https://www.faz.net/-gyl-98hke

Gründerserie : Das Drei-Monats-Auto

  • -Aktualisiert am

Stolzer Gründer: Armin Müller in seinem Elektroauto ILO 1 Bild: Verena Müller

Vom digitalen Zwilling und von der digitalen Produktentwicklung wird viel gesprochen. Das Start-up Emm Solutions hat es geschafft: In drei Monaten war ein Auto entwickelt.

          Das Ladenlokal der ehemaligen Bäckerei ist leer. Das Firmenschild ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Es weist den Weg. Der Besucher muss einmal um das Gebäude am Rande der baden-württembergischen Kleinstadt Weil der Stadt herumgehen, um den richtigen Eingang zu finden. Tritt er in die umgebaute Backstube, sieht er mitten im Raum ein kleines, einsitziges Elektroauto stehen. Das Fahrzeug mit dem Namen ILO 1 ist von der Emm Solutions GmbH entwickelt worden. Die Technik für das autonome Fahren ist schon mit eingebaut.

          Gründer und Eigentümer des Start- ups mit insgesamt neun Beschäftigten ist der 57 Jahre alte Diplom-Ingenieur Armin Müller. Er hat vor seinem Schritt in die Selbständigkeit jahrelang in der Automobilindustrie und in der Zulieferindustrie gearbeitet. Zuletzt war er Manager bei Porsche, davor beim Zulieferer ZF Friedrichshafen. Und die Anfänge rund um das automatisierte Fahren kennt er aus seiner Zeit bei Daimler. „Doch damals war die Zeit noch nicht reif dafür“, sagt Müller. Zwanzig Jahre später ist das der Fall, und der 57-Jährige befasst sich intensiv mit Mobilitätskonzepten der Zukunft. Sein kleines Unternehmen ist etwa 30 Kilometer westlich von Stuttgart ansässig.

          Drei Prototypen vom Einsitzer

          Im Zuge eines Projekts mit Partnern, bei dem es um die künftige Organisation des Verkehrs in Neubaugebieten ging, ist auch das kleine Elektroauto entstanden. Von ihm gibt es drei Prototypen. Der 450 Kilogramm schwere Einsitzer bringe es auf eine Reichweite von 80 Kilometern. Das Fahrzeug hat die kleine Mannschaft von Müller entwickelt. Und das nur innerhalb von drei Monaten. Das habe in der kurzen Zeit nur geklappt, weil eine digitale Entwicklungs- und Produktionskette zum Einsatz gekommen sei.

          Über eine webbasierte Software sei die gesamte Kommunikation mit den Lieferanten abgelaufen. Dort seien dann einzelne Teile oder Bauteilgruppen für einen bestimmten Lieferanten freigegeben worden. Dieser wiederum hat dann Zugriff auf alle dort hinterlegten Dokumente gehabt. So habe man mit Zulieferern rund um Stuttgart zusammengearbeitet und auch Komponenten aus der Schweiz bezogen. „Wenn man etwas kaufen kann, machen wir es nicht selbst“, sagt der studierte Maschinenbauer.

          Wenig Platz für viel Technik

          Die Mitarbeiter des Mitte 2015 gegründeten Unternehmens kümmerten sich vor allem um Fragen rund um die Software und das Design der Hülle. Das brachte die eine oder andere Herausforderung mit sich. Denn in dem nur 1,3 Meter breiten und 2,3 Meter langen Fahrzeug ist einiges an Technik unterzubringen – neben den klassischen Dingen wie Elektroantrieb samt Batterie, Lenkung und Bremse auch die komplette Elektronik. Heraus kam ein futuristisches Gefährt mit Straßenzulassung. Nun bemüht sich Müller, den kleinen urbanen Mini-Flitzer zu vermarkten, was keine leichte Aufgabe sein wird. In einer späteren Variante sollen dann einmal zwei Personen befördert werden können. Für das Vorhaben ist er auf Investoren angewiesen.

          Von ihnen erwartet er keine allzu große Unterstützung. Denn diese wollen ihre eigenen Transportsysteme anbieten. Und ferner verweist er auf folgenden Umstand: „Die wirtschaftlichen Randbedingungen für eine Zusammenarbeit kann man sich als kleines Unternehmen nahezu nicht leisten.“ Müller sieht in den einmal vielleicht völlig autonom fahrenden Autos nicht das Allheilmittel, um die Verkehrsprobleme in den Städten und Ballungsräumen zu lösen. Es könnte der Verkehr sogar eher zunehmen: „Wenn einer den Mantel vergessen hat, ruft er seine Frau an. Die schickt dann ein Fahrzeug mit dem Mantel los.“ Das sorge dann für zusätzlichen Verkehr. Und dieser müsse durch eine intelligente Organisation eher verringert werden. Denn im Schnitt seien in einem heutigen Fahrzeug nur 1,1 Personen unterwegs. Eine mögliche Lösung: kleine Autos und die intelligente Steuerung des Verkehrs in möglichst kleinräumigen Abschnitten. Am besten in den einzelnen Stadtvierteln.

          Konzept für Kommunen gefragt

          Auch mit Letzterem befasst sich das Unternehmen, das 2017 einen Umsatz von 1,7 Millionen Euro machte. So entwickelte Müller mit seinen Mitarbeitern ein Konzept, wie in Mannheim auf einem früheren Kasernengelände künftig der Verkehr organisiert werden kann – vom automatisierten Fahren bis hin zum Einsatz von Elektrobussen. Er machte dabei die Erfahrung: Bei Kommunen dauert es immer eine gewisse Zeit, bis die Dinge ins Laufen kommen. „Die Stadtverwaltungen müssen nach politischen Vorgaben arbeiten.“ Das ist er mit seiner Erfahrung aus der Industrie bislang nicht gewohnt gewesen. Eine Verwaltung braucht eben länger Zeit, um etwas umzusetzen, als ein großer Autobauer.

          Während das ein oder andere Projekt noch in der Zukunft spielt, befasst sich die Emm Solutions GmbH daneben auch mit der Lösung von aktuellen Verkehrsproblemen. Ein Beispiel dafür ist die Verkehrsfluss-Messung an einer besonders gefährlichen Straßenkreuzung bei Pforzheim. Die Linksabbieger auf einer vielbefahrenen Straße hatten Schwierigkeiten, eine Lücke zu finden, die groß genug für ein sicheres Abbiegen war. „Sie versuchten auch kleinere, riskante Lücken zu nutzen“, sagt Müller. Die Folge: steigende Unfallzahlen.

          Verzicht auf Fördermittel

          So kam bei der Beobachtung und Zählung der Fahrzeuge heraus, dass ein Kreisverkehr nicht die optimale Lösung sei, sondern die Kreuzung anders umgebaut werden sollte, um künftig die Zahl der Zusammenstöße dauerhaft zu senken. Die Vorschläge des kleinen Start-ups haben die kommunalen Planer nun übernommen.

          Unternehmensgründer Müller hat mehrere hunderttausend Euro seines Privatvermögens in den Aufbau seiner neuen Existenz gesteckt. Auf staatliche Fördermittel hat er dabei ganz bewusst verzichtet. Seine knappe Zeit habe er statt in das Ausfüllen der Anträge lieber in den Aufbau des Unternehmens gesteckt. Schon der Umbau der Räumlichkeiten der früheren Bäckerei hat ein halbes Jahr in Anspruch genommen. Nun reicht der Platz in der einstigen großen Backstube nicht mehr aus. Deshalb wird auch der entsprechende Verkaufsraum hergerichtet, damit dort künftig gearbeitet werden kann.

          Die Gründer

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Müssen sich auf Reformen einigen: Luigi Di Maio und Matteo Salvini im Februar in Rom

          Italiens Regierung : Salvini droht mit vorgezogenen Wahlen – mal wieder

          Italiens nnenminister steht wegen der Affäre um mögliche Parteispenden aus Russland unter Druck – und bedrängt nun seinen Koalitionspartner. Es sei noch genügend Zeit, das Parlament aufzulösen und nach der Sommerpause neu zu wählen.

          Im Persischen Golf : Iran hält ausländischen Tanker fest

          Laut iranischen Staatsmedien haben die Revolutionsgarden einen Öltanker gestoppt und die Crew verhaftet. Der Tanker soll demnach eine Million Liter Treibstoff in den Persischen Golf geschmuggelt haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.