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Gesundheit : Karriereberater entdecken Resilienz

Entspannung hilft - auch im Beruf Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

In der Psychologie wird mit Resilienz die Stärke eines Menschen bezeichnet, innere Schutzfaktoren zu aktivieren, um Lebenskrisen ohne anhaltende Beeinträchtigung durchzustehen. Innere Robustheit schützt in Krisenzeiten.

          Beispiele für belastete Biographien kennt jeder: Da ist das Schlüsselkind der Alleinerziehenden, das nachmittagelang sich selbst überlassen in der winzigen Wohnung verbrachte und eine ungünstige Sozialprognose bekommt - seine Arbeitslosen-Drogen-Abrutsch-Antikarriere war gleichsam vorgezeichnet. Ist sie aber nicht.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Der kleine Kerl verfügt über eine brillante Stehaufmännchen-Mentalität. Aus dem angeblich so vernachlässigten Jungen ist ein erfolgreicher Verkaufsleiter geworden, der sein Leben meistert. Was sich über den Klassenkameraden, aufgewachsen im wohlbehüteten Beamtenhaushalt, nicht sagen läßt: Der Junge ist ausgeflippt, von Beruf Sohn und Dauerweltreisender ohne gescheite Ausbildung.

          Warum die einen Leben gelingen, die anderen aber nicht, warum manche Menschen Marionetten des Schicksals werden und andere dagegen immunisiert sind, dafür hat das Führungskräftetraining ein altes Phänomen neu entdeckt: die Resilienz. Das Wort leitet sich ab vom englischen „resilience“ und bedeutet soviel wie Elastizität oder Unverwüstlichkeit. Der Begriff kommt aus der Physik und beschreibt die Eigenschaft eines Materials nach einer Belastung wieder in den Ausgangszustand zurückzukehren.

          Positive Grundeinstellung

          In der Psychologie wird mit Resilienz die Stärke eines Menschen bezeichnet, innere Schutzfaktoren zu aktivieren, um Lebenskrisen ohne anhaltende Beeinträchtigung durchzustehen. Im Berufsleben geht es um Krisen wie Arbeitslosigkeit und Umstrukturierungen in einer sich rasant drehenden Wirtschaftswelt, in der Unternehmen zwischen Wachstum und Schrumpfung schwanken. Faktoren, die Resilienz begünstigen, sind das soziale und wirtschaftliche Umfeld einer Person, aber auch deren biologische Vitalität und die Einstellung zu Problemen. Und diese positive Grundeinstellung läßt sich trainieren, sagen Resilienz-Berater.

          Das ist der Ansatz, den Lee Hecht Harrison verfolgt. Das weltweit agierende Beratungsunternehmen für Karrieremanagement hat sich mit einer Abteilung auf Veränderungssituationen in Unternehmen spezialisiert und bietet Resilienz-Seminare an. In den Vereinigten Staaten gibt es diese Angebote seit Jahren, hierzulande sind sie neu. Führungskräfte und Mitarbeiter sollen dort lernen, effektive Werkzeuge anzuwenden, um Widerstandsfähigkeit zu entwickeln.

          „Uns geht es vor allem um praktische Strategien“, sagt Caterine Schwierz, Geschäftsführerin Deutschland im Frankfurter Büro. Sie ist überzeugt, „daß sich lernen läßt, sich nicht von Krisen überwältigen zu lassen“. Erfolgreiche Manager empfinden Stress nicht als Belastung, sondern nehmen ihn als sportliche Herausforderung - im vollen Vertrauen in die eigene Kraft halten sie Rückschläge besser aus und verbuchen sie unter Erfahrung. Und sie beherrschen eine kluge Strategie: Sie sind nicht gewillt, anderen viel Macht über das eigene Wohlbefinden einzuräumen.

          Thema der Selbststärkung

          „Diese Fähigkeiten sind auch noch im Erwachsenenalter lernbar“, erklärt Eric Wenzel, Arbeitspsychologe bei Lee Hecht Harrison. „Ein Kernaspekt ist die Weiterbildung, denn in Veränderungsprozessen von Unternehmen verhärten sich viele.“ Seine Kollegin Marianne Waltemate bekräftigt: „In den Workshops sind wir Impulsgeber und versuchen, Menschen das Thema der Selbststärkung bewußtzumachen und ihnen Handwerkszeug zu vermitteln, mit Veränderungen im Unternehmen umgehen zu können.“ Um diesen Bewußtmachungsprozeß anzustoßen - mehr scheint bei zwölf Teilnehmern und vier Stunden kaum möglich -, stellen die Trainer Fragen. „Das löst Reflexion aus. Leider machen wir das im Alltag sehr selten“, sagt Wenzel. Zum Beispiel Fragen nach der individuellen Belastbarkeit, nach der Einstellung zu persönlichen Lebenszielen.

          „Und auch danach, wie jemand körperlich aufgestellt ist. Gesundheit ist ein Killerkriterium; wenn ich nicht gesund bin, dann ist alles andere schwierig. Was tue ich für meine Gesundheit? Was will ich künftig tun? Bin ich in der Lage, ein Streichholz aufzuheben oder einen Baumstamm?“ sagt Marianne Waltemate und wundert sich immer wieder über den „nebulösen Ansatz, den viele haben, wenn es darum geht, wo sie stehen. Das sind alles blinde Flecken. Sie sind dann kalt erwischt, wenn etwas schiefläuft.“

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