https://www.faz.net/-gyl-9ibi7

Computer und die Moral : Philosophische Nachhilfe für Nerds

  • -Aktualisiert am

Selbstverpflichtung und Algorithmen-TÜV

Neben Grundlagen und Beispielen geht es in der Vorlesung und dem Tutorium auch um die strukturellen Bedingungen der Berufswelt. Die sind nämlich alles andere als optimal: Wer beim Programmieren moralische Bedenken hat, steht mit dem Problem meist alleine da. Zwar gibt es ethische Richtlinien wie jene der Gesellschaft für Informatik (GI) oder der Association für Computing Machinery (ACM), doch sie bieten kaum mehr als eine Orientierung. Ihnen fehlen die Kopplung an das Arbeitsrecht und die Verankerung in der Berufskultur. Als Ausweg bleibt oft nur Whistleblowing, das jedoch eigene moralische Probleme mit sich bringt. Deshalb geht es auch um Perspektiven: Clearing-Stellen, Selbstverpflichtung, Algorithmen-TÜV, ein verbindlicher Kodex – was müsste sich ändern, damit Informatiker Missstände melden können, ohne ihren Job oder gar ihr Leben zu riskieren? „Da ist noch sehr viel zu tun“, sagt Baum.

Dieser Ansicht ist auch Thomas Matzner. Der Münchner Diplom-Informatiker und Berater für Systemanalyse beschäftigt sich seit langem mit ethischen Fragestellungen der Informatik und hat dazu an der TU München eine Ringvorlesung gehalten. Längst sei klar, dass neue Technologien nicht nur ein Segen sind, sondern Gefahren mit sich bringen. Das beginnt im privaten Bereich mit Spam und Phishing und erreicht andere Dimensionen, wenn es um moderne Überwachungssysteme, Wahlbeeinflussung, Fake News, elektronische Kriegsführung oder die Bespitzelung von Staaten geht. „Wir müssen die Ambivalenz digitaler Technologien anerkennen und mehr Verantwortung übernehmen“, sagt Matzner. Dabei seien nicht nur Informatiker in der Pflicht, sondern auch ihre Auftraggeber und die Nutzer. „Wir brauchen einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel“, sagt er.

Dafür sei es wichtig, das Thema an die Universitäten zu bringen. „Informatiker brauchen ein anderes Selbstverständnis, vergleichbar etwa mit dem von Medizinern.“ Die halten sich seit mehr als 2500 Jahren an den hippokratischen Eid. Der ist zwar nicht verbindlich, hat aber einen großen Stellenwert. Seit einigen Jahren wird immer mal wieder der Ruf nach einem Eid für technische Berufe laut. Matzner kann dieser Idee etwas abgewinnen: „Wenn ein Elektriker einen Kunden hat, der die Isolierung nicht zahlen will, dann lehnt er den Auftrag eben ab. Genauso müssten es Informatiker machen, wenn zum Beispiel Sicherheitslücken in einer Software absehbar sind.“

„Die Vorlesung verändert etwas im Kopf“

Einen Eid schwört in Saarbrücken keiner der Studenten, die in der Vorlesung „Ethik für Nerds“ sitzen. Trotzdem ändert sich für viele das Verständnis für den eigenen Beruf. Sarah Sterz und Jan Menz etwa haben die Vorlesung besucht. Beide hat die Neugier in die Veranstaltung getrieben. „Informatik ist ein sehr abstraktes und theoretisches Studium. Ich wollte die Chance nutzen, mal über den Tellerrand zu schauen“, sagt die 24-Jährige. „Es ist etwas anderes, Probleme in der realen Welt zu bedenken als in geschlossenen Systemen.“ Jan Menz, 25 Jahre, nickt: „Die Vorlesung verändert etwas im Kopf.“

Dass die Inhalte Spuren hinterlassen, zeigt sich immer wieder. Regelmäßig melden sich ehemalige Studenten, die jetzt in Start-ups oder großen Unternehmen arbeiten. Sie wollen darüber reden, wie man sensible Gesundheitsdaten vor unbefugten Zugriffen schützen kann. Oder ob es sinnvoll ist, sich bei Vorgesetzten zu beschweren, wenn man das Gefühl hat, eine Anwendung verletzte die Privatsphäre der Nutzer. „Darüber freuen wir uns sehr“, sagt Kevin Baum. Schließlich gehe es nicht nur darum, Studenten zu sensibilisieren, sondern ihnen auch Verantwortung, Rechtfertigung und Argumentationstechniken zu vermitteln.

Professor Hermanns sagt: „Wir wollen Informatiker, die willens und in der Lage sind, sich in gesellschaftliche Debatten einzubringen. Solche, die den Mund aufmachen, wenn es nötig ist.“ Schließlich stehe hinter jeder Maschine und jedem Programm ein Mensch, der individuell handeln und entscheiden kann. Und wie hat er sich damals entschieden in Sachen Weltraumprojekt? „Die Entscheidung wurde mir abgenommen, denn das Projekt kam nicht zustande. Aber heute wäre ich auf jeden Fall besser für solche Situationen gewappnet.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Sigmar Gabriel und die SPD : Gute Ratschläge von der Seitenlinie

Sigmar Gabriel plane angeblich schon das Ende seiner politischen Karriere, heißt es. Es gehört zum ambivalenten Verhältnis der SPD zu ihrem größten Talent, dass viele Genossen sich nicht sicher sind, ob das eine schlechte oder eine gute Nachricht ist. Eine Analyse.
Greta Thunberg in der vergangenen Woche in Schweden

Grüne in Schweden : Verloren trotz Greta Thunberg?

Anders als in Deutschland haben die Grünen bei der Europawahl ausgerechnet in Schweden, der Heimat Greta Thunbergs, schwächer abgeschnitten. Warum ist das so?
nnegret Kramp-Karrenbauer, Bundesvorsitzende der CDU, spricht bei einer Pressekonferenz am 13. Mai im Konrad-Adenauer-Haus.

Europawahl-Liveblog : AKK bestreitet Rechtsruck in der JU

Tories und Labour wollen sich zum Brexit positionieren +++ JU-Chef Kuban: „Schlag ins Gesicht“ +++ Gauland erklärt Grüne zum „Hauptgegner“ für die AfD +++ Alle Informationen im FAZ.NET-Liveblog:

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.