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Geplante Studienreform : Eine Zwangsjacke für Medizinstudenten

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Auch die Allgemeinmediziner selbst sind dagegen

Das ist verwunderlich - nicht nur weil er so denkbar kurzfristig in das Abstimmungspapier gepackt wurde. Verwunderlich ist das auch, weil sich selbst die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) bereits 2005 gegen ein Pflichttertial ausgesprochen hat. Ferdinand Gerlach, Präsident der DEGAM, verweist auf ein druckfrisches Positionspapier, das dies erneut bekräftigt.

Eine Stärkung der Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr wird von den Vertretern seines Faches zwar ausdrücklich begrüßt: "Im übrigen Europa hat die Ausbildung in der Allgemeinmedizin ungleich stärkeres Gewicht, diesen Entwicklungsrückstand gilt es aufzuholen", bekräftigt Gerlach das Anliegen. "Die Studenten werden in hochspezialisierten Universitätskliniken ausgebildet, die rund 0,5 Prozent der Patienten in Deutschland versorgen. Ihr späterer Arbeitsalltag sieht indes ganz anders aus. Sie sollten die Gelegenheit erhalten, dies konkret zu erfahren."

Allerdings gibt es derzeit unter den fünfzigtausend Hausarztpraxen in Deutschland noch längst nicht genügend Lehrpraxen, die eine ausreichend qualifizierte Ausbildung gewährleisten könnten. Die Studentenvertreter befürchten deshalb, dass jährlich zehntausend PJ-Studenten ohne gesicherte Lehrqualität lediglich "durchgeschleust" werden würden. Wie Gerlach erläutert, legt aber gerade die DEGAM großen Wert auf hohe Lehrstandards der nach ihren Qualitätskriterien zertifizierten Praxen. Denn es hat sich gezeigt, dass die Studenten am ehesten dann, wenn ihnen eine attraktive Lehre geboten wird, für die Allgemeinmedizin zu begeistern sind.

Die von den Vertretern der Allgemeinmedizin favorisierte Lösung sieht denn auch kein Zwangstertial vor, sondern einen stetigen Ausbau der bereits bestehenden Ausbildungskapazitäten. Derzeit gibt es noch für weniger als zehn Prozent eines Medizinstudentenjahrgangs die Möglichkeit, ein Wahltertial in einer Praxis zu absolvieren. Als Kompromiss schlagen die Allgemeinmediziner daher allenfalls vor, das PJ ab Herbst 2018 in vier Abschnitte zu teilen, dabei ein Wahlquartal beizubehalten und ein Pflichtquartal in Allgemeinmedizin einzuführen.

Bessere Arbeitsbedingungen statt Zwang

Wie es scheint, ist jedenfalls die jetzt zur Abstimmung vorgelegte PJ-Variante ein politisches Konstrukt, das erkennbar alle Argumente gegen sich hat. Das gilt vor allem für das Ziel, die Studenten für eine hausärztliche Tätigkeit zu motivieren. "Wer etwas erzwingen will, macht es deshalb noch nicht attraktiver", gibt Kraef die Einschätzung der Studenten wieder.

Das ist nicht nur so dahergesagt. Eine jüngste Untersuchung von Soziologen der Universität Trier belegt, dass eine Vielzahl von Kriterien die Berufswahl der künftigen Ärzte beeinflusst, darunter nicht zuletzt die Familienfreundlichkeit der Tätigkeit, aber auch die Einbindung in ein Kollegenteam. Die Arbeitsbedingungen in der Hausarztpraxis schrecken danach offenbar auch die ab, die zunächst Interesse dafür zeigen. Ein Federstrich aus Nordrhein-Westfalen wird das nicht ändern.

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