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Neuauflage des Staatslexikons : Katholisch heißt offen

  • -Aktualisiert am

Hat die Gesamtredaktion der achten Auflage des Staatslexikons inne: der emeritierte Passauer Politologe Heinrich Oberreuter Bild: Picture-Alliance

Auf über 3800 Seiten bringt die Görres-Gesellschaft die achte Auflage des Staatslexikons heraus. Was 1889 als exklusives Projekt katholischer Intellektueller begann ist heute komplett kostenfrei im Internet abrufbar.

          Selbsttötung als Zeichen der Friedlichkeit eines Staates? Elektrisiert liest man den Eintrag „Frieden“ in der jüngsten Auflage des Staatslexikons der Görres-Gesellschaft, in dem Hans Maier den Zusammenhang von Anerkennung geltender Rechtsordnungen und innerem Frieden in Staaten beschreibt und beispielhaft darauf verweist, dass Sokrates den Schierlingsbecher freiwillig getrunken habe.

          Auch lernt man, dass „Friedensräume“ traditionell durch „Ab-Grenzungen“ gesichert seien und eine enge Verbindung zu „innerstaatlicher religiös-politischer Homogenisierung“ bestehe. Die semantische Verbindung von „Frieden“ und „einfrieden“ komme nicht von ungefähr.

          „Migrationskrise“ – dieses Stichwort fehlte in der siebten Auflage des Nachschlagewerks, die aus den Jahren 1985 bis 1993 stammt. Den ersten Band der achten Auflage brachte der Herder-Verlag 2017 heraus. Die Görres-Gesellschaft erkundete jetzt auf ihrer Jahrestagung in Bamberg die Geschichte des Staatslexikons. Sein Ursprung liegt in der Zeit des Kulturkampfes.

          Kirchenferne Autoren werden eingebunden

          Als Projekt katholischer Intellektueller war die erste Auflage von 1889 bis 1897 gerichtet gegen die „Omnipotenz des Hegelianischen Staatsabsolutismus“, wie der Passauer Historiker Winfried Becker feststellte. Ziel sei es gewesen, aus katholischer Sicht ein „Alternativangebot zur nationalprotestantischen Kultur“ zu machen und „moderne Irrtümer zu rektifizieren“ – wobei heutige Beobachter über einige Versuche, etwa den Eintrag zur „Frauenfrage“ der zweiten Auflage (1901 bis 1904), bestenfalls amüsiert den Kopf schütteln können: Dort wird zwischen „wahrer, berechtigter“ und „falscher, anmaßender Emancipation“ unterschieden, und obwohl sogar Mary Wollstonecraft zustimmend zitiert wird, findet sich auch die Aussage, der Frau sei Unterordnung zugewiesen, was aber keinesfalls Minderwertigkeit bedeute.

          Demgegenüber nehmen sich die Artikel zu „Feminismus“ und „Gender“ – beide aus der Feder anerkannter Geschlechtersoziologen – in der aktuellen Ausgabe sehr sachlich aus.

          Gymnasiallehrer, Zentrumspolitiker und Geistliche halfen bei der Abfassung der ersten Auflage mit, denn katholische Universitätslehrer gab es noch nicht genug. Für die Veröffentlichung der fünften Auflage zwischen 1926 und 1932 erhielten die Herausgeber dann sogar einen Staatszuschuss. Dies zeigt, so Becker, dass das katholische Intellektuellenmilieu sich erfolgreich in die republikanische Kultur Weimars eingegliedert hatte. Das Staatslexikon identifizierte die Republik als geeignete Staatsform für die Realisierung katholischer Ordnungsideen.

          Heute legt man Wert auf die Feststellung, dass an der neuesten Auflage unter der Gesamtredaktion des emeritierten Passauer Politologen Heinrich Oberreuter auch kirchenferne Autoren mitgewirkt haben. Das Staatslexikon möchte wissenschaftlichen Pragmatismus mit einer „Grundhaltung“ verbinden, die Becker als „anthropologisch-universalistisch“ definierte.

          Staatslexikon bald kostenlos im Internet

          Spiegelungen des zeitlosen Themas „Krieg und Frieden“ im Staatslexikon standen im Mittelpunkt der Erkundungen Bernhard Schreyers, eines Mitglieds der Zentralredaktion. Um 1900 erkannte das Nachschlagewerk den Krieg noch als erlaubte Staatspraxis an und behauptete, ein ewiger Friede sei unerreichbar.

          Bemerkenswert auch die These, zum Friedensschluss gehöre „die Amnestieklausel“: Frieden habe die „ethische Bedeutung des Vergebens und Vergessens“. Dieses Paradigma, an das Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble jüngst auf dem Historikertag in Münster erinnerte, ließ der Westen seit Versailles hinter sich, wie ebenfalls schon Hans Maier 1986 kritisierte: Infolge der Nürnberger Prozesse seien nicht Kriege, sondern Kriegserklärungen verschwunden und Friedensschlüsse zu Strafgerichten geworden.

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          Dass die deutsche Alleinverantwortung für den Ersten Weltkrieg in der Zwischenrkriegsausgabe abgelehnt wurde, überrascht nicht, ebenso wenig die Kritik am Vereinigungsverbot für Deutschland und Österreich. Erstaunlicher wirkt, wie offen schon in den fünfziger Jahren der Holocaust angesprochen wurde. Eugen Kogon schrieb im Eintrag „Konzentrationslager“: „Seinen wahren Schrecken in aller Welt hat das Wort durch die Nationalsozialisten erhalten.“ Sie hätten das auch andernorts existierende System „zum überhaupt erreichbaren Gipfel der Barbarei getrieben“.

          Auch der Eintrag zum Nationalsozialismus bezeichnete die Verfolgung der Juden als das „größte und schwerste“ unter den NS-Verbrechen und gab den Lesern auf, die „innere Bewältigung der NS-Periode“ inklusive ihrer weit zurückreichenden geistesgeschichtlichen Wurzeln selbst zu verfolgen.

          Bemerkenswert ist die Entscheidung der Herausgeber, das neue Staatslexikon mit etwas Verzögerung auch komplett im Internet anzubieten – und zwar kostenlos. Auf www.staatslexikon-online.de ist schon der Inhalt des ersten Bandes abrufbar. Dieser mutige Schritt erfolgt auf Wunsch der Deutschen Bischofskonferenz, die das Unternehmen auch finanziell unterstützt. Die Görres-Gesellschaft setzt darauf, so die Breitenwirkung des Lexikons erhöhen zu können. Auch der Herder-Verlag ist dem Ansinnen offen begegnet: Dort sieht man die Online-Version als Marketinginstrument und als gute Möglichkeit, die Wirkungen von open access als Element künftiger Publikationsstrategien zu überprüfen.

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