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Geplante Studienreform : Eine Zwangsjacke für Medizinstudenten

  • -Aktualisiert am

„Jaaaaaaaaaa“ sagen zur Allgemeinmedizin sollen auch die Studenten in Nordrhein-Westfalen. Bild: dpa/dpaweb

Um dem Hausärztemangel zu begegnen plant Nordrhein-Westfalen einen weitreichenden Eingriff in das letzte Ausbildungsjahr. Attraktiver macht das das Studium nicht.

          Geht es nach einem Antrag aus dem Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen, so sollen alle Medizinstudenten künftig zwangsverpflichtet werden, im letzten Jahr ihrer Ausbildung ein Drittel der Zeit in einer hausärztlichen Praxis zu absolvieren.

          Gegen dieses Vorhaben laufen jetzt nicht nur die Studenten selbst, sondern mit ihnen fast alle Fachgesellschaften Sturm. Stein des Anstoßes ist ein Beschluss des Gesundheitsausschusses des Bundesrats vom 15. Februar 2012 zum Entwurf einer neuen Approbationsordnung, über den bereits im März abgestimmt wird und der so in kürzester Zeit Realität werden könnte.

          Studenten haben den Kampf um ihr Wahltertial aufgenommen

          Bisher findet das letzte, Praktische Jahr (PJ) des sechsjährigen Medizinstudiums dreigeteilt in Kliniken statt. Die Studenten verbringen ein Drittel in der Inneren Medizin, ein weiteres Drittel in der Chirurgie. Das letzte Drittel konnten sie bisher frei wählen, darunter Fächer wie Augenheilkunde, Radiologie, Gynäkologie, Psychiatrie oder Kinderheilkunde. Insgesamt sind es dreiunddreißig Disziplinen, die oft neben den klassischen Fächern marginal im Studium gelehrt werden, vielleicht nur als knappes Tagespraktikum oder als Minimalvorlesung.

          "Für Studenten, die sich für eine bestimmte Facharztausbildung interessieren, bietet daher das Wahltertial oft die erste Chance, genauer zu überprüfen, was wirklich auf einen zukommt", erläutert Christian Kraef die Bedeutung dieses Studienabschnittes für sich und seine Kommilitonen. Kraef gehört zur Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), die sich klar gegen die Beschneidung dieser Wahlmöglichkeiten ausgesprochen hat. Diese Studenten sind wegen der Übergangsfristen noch nicht betroffen, sie kämpfen also nicht einmal pro domo, sondern für nachfolgende Generationen.

          Fachärzte befürchten, es wird schwieriger Nachwuchs zu finden

          Friedrich Bootz, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, bestätigt: "Das Wahltertial ist für unser Fach ein entscheidender Faktor für die Rekrutierung des Nachwuchses." Das Sichbeschnuppern ist nämlich für beide Seiten wichtig: "Auch die Kliniken sind froh, wenn sie während der PJ-Zeit sehen, wie ein künftiger Bewerber arbeitet", sagt Bootz. Nicht selten steht am Ende des Praktischen Jahres nicht nur das Staatsexamen, sondern auch der Vertrag für die Facharztausbildung.

          Da in vielen Fächern Fachärztemangel herrscht, hätten diese kaum noch Gelegenheit, ihre Attraktivität gegenüber den angehenden Ärzten unter Beweis zu stellen. "Kontraproduktiv, unüberlegt, unangemessen und gefährlich" nennen die medizinischen Fachgesellschaften diesen Ministerialvorschlag. Unisono herrscht Empörung darüber, dass keiner der Betroffenen einbezogen und über einen Beschluss von so großer Tragweite informiert worden sei.

          Rainer Godry, Referatsleiter im Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen, wendet indes auf Nachfrage ein, es gebe schon längst Überlegungen, die Allgemeinmedizin zu stärken, um dem Hausärztemangel zu begegnen. Der aktuelle Antrag sei nur die Umsetzung dieser Pläne.

          Auch die Allgemeinmediziner selbst sind dagegen

          Das ist verwunderlich - nicht nur weil er so denkbar kurzfristig in das Abstimmungspapier gepackt wurde. Verwunderlich ist das auch, weil sich selbst die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) bereits 2005 gegen ein Pflichttertial ausgesprochen hat. Ferdinand Gerlach, Präsident der DEGAM, verweist auf ein druckfrisches Positionspapier, das dies erneut bekräftigt.

          Eine Stärkung der Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr wird von den Vertretern seines Faches zwar ausdrücklich begrüßt: "Im übrigen Europa hat die Ausbildung in der Allgemeinmedizin ungleich stärkeres Gewicht, diesen Entwicklungsrückstand gilt es aufzuholen", bekräftigt Gerlach das Anliegen. "Die Studenten werden in hochspezialisierten Universitätskliniken ausgebildet, die rund 0,5 Prozent der Patienten in Deutschland versorgen. Ihr späterer Arbeitsalltag sieht indes ganz anders aus. Sie sollten die Gelegenheit erhalten, dies konkret zu erfahren."

          Allerdings gibt es derzeit unter den fünfzigtausend Hausarztpraxen in Deutschland noch längst nicht genügend Lehrpraxen, die eine ausreichend qualifizierte Ausbildung gewährleisten könnten. Die Studentenvertreter befürchten deshalb, dass jährlich zehntausend PJ-Studenten ohne gesicherte Lehrqualität lediglich "durchgeschleust" werden würden. Wie Gerlach erläutert, legt aber gerade die DEGAM großen Wert auf hohe Lehrstandards der nach ihren Qualitätskriterien zertifizierten Praxen. Denn es hat sich gezeigt, dass die Studenten am ehesten dann, wenn ihnen eine attraktive Lehre geboten wird, für die Allgemeinmedizin zu begeistern sind.

          Die von den Vertretern der Allgemeinmedizin favorisierte Lösung sieht denn auch kein Zwangstertial vor, sondern einen stetigen Ausbau der bereits bestehenden Ausbildungskapazitäten. Derzeit gibt es noch für weniger als zehn Prozent eines Medizinstudentenjahrgangs die Möglichkeit, ein Wahltertial in einer Praxis zu absolvieren. Als Kompromiss schlagen die Allgemeinmediziner daher allenfalls vor, das PJ ab Herbst 2018 in vier Abschnitte zu teilen, dabei ein Wahlquartal beizubehalten und ein Pflichtquartal in Allgemeinmedizin einzuführen.

          Bessere Arbeitsbedingungen statt Zwang

          Wie es scheint, ist jedenfalls die jetzt zur Abstimmung vorgelegte PJ-Variante ein politisches Konstrukt, das erkennbar alle Argumente gegen sich hat. Das gilt vor allem für das Ziel, die Studenten für eine hausärztliche Tätigkeit zu motivieren. "Wer etwas erzwingen will, macht es deshalb noch nicht attraktiver", gibt Kraef die Einschätzung der Studenten wieder.

          Das ist nicht nur so dahergesagt. Eine jüngste Untersuchung von Soziologen der Universität Trier belegt, dass eine Vielzahl von Kriterien die Berufswahl der künftigen Ärzte beeinflusst, darunter nicht zuletzt die Familienfreundlichkeit der Tätigkeit, aber auch die Einbindung in ein Kollegenteam. Die Arbeitsbedingungen in der Hausarztpraxis schrecken danach offenbar auch die ab, die zunächst Interesse dafür zeigen. Ein Federstrich aus Nordrhein-Westfalen wird das nicht ändern.

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