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Interview : „Möglichst viele Schüler sollen das Abitur bestehen“

  • Aktualisiert am

Hans Peter Klein lehrt Didaktik der Biowissenschaften an der Universität Frankfurt. Bild: privat

Eine Untersuchung zeigt: Das Zentralabitur in Mathematik schaffen Schüler auch ohne große mathematische Kenntnisse.

          Herr Klein, Sie haben die elfte Klasse eines G9-Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen zwei Abitur-Klausuren in Mathematik schreiben lassen: einmal mit Aufgaben vor Einführung des Zentralabiturs und einmal mit Zentralabitur-Aufgaben. Im ersten Fall scheiterten 21 von 22 Schülern, im zweiten Fall scheiterten nur zwei Schüler derselben Klasse.

          Das zeigt, dass für die neuen Mathe-Abituraufgaben Alltagswissen und Cleverness ausreichen, um zu bestehen. Wenn man in den einschlägigen Communities schaut, trifft man nach geschriebenem Zentralabitur dort zu fast allen Fächern auf Kommentare wie: „Warum habe ich überhaupt in den letzten Wochen Tag und Nacht gelernt?“ Oder: „Ich habe nur aus dem Arbeitsmaterial abgeschrieben, kam mir ganz doof vor.“ Ein Schulleiter gab diesen Rat: „Selbst wenn ihr in der Abiturarbeit wegen des meist umfangreichen Materials glaubt, nicht zurecht zu kommen, schreibt das ganze Material einfach ab, für ein ausreichend reicht das allemal.“ Und das ist nicht nur in Nordrhein-Westfalen so.

          Ihre Untersuchung bezog sich auf einen Grundkurs. Was ist falsch daran, gerade dort anwendungsorientierte Mathematik zu betreiben statt mit dem Riemannschen Integral zu kommen?

          Selbstverständlich ist ein Anwendungsbezug sinnvoll. Aber darum geht es nicht. Ziel ist, möglichst viele Schüler das Abitur bestehen zu lassen, und dafür verwendet man Aufgabenstellungen, an denen man nicht scheitern kann. Zu der konkret untersuchten Mathematik-Aufgabe: Sie kann jeder, der lesen kann, zumindest mit der Note ausreichend bestehen, ohne irgendetwas gerechnet zu haben. Dazu reicht - wie in fast allen anderen Fächern auch - Lesekompetenz aus.

          Ist das für Leistungskurse anders?

          Viele Mathematiklehrer haben mir bestätigt, dass dort im Abitur das fachliche Anforderungsniveau kaum höher ist, die Fragestellungen aber umfangreicher sind. In Biologie zum Beispiel gibt es auch anspruchsvollere Aufgaben, es ist aber immer eine dabei, die auch ein Acht- oder Neuntklässler ohne Probleme bearbeiten kann. Und warum sollte der Schüler diese nicht wählen?

          Hört man von Schülern tatsächlich, dass sie sich durch die Abituraufgaben „verarscht“ fühlen?

          In unserer Untersuchung hat ein Schüler in der deutlich anspruchsvolleren Mathematik-Abituraufgabe vor der Einführung des Zentralabiturs ein „gut“ und in der kompetenzorientierten Zentralabituraufgabe nur ein „ausreichend“ erzielt. Dabei galt er als mit Abstand Bester im Kurs. Er habe nach Schwierigkeiten gesucht, die nicht vorhanden waren, sagt er.

          Ist es wirklich so, dass zwischen Schul- und Universitätsmathematik kein Zusammenhang mehr besteht?

          Die Befürworter der neuen Didaktik argumentieren, es könne nicht Aufgabe des Gymnasiums sein, auf ein Studium der einzelnen Fächer vorzubereiten. Das müssten die Unis selbst machen. Gott sei Dank unterrichten aber viele Lehrer nach wie vor fachlich orientiert. Das hat bisher verhindert, dass der Karren gegen die Wand gefahren wurde.

          Jeder zweite Mathe- und Ingenieurstudent wirft wegen mangelnder Vorkenntnisse im Fach Mathematik das Handtuch. Sind die Ansprüche der Universitäten zu hoch?

          Bis um die Jahrtausendwende hat sich bezüglich des Anspruchsniveaus wenig geändert. Seit den OECD-Diktaten nach hohen Abiturienten- und Akademikerquoten ist das anders: Eine Nivellierung der Ansprüche auf breiter Front ist im Gange. Die Verantwortlichen argumentieren, dies sei sozial gerecht. Ich kann aber nicht erkennen, was daran gerecht sein soll, Schülern nicht vorhandene Leistungen als ausreichend zu attestieren. Denn letztlich dürfte dies gerade für diese Schüler zu einem Bumerang werden.

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