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Junge Gründer : Guten Gewissens Unternehmer werden

Bild: Peter von Tresckow

Eine neue Generation von Hochschulabsolventen will gesellschaftliche Probleme lösen. Ein hohes Gehalt ist ihr nicht so wichtig. Vier Geschäftsideen.

          Medizinische Befunde übersetzen

          Anja Kersten erinnert sich noch gut daran, wie aufgewühlt die Mutter einer Freundin war, als sie sie um Hilfe bat. Die Frau war vor Jahren an Brustkrebs erkrankt und im Befund einer Kontrolluntersuchung tauchte das Wort „Metastasen“ auf. „Sie war vollkommen verunsichert und hatte nicht verstanden, was ihr die Ärzte gesagt haben“, sagt Kersten.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Sie, die Medizinstudentin, konnte aufklären: Es handelte sich lediglich um einen Verdacht, die Krankheit war zum Glück nicht zurück. Für Kersten war der Vorfall die Initialzündung. Um Patienten, die sich von ihren Ärzten nicht ausreichend aufgeklärt fühlen, zu helfen, gründete sie Anfang 2011 mit zwei Partnern washabich.de - ein Internetportal, auf dem Patienten ihren Befund eingeben, der dann von Ärzten und Studenten höherer Semester übersetzt wird.

          Medizinerin Anja Kersten will Ärzte dazu bewegen, mehr mit ihren Patienten zu sprechen.

          Ein mutiger Schritt, denn die 28-Jährige stand kurz vor den Examensprüfungen. Ihre Eltern sorgten sich, sie könne sich übernehmen - doch das war unbegründet: „Das Übersetzen der Befunde hatte auch einen Lerneffekt“, sagt Kersten.Eineinhalb Jahre nach der Gründung hat sie ihr Examen in der Tasche, das Portal brummt.

          Mit ihren Kollegen betreut die Sozialunternehmerin ein Netzwerk von 500 Ärzten und Studenten: „Jede Woche bearbeiten wir 150 Befunde.“ Ihren Wunsch, Ärztin zu werden, hat Kersten auf Eis gelegt. Das Angebot, in einer Praxis zu arbeiten, lehnte sie ab. Ihre neue Motivation: „Ich will möglichst viele Ärzte dafür sensibilisieren, sich mehr Zeit für die Gespräche mit ihren Patienten zu nehmen und sich verständlich auszudrücken.“

          Reich wird Kersten nicht. Die Patienten bekommen die Leistung kostenlos, jeder Dritte spendet im Schnitt 20 Euro. „Das reicht gerade, um davon leben zu können“, sagt die Medizinerin. Werbung und Fördergelder sollen dafür sorgen, dass das Portal langfristig genug Geld abwirft. Was ihr Mut macht: „Wir haben unheimlich viel zu tun.“

          Mit Schülern kleine Firmen gründen

          Seine Kommilitonen von damals jetten heute als Investmentbanker, Manager oder Unternehmensberater um die Welt. Tim Breker dagegen, der an der noblen Privathochschule WHU in Vallendar BWL studiert hat, sitzt in einem schlichten Kölner Büro. Dem 25-Jährigen geht es nicht darum, möglichst schnell möglichst hohe Boni zu verdienen - mit seinem Ein-Mann-Unternehmen, dem „em-Schülerfirmennetzwerk“, verfolgt Breker andere Ziele: „Ich will aus frustrierten Hauptschülern motivierte Gründer machen.“

          Breker war mit Volldampf auf dem Karrierehighway unterwegs - mehrere Praktika in Großunternehmen, beste Zeugnisse, Bachelor mit 22 Jahren. Doch nach seinem Abschluss kam er ins Grübeln: „Ich habe mich zum Beispiel erinnert, wie ich als Jugendlicher in der Fußballmannschaft Freunden aus dem Kosovo oder Polen bei Bewerbungen oder Englischhausaufgaben geholfen habe.“ Ihm sei klargeworden, wie schwer es Leute haben, die keine so gute Bildungsvoraussetzungen haben wie er.

          Tim Breker, Absolvent einer Elitehochschule, sorgt für mehr Bildungsgerechtigkeit.

          Breker heuerte bei der Bildungsorganisation Teach First an und landete als Hilfslehrer an einer Hauptschule. Der Betriebswirt erkannte sofort, was den leistungsschwachen Schülern fehlte: „Wirtschaftliches Denken und das Gefühl, etwas erreichen zu können.“ Um das zu ändern, gründete er mit Schülern eine Firma, kurz darauf verkauften sie in den Pausen Brötchen, Snacks und Getränke. Die Jugendlichen lernten, was es bedeutet, Waren zu ordern, Lieferscheine auszufüllen, Dienstpläne zu koordinieren und Erlöse zu kalkulieren. Ein wichtiger Nebeneffekt: „Sie fühlten sich verantwortlich und haben sich gekümmert.“

          Nach seinem Abstecher an die Schule ging Breker mit dem Businessplan seines Sozialunternehmens zur Agentur für Arbeit und beantragte einen Gründerzuschuss. Seitdem reist er zu Hauptschulen, überzeugt Schulleiter von seinem Konzept und gründet mit Acht- bis Zehntklässlern Schülerfirmen.

          Wer Breker deshalb für einen hoffnungslosen Idealisten hält, der täuscht sich. Breker tickt wie ein Manager: An jedem Brötchen, das über den Tresen geht, verdient er ein paar Cent mit, bis Mitte 2013 soll sein Unternehmen auf eigenen Füßen stehen. Und eine Crowdfunding-Kampagne soll einen fünfstelligen Betrag in die Kassen spülen. Ist er neidisch auf die gut verdienenden Kommilitonen? „Ein paar Jahre mache ich das hier jetzt erst mal“, sagt Brecker, „irgendwann gehe ich bestimmt mal in die Wirtschaft, um ein bisschen mehr Kohle zu verdienen.“

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