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Improvisations-Theater : Der Chef als Rampensau

Die anfängliche Sorge, sich vor den Kollegen beim Improtheater lächerlich zu machen, verfliegt schnell. Bild: F.A.Z.

Beim Improvisationstheater lernen Manager Führungsqualitäten. Das kostet am Anfang ein wenig Überwindung. Die Angst, sich vor den Kollegen zu blamieren, verfliegt aber recht schnell. Und dann macht es sogar Spaß.

          Es gibt das herkömmliche Theater, für das man am Samstagabend das gebügelte Hemd aus dem Schrank holt, ein schönes Jackett überwirft und ins Schauspielhaus fährt. Zweieinhalb Stunden und eine Pause mit Weißwein später wird auf dem Heimweg eifrig die Leistung der Schauspieler diskutiert. Das Bühnenbild war wieder einmal grandios, und der Regisseur hat dem alten Stoff eine ganz moderne Note verpasst.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Und dann gibt es das Improvisationstheater, das ganz anders ist. Einen Dresscode gibt es nicht, ein Bühnenbild erst recht nicht, dafür aber eine ganze Handvoll Regisseure. Denn jeder Schauspieler bestimmt mit, was und wie gespielt wird. Es wird improvisiert, was das Zeug hält – fast ohne Requisite, dafür mit viel Pantomime. Eine stringente Handlung in mehreren Akten mit klar verteilten Rollen? Gibt es nicht. Stattdessen werden bunt zusammengewürfelte Szenen dargestellt, die sich aus den Zurufen der Zuschauer spontan ergeben.

          Gelacht wird freilich viel. Komische Zufälle und Fehler schleichen sich zwangsläufig ein. Wer zum ersten Mal die Vorstellung einer solchen Impro-Gruppe besucht, ist von der Albernheit der erwachsenen Darsteller oft überrascht. Je mehr das Publikum reagiert, je besser die Schauspieler miteinander harmonieren, desto besser das Ergebnis.

          Aus Improvisation wird Realität

          Lässt sich dieses Ziel, gemeinsam aus lauter Unwägbarkeiten, unterschiedlichen Charakteren und wenigen Vorgaben ein Produkt zu erschaffen, auch in den Alltag von Unternehmen übertragen? Viele Firmen glauben daran. Längst werden Impro-Kurse nicht mehr nur zur Belustigung besucht. Einige Schauspieler sind inzwischen auch Dienstleister.

          „Wir wurden früher ausschließlich für Auftritte und Galaveranstaltungen gebucht“, erzählt Henriette Konschill von der Mannheimer Theatergruppe „Drama light“. „Dann wurden wir immer öfter von Führungskräften gefragt, ob wir auch ein Training für ihre Leute geben würden.“ Heute bieten die Schauspieler zu diesem Zweck Kurse an, die Namen tragen wie „Sag’s mir so, dass es mir nützt!“ und „Mehr Leben in der Runde!“. Sicher keine schlechten Vorsätze für das eine oder andere Meeting.

          Ist das Improvisationstheater bloß ein weiteres Angebot auf dem überquellenden Markt für Workshops und Trainings für Führungskräfte? Meditation, Achtsamkeit, Debattieren – es gibt fast nichts, was nicht gegen Geld als Führungskräftetraining angeboten wird. Das Besondere am Improvisationstheater: Es weist tatsächlich viele Parallelen zum Berufsalltag auf. Es verbindet das Vergnügliche mit dem Praktischen.

          Durch Bejahen kreative Prozesse fördern

          Sicher nimmt der Spaß viel Raum ein, aber es wird auch ernsthaft trainiert: Um natürliche Authentizität geht es in den Workshops genauso wie um die Fähigkeit, im entscheidenden Moment den richtigen Ton zu treffen. Hinzu kommt das Bewusstsein für Körpersprache und Stimme. Und besonders wichtig: der Umgang mit eigenen und fremden Fehlern. Denn die unterlaufen beim Improvisieren ständig.

          Dabei ist die „Ja und“-Haltung entscheidend, sagt Konschill: „Das heißt, wir bejahen den Vorschlag der Spielpartner und ergänzen ihn um ein eigenes Angebot.“ Das sei auch für eine Firma ein Weg, die Kommunikation der Teammitglieder untereinander zu verbessern und dadurch kreative Prozesse zu fördern. Wenn es darum geht, eine Idee weiterzuspinnen, konzentrieren sich die Kollegen dann im besten Fall nicht auf mögliche Fallstricke und Haken, sondern auf das Potential eines Vorschlags.

          Tobias Reinhardt hat mit seinem Team von der Digital-Agentur Suchdialog an einem solchen Workshop teilgenommen. „Zu Beginn gab es eine gewisse Skepsis, eine gewisse Überwindung war nötig“, erzählt er. „Lautes Singen innerhalb einer Gruppe aus Kollegen, das macht man ja nicht alle Tage.“ Eine andere Managerin, die mit ihren Mitarbeitern an einem Workshop teilgenommen hat, sagt es so: „Hätten wir den Teilnehmern verraten, dass wir vorhaben, mit ihnen Theater zu spielen – die meisten wären wohl nicht gekommen.“

          Tobias Reinhardt hatte den Tipp von einem befreundeten Manager erhalten. „Nach vielen Trainings und Coachings ist es der Schauspielunterricht, der für ihn das wichtigste Werkzeug ist“, erklärt Reinhardt. Spezielle Erwartungen habe er zunächst nicht gehabt. „Schon gar nicht, in bestimmten Situationen schauspielern zu können.“ Es sei ihm schlicht um die Weiterbildung seiner Führungskräfte auf kurzweilige Weise gegangen. Inzwischen ist er selbst überzeugt von dem Konzept.

          Wenn die Schauspielergruppe „Drama light“ von einem Unternehmen engagiert wird, werden in Vorgesprächen Schwerpunkte festgelegt, etwa das Thema Präsenz oder klares Sprechen. In mehreren Unterrichtseinheiten werden die Teilnehmer dann mit dem Improvisationstheater vertraut gemacht. Meist entwickele sich innerhalb kurzer Zeit eine produktive Dynamik, sagt Henriette Konschill. „Durch die Übungen und Aufgaben entstehen schnell komplexe Situationen. Die machen einerseits viel Spaß, andererseits sind die Teilnehmer auch rasch mit den eigenen Gefühlen und Reaktionen in Kontakt.“

          Tobias Reinhardt sagt, er habe von seinen Mitarbeitern nach dem Training durchweg positive Rückmeldungen bekommen. Die anfängliche Sorge, sich vor den Kollegen lächerlich zu machen, sei kein Thema mehr gewesen. Deshalb plane er jetzt schon die nächsten Unterrichtseinheiten für seine Firma.

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