungen seien oftmals nicht eindeutig zuzuordnen, es komme zu Fehldiagnosen. Die Betroffenen kommen in der Arbeitswelt schlecht zurecht, wissen aber nicht, weshalb. Aber selbst wenn sie ihren Autismus erkannt haben, scheitern viele im Berufsleben. Unternehmen tolerieren keine Sonderlinge, schon im Vorstellungsgespräch fallen sie durch, weil sie zum Beispiel keinen Small Talk halten können oder zu ehrlich sind - Autisten lügen normalerweise nicht. Wenn Hajo Seng von Personalchefs nach seinen Schwächen gefragt wurde, verschwieg er nie etwas. Eigentlich könnten sich Arbeitgeber darüber freuen. „Da wird unheimlich viel Potential verschenkt“, sagt Matthias Dalferth. 15 bis 20 Prozent aller Autisten könnten arbeiten, sagt er, vor allem solche mit Asperger-Syndrom. Wie viele von ihnen es auch tun, sei jedoch unklar, belastbare deutsche Studien gebe es leider nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass nur 5 Prozent einen normalen Beruf haben. Die anderen sind arbeitslos oder arbeiten in einer Behindertenwerkstatt.

Kein Autist gleicht dem anderen, jeder hat seinen individuellen Platz auf dem sogenannten Autismusspektrum. Etwas mehr als ein Prozent der Bevölkerung ist betroffen, die meisten davon sind Männer. Grundsätzlich wird zwischen frühkindlichem Autismus und dem Asperger-Syndrom unterschieden, das sich normalerweise erst nach dem dritten Lebensjahr bemerkbar macht. Asperger-Autismus gilt als mildere Variante, die Intelligenz ist normal ausgeprägt, Schwierigkeiten macht vor allem die Kommunikation mit anderen Menschen. Betroffene sind oft motorisch ungeschickt und werden von anderen Menschen als kauzig wahrgenommen. Gesten, Mimik oder die Emotionen des Gegenübers bleiben ihnen ein Rätsel.

Spaß an scheinbar monotonen Dingen

Andererseits sind viele Autisten besonders begabt. Typisch sind ein Talent für Mathematik, Informatik oder eine außergewöhnliche Gedächtnisleistung. Hajo Seng hat sich etwa schon in seiner Jugend mit Primzahlen und Astronomie beschäftigt, entwickelte neue Formeln zur Planetenberechnung. Viele Autisten vertiefen sich gern bis ins Detail in ein Thema, sie erkennen Symmetrien, Regeln, Muster - und bemerken auch nur die geringste Abweichung. Anders als den meisten Menschen macht es ihnen daher Spaß, scheinbar monotone, öde Dinge zu tun, wie kleinste Fehler in seitenlangen Programmiercodes aufzuspüren.

Genau diese Fähigkeiten sind gefragt in einer Wirtschaft, die immer mehr von solchen Systemen bestimmt wird. Die Digitalisierung der Welt bietet Autisten die Möglichkeit, ihre Begabungen in einen Trumpf zu verwandeln, der ihre sozialen Schwächen in manchen Fällen aussticht.

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