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Innovative Arbeitsumgebung : Arbeiten auf dem Sofa statt im Büro

Umgestaltete Arbeitsräume sollen Kreativität fördern Bild: Fotoagentur FOX / Uwe Voelkner

Kreative Arbeitsplätze sind Schnickschnack für Startups? Nicht unbedingt, auch ein großer Versicherer hat seine Zentrale umgestaltet.

           Wer die Hauptverwaltung des Versicherers Axa in Köln-Holweide noch von früher kennt, traut seinen Augen nicht: Arbeitsflächen sind aufgebrochen, Mitarbeiter suchen sich ihren Platz spontan nach Bedarf an Tischen, nebenan können sie in Gruppenarbeit einen Workshop in der Design-Thinking-Methode absolvieren. Kollegen unterschiedlicher Abteilungen treffen sich auf gemütlichen Sofas, um sich auszutauschen. Und an einer Stelle, die vorher durch graue Fliesen auffiel, stehen nun zwei Schaukeln, die zum Abschalten einladen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In der Versicherungswirtschaft ist der französische Konzern ein Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Eine S-Bahn-Haltestelle von der Zentrale entfernt betreibt der Versicherer seit 2015 das Labor Axa Transactional Business, in dem sich Mitarbeiter einige spannende Innovationen ausgedacht haben. Schon seitdem stellte sich die Frage, wie man den Erfindungsreichtum von dort in die gesamte Organisation übertragen kann. „Durch unsere Umbauten hier“, glaubt Alexander Vollert, der Vorstandsvorsitzende der Axa Deutschland. „Es ist leicht, 20 coole Leute zu finden, die an so etwas Spaß haben. Wir wollen aber nicht nur solche Leuchttürme, sondern Festland.“ Vollert will Barrieren aufbrechen und die Kommunikation im gesamten Unternehmen fördern. 40 Prozent der Arbeitsplätze entsprechen dieser neuen Arbeitsphilosophie, es sollen noch mehr werden. Auch Vollert selbst folgt den neuen Prinzipien: Wenn er morgens zur Arbeit kommt, geht er nicht mehr in sein Büro, sondern nimmt Platz in einer Art Homebase, wo auch Mitarbeiter, die direkt an ihn berichten, ihren Arbeitsplatz jeden Tag neu erschaffen.

          Führungskulutur und Wertekompass

          „Wenn wir für den Kunden relevant sein wollen, müssen wir mehr von ihm her denken“, sagt Vollert. Schon das amerikanische Militär erkannte in den neunziger Jahren, dass die globalisierte Welt volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig geworden war (der Fachbegriff dafür heißt „VUCA“). „Das erfordert von einer Organisation Geschwindigkeiten, die über eine alte Hierarchie nicht mehr erreicht werden können“, sagt Vollert. Gleichzeitig investiere die Axa viel Geld in die Führungskultur. Zwölf Verhaltensprinzipien bilden den eigenen Wertekompass ab. Morgens erhalten die Mitarbeiter eine Zusatzaufgabe, zum Beispiel: Geben Sie heute einem Kollegen Feedback. Strategische Personalplanung setze an, wenn zum Beispiel durch die Digitalisierung weniger Schadenbearbeiter nötig sind und stattdessen mehr Datenanalysten.

          Schöne Atmosphäre für kreative Arbeit Bilderstrecke

          „Menschen, die Angst haben, verändern sich nicht“, sagt Vollert. Aus diesem Grund, hat er mit dem Betriebsrat ausgehandelt, dass der Konzern bis Ende des Jahres 2020 keine betriebsbedingten Kündigungen vornimmt. Gegenüber Investoren ließen sich all diese Investitionen gut rechtfertigen. „Nur mit kundenorientiertem Verhalten werden wir erfolgreich sein“, sagt er. In der Vergangenheit litt Köln durchaus schon mal unter ehrgeizigen Zielvorgaben aus der Pariser Konzernzentrale oder von Investoren, die nicht immer zu den Marktbedingungen in Deutschland passten. In der Folge ließ sich die Axa neben anderen, etwa der Halleschen oder der Allianz, auf den windigen Versicherungsmakler Mehmet Göker (MEG) ein. Sie erzielte dadurch zeitweise viel Neugeschäft, verlor aber langfristig stark an Reputation.

          Radikal Vereinfachen

          Heute glaubt die Axa, durch die Digitalisierung in eine ganz andere Position gegenüber dem Verbraucher versetzt worden zu sein. Was der Kunde brauchte, folgte früher meist einer Interpretation des Vertriebs, der direkten Kontakt zu ihm hatte. Die Digitalisierung erlaube dem Versicherer, mit dem Verbraucher zu kommunizieren. „Ich habe noch nie einen Kunden gesehen, der sagt: Mach das Produkt komplexer“, sagt Vollert. Dennoch sei ihm oft unklar, ob ein Schaden versichert sei oder nicht. „Wir sind zu kompliziert und müssen uns radikal vereinfachen.“ Auf dem mobilen Endgerät müsse eine Police mit nur drei Dateneingaben abschließbar sein. Es zähle, was der Kunde wolle. „Wer sagt, dass es überhaupt noch eine Hausratversicherung geben muss?“, fragt er rhetorisch und lässt sich nicht in die Karten schauen, ob eine Schadenversicherung nur noch aus frei wählbaren modularen Bausteinen bestehen wird.

          Und wie erreicht man weniger Komplexität? Eine Priorität für mobile Prozesse erlaube maximale Ergebnisse mit minimaler Dateneingabe, jeder Standardprozess werde digital designt – Abweichungen müssen gerechtfertigt werden. Eine solche Abweichung sei der Schadenprozess: „Hier kommen Emotionen ins Spiel, und wir können im direkten Kontakt den Unterschied ausmachen“, sagt Vollert. Zunehmend will die Axa Kunden das Leben leichter machen: mit der Sicherheits-App Way Guard, die schon 200.000 Menschen nutzen, mit der App Late Bird, über die sich ausgefallene Termine beim Friseur oder Physiotherapeuten finden lassen, oder mit der Handwerkerplattform Home Bell. Und im Data Innovation Lab arbeiten Axa-Mitarbeiter an einer Software, über die sich Krankenversicherte im Vorfeld informieren können, ob der Versicherer die Rechnung zahlt.

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