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Freiberufler : Problemlöser für alle Fälle

Mobiles Wissen: Für heikle Fragen schalten Unternehmen gerne externe Experten ein Bild: Caro / Hechtenberg

Im Zeitalter der Globalisierung benötigen die Unternehmen immer mehr projektbezogenes Spezialwissen. Das ist die Stunde der Freiberufler mit breiter Erfahrung.

          Zeitarbeit, Job-Sharing, Home Offices: Die Arbeitswelt kennt inzwischen viele Varianten. Jahr um Jahr acht Stunden am Tag und dies immer beim selben Arbeitgeber - das ist für viele Beschäftigten passé. Manche verlegen sich auch ganz auf das Dasein als Freiberufler jenseits der klassischen Tätigkeiten als Ärzte, Anwälte oder Architekten. Dies beileibe nicht nur in der IT-Branche. Der Kreis zieht sich heutzutage viel weiter und umschließt immer mehr die sogenannten Independent Professionals, kurz IP genannt.

          Jürgen Dunsch

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Um was geht es? Der oder die IP bildet eine Mischung aus betriebsspezifischem Experten, Unternehmensberatern, Managern und Zeitarbeitern. Im Idealfall vereint er die besten dieser Welten auf sich. Gemeinsam ist diesen Spezialisten mit Beratungshintergrund, dass sie zeitlich begrenzt in die Unternehmen geholt werden und für eine konkrete Aufgabe Teil des Teams werden. „IP sind die eingesourcten Problemlöser“, sagt Robert Berendes, Miteigentümer und Partner der auf diese Berufsgruppe spezialisierten Vermittlungsagentur A-Connect in Zürich und Ablegern unter anderem in München.

          Spezielle Aufgaben für IPs

          Die Aufgaben, für die Independent Professionals auf Zeit gesucht werden, sind in den allermeisten Fällen sehr speziell. Oder, wie der Zukunftsforscher Bob Johansen als Trend definiert: Sie erfüllen in der globalisierten Welt „Mikro-Aufgaben“. Da benötigt ein Hersteller landwirtschaftlicher Geräte jemanden, der den Kundendienst in Portugal auf Vordermann bringt; oder ein Chemie-Experte, der fließend Mandarin spricht, soll in China eine Fabrikerweiterung sachkundig begleiten; oder es wird ein Pharma-Jurist für Brasilien gesucht, der sich in den Zulassungsbedingungen auskennt und Kontakte zu den Behörden hat, und so weiter und so fort.

          Die internen Vorbehalte, die den neuen Kollegen entgegenschlagen können, sind nicht zu unterschätzen. Das ist verständlich, sind diese doch relativ weit oben in der Firmenhierarchie angesiedelt, wenn nicht auf Vorstandsebene, dann zumindest auf der zweiten oder dritten Stufe. Können wir das nicht selbst und im Zweifel besser, heißt es da gerne. So gibt sich zum Beispiel die Personalabteilung des Pflanzenschutzkonzerns Syngenta nach den Worten ihrer Leiterin Caroline Luscombe gegenüber solchen Verstärkungen zurückhaltend, weil man die eigenen Leute nicht entmutigen wolle.

          Allianz und Kuoni arbeiten mit IPs

          Andererseits bediente sich der Schweizer Touristikkonzern Kuoni beim Verkauf seiner Reisebüros an die deutsche Rewe-Gruppe eines IP, weil intern das nötige Wissen dazu fehlte. Der Fernsehsender Pro Sieben Sat.1 griff schon mehrfach auf die externen Profis zurück, zum Beispiel für Analysen zu Zukunftsmärkten, die man im Visier hat. Solche begrenzten Aufgaben seien für die großen Beratungskonzerne nicht sonderlich interessant, befindet der Pro-Sieben-Manager Claas van Delden. Zuweilen holt er IP auch einfach als Verstärkung in bestehende Projektteams. Der Versicherungskonzern Allianz setzte für ein Projekt zur Steigerung der Kundenzufriedenheit in Deutschland sechs Monate lang einen IP ein. „Da benötigte ich nicht gleich die Teams der etablierten Unternehmensberatungen“, erläutert der zuständige Manager Martin Seibold, sondern eine Person mit Industrie-Background und Führungserfahrung.

          Die Spezialisten ihrerseits, vielfach langjährige Kenner ihres Fachs mit einer Berufserfahrung von zwanzig Jahren und mehr, suchen ein hierarchiefreies Arbeiten und wechselnde Herausforderungen. Sein Engagement könne er als Freiberufler besser und ohne Fremdbestimmung verwirklichen, findet Oliver Strauss, IP seit Ende 2002 mit Büro in Düsseldorf und den Spezialgebieten Finanzdienstleistungen und Konsumbranche. „Als Independent Professional kann ich in den Unternehmen wirklich etwas bewegen. Ich beschäftige mich nicht damit, ob etwas, sondern wie etwas verändert wird“, sagt Christoph Weilenmann, der von der Schweiz aus tätig ist. „Als Freiberufler tragen die IP nicht unbedingt Managementveranwortung, sondern sind Know-how-Lieferanten“, erläutert Berendes.

          A-Connect arbeitete nach den Worten von Deutschland-Chef Mark Weigelt unter anderen schon für gut ein Drittel der Dax-Konzerne. Je nach Auftrag und Dringlichkeit kann ein IP hierzulande ungefähr 1500 Euro am Tag verdienen. Das sieht nicht nur auf den ersten Blick viel aus. Bedingt durch ein großes Restrukturierungsprojekt, an dem er mitarbeitet, habe er in den vergangenen zwölf Monaten mehr verdient als früher in den Festanstellungen, berichtet Strauss in Düsseldorf. Aber nicht jeder dieser Profis hat einen so dicht gefüllten Terminkalender, dass er davon den Standard einer früheren Festanstellung halten oder sogar übertreffen könnte. Das Spezialwissen kann im Gegenteil zum Nachteil ausschlagen. Nicht zuletzt aus diesem Grund prüfen die Experten gerne eine Verbindung mit internationalen Vermittlern wie A-Connect, Eden McCallum in den Vereinigten Staaten oder Business Talent Group (BTG) in Großbritannien.

          Das hat allerdings seinen Preis. Vom Gesamtbetrag, den ein Unternehmen zahlt, geht rund ein Drittel als Provision an A-Connect, deutet Berendes an. Anderseits nutzen vor allem große Firmen zunehmend die Vermittlungsagenturen. Sie können dadurch vergleichsweise rasch die gewünschte Fachkraft erhalten. „Anders wäre ich wohl kaum zu dem gesuchten IP gekommen“, lautet das Fazit von Allianz-Manager Seibold. Zugleich spielen sich die Abläufe für mögliche IP-Suchen in der Zukunft ein. Die externen Spezialisten unterliegen seitens der Agenturen im Nachlauf jedes Projekts rund einjährigen Konkurrenzausschlussklauseln.

          Andererseits eröffnen die Vermittler neben den Firmen auch ihnen zusätzliche Kanäle. 1900 IP befinden sich zum Beispiel im Pool der Zürcher. Dafür wurden 40 000 Frauen und Männer eingehend geprüft. Der Kreis der 1900 kann ungefähr 5000 Erfahrungsmuster bieten. Wenn dann ein Unternehmen eine solche Spezialkraft sucht, bemühen sich die Vermittler, stets mehrere Kandidaten vorzuschlagen. Dabei scheuen sie sich nicht, eigene Empfehlungen abzugeben. Die letzte Entscheidung trifft indes der Kunde.

          Zwei Mal im Jahr durchforstet A-Connect seinen Pool. „Jährlich müssen wir 3 bis 5 Prozent unserer IP verabschieden“, sagt Berendes, sei es, dass sie nicht angefordert wurden, sei es, dass sie eine ungenügende Leistung zeigten. Manche wechseln auch ganz in eine neue berufliche Aufgabe. Zugleich ist die Agentur selbst auf der Suche nach neuen Kandidaten. Dies geschieht vor allem über soziale Netzwerke wie Linkedin und Facebook oder andere digitale Medien. Dabei versuchen die A-Connect-Partner, neue Tendenzen aufzugreifen, die auf den Anfragen der Unternehmen basieren. Neben konzernweiten Dienstleistungszentren steht alles, was mit Digitalisierung zu tun hat, auf der aktuellen Hitliste der gesuchten Profis mit Spezial-Know-how.

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