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Jacques-Antoine Granjon : Restposten sind sein Leben

Unangepasst: Jacques-Antoine Granjon könnte auch ein Überbleibsel der Rockband Led Zeppelin sein Bild: Michael von Aulock

Der Franzose Jacques-Antoine Granjon verkauft im Internet, was in den Geschäften liegenbleibt. Eine Idee, die ihn zum Millionär gemacht hat.

          Der Weg vom Kapitolshügel bis zum Tarpejischen Felsen im alten Rom war nicht weit. Wo auf der einen Seite die Senatoren ein gepflegtes Dasein genossen, stürzten auf der anderen die Verurteilten in den Tod. „Arx tarpeia Capitoli proxima“, sagt der Lateiner und meint damit, dass Wohl und Wehe sehr nahe beieinanderliegen können. „Man kann ein tolles Leben haben, doch man kann genauso gut mit zertrümmertem Schädel da unten liegen. Ich bin mir dessen immer sehr bewusst“, sagt Jacques-Antoine Granjon.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Da lümmelt sich ein Mann mit Löwenmähne tief in seinen Ledersessel. Seine schwarzen Lackschuhe, die so spitz wie Bajonette und fast doppelt so lang wie die Füße sind, ragen bedrohlich nach vorne. Er sieht aus wie ein Überbleibsel der Rockband Led Zeppelin aus den siebziger Jahren. Umgeben ist er von greller Pop-Art. Hier ein verunstalteter Mao, da die nackte Naomi Campbell, dort ein Totenkopf in einer Kiste voller Stroh neben einem Bären mit Kettensägen in den Tatzen. In der Eingangshalle räkelt sich lasziv eine riesige Nackte auf einem Sessel - aus Kleiderbügeln gemacht.

          Und dieser Mann zitiert nun römische Geschichte? Immerhin bringt er den Spruch nicht auf Lateinisch, sondern auf Französisch. Das Überraschende dabei ist freilich, dass es gar nicht aufgesetzt wirkt. Der Gründer, Großaktionär und Geschäftsführer von Vente-Privée, einem der größten Internetunternehmen in Europa, muss sich nicht verstellen. Er wirkt wie einer, der kaum Kompromisse zu machen hat. Das signalisiert schon sein Äußeres. Die Haare kurz zu schneiden, um sich den anderen Managern mit Milliarden-Umsätzen anzupassen, sei ihm nie in den Sinn gekommen. Das anfängliche Misstrauen in der Welt der Wirtschaft nahm er hin. „Das ist wie beim Aikido. Das macht einen nur stärker.“ Granjon oder „JAG“, wie viele sagen, will eben Granjon bleiben. Der Erfolg macht’s möglich.

          Vente-Privée bezeichnet sich als international führender Online-Shopping-Club. Seit der Gründung vor zehn Jahren verkauft das Unternehmen „Warenüberhänge“ bekannter Marken. Man könnte auch „Resterampe“ dazu sagen - freilich eine der vornehmen Art. In einer ehemaligen Zeitungsdruckerei von „Le Monde“ im eher heruntergekommenen Pariser Vorort Saint-Denis geben sich die Models, Fotografen, Tontechniker und Komponisten die Klinke in die Hand. Vente-Privée kreiert einen ganz eigenen Internetauftritt für jene Waren, die in der Vorsaison liegengeblieben sind. Da gibt es etwa ein hellblaues Sakko von Dolce & Gabbana für 495Euro statt der 1657 Euro, die es noch im vergangenen Jahr gekostet hat. Es ist in zwei Größen verfügbar und auf sechs Fotos mit Nah-, Seiten- und Rückansicht zu besichtigen. Ein Bordeaux-Rotwein, Saint-Emilion Grand Cru Classé, Château Corbin Michotte, 2003, wird für 22 statt 35 Euro angeboten. Eine Digitalkamera von Casio kostet 199 statt 299 Euro.

          13,2 Millionen Mitglieder

          Vier bis fünf Wochen dauert es in der Regel bis zur Auslieferung. Doch diese Geduld bringen immer mehr Kunden auf. 13,2 Millionen Mitglieder zählt Vente-Privée heute. Um Clubmitglied zu werden, brauchen sie eine Art Patenschaft eines bestehenden Mitglieds und können sich dann im Internet einschreiben. Die Verkaufsaktionen sind zeitlich auf meist drei bis fünf Tage beschränkt. 1300 Mitarbeiter zählt das Unternehmen mittlerweile, verkauft wird in sieben europäischen Ländern und bald, so ist es geplant, auch in den Vereinigten Staaten. Granjons Umsatzprognose für dieses Jahr: mehr als eine Milliarde Euro. Die Aktionäre sind zufrieden - allen voran Granjon selbst, der mit rund 40Prozent die meisten Anteile besitzt. Die übrigen Anteile halten seine sieben Gründungspartner, die auch noch im Unternehmen arbeiten, sowie eine amerikanische Fondsgesellschaft.

          Das französische Wirtschaftsmagazin „Challenge“ hat Granjon unter den reichsten Franzosen auf Rang 99 taxiert. Der vielfache Millionär, der mit einem eigenen Learjet seine Märkte bereist, ist Sprössling einer gutsituierten Familie mit Unternehmergeist. Sein Onkel ist Pierre Bellon, der Gründer und Präsident des weltgrößten Kantinenbetreibers Sodexo, die Mutter ist Anwältin. Anfang zwanzig lautete Granjons Devise „wenig arbeiten und viele Mädchen aufreißen - wie man halt so ist in dem Alter“. Nicht zuletzt in den Discos von Saint-Tropez formte sich aber auch seine Geschäftsidee eines Resteverkaufs zu niedrigen Preisen.

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