https://www.faz.net/-gyl-8vyy3

Frauen im Handwerk : Meisterinnen ihres Fachs

Keine Angst vor der Selbständigkeit: Die Schneiderin Claudia Frick (Mitte) und ihre Mitarbeiterinnen Rehane Heidari (links) und Eva-Madeleine Fiedler. Bild: dpa

Von wegen Männersache: Ein Drittel der Beschäftigten im Handwerk ist weiblich. Frauen erfinden mit ihrem eigenen Stil so manchen Handwerksberuf neu.

          Etwas mit Mode machen, sich gestylt in Szene setzen, darüber bloggen und best dressed berühmt werden: das wäre der ideale Werdegang. Hochinteressiert bleiben viele Schülerinnen an den etwa 200 Kojen, Ständen und Ateliers stehen, die sich auf 10.000 Quadratmetern zum Thema „Handwerk und Design“ präsentieren. Es gibt viel zu sehen für die Klassencliquen, die sich über die Internationale Handwerksmesse in München schieben.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Bei all den Mädchenträumen vom Kreativsein und Sichaufhübschen blendet manche junge Besucherin gerne aus, dass es nicht schaden kann, versiert mit Nadel, Faden, Schnitttechnik und Buchhaltung umzugehen, kurzum, das Schneiderhandwerk solide zu lernen.

          So wie Rehane Heidari vom Stand der Frankfurter Schneiderwerkstatt „Stitch by Stitch“. Der Name klingt hip, hat aber einen ernsten Hintergrund: Zwei Gründerinnen haben sich zusammengetan, im Frankfurter Nordend ein Atelier eröffnet und beschäftigen junge Flüchtlingsfrauen, die behende mit Schnittmustern und Nähmaschinen umgehen können, nun Mode „made in Germany“ herstellen und quasi nebenbei Deutsch lernen. „Das ist für uns alle eine klassische Win-win-Situation“, sagt Claudia Frick.

          Als Leuchtturmprojekt ausgezeichnet

          Die Damenmaßschneiderin und studierte Modedesignerin skizziert ihr Geschäftsfeld: „Wir produzieren für Designer Kleinserien, sind eine Art Zwischenmeisterei für Menschen, die eine Idee haben. Mal fertigen wir fünf, mal 20 oder auch 100 Teile und werden von Anfragen überrollt.“ Dass sich das Ganze rechnet, dafür sorgt ihre Kollegin Nicole von Alvensleben, die mit Mikrokrediten jongliert und die Finanzen im Griff hält. Wie das geht, hat sie unter anderem beim Social-Entrepreneurship-Studium in Oxford gelernt.

          Die staatliche KfW-Bank hat das Start-up als Leuchtturmprojekt ausgezeichnet, das Flüchtlingsfrauen aus Aleppo, Damaskus und Herat in Lohn, Brot und ein weitgehend selbstbestimmtes Leben bringt. So wie Rehane Heidari aus Afghanistan, die ausgezeichnet schneidert, auch wenn sie das nicht schriftlich nachweisen kann. Die Partnerin von Alvensleben stört das nicht: „Im handwerklichen Beruf zählt, was du kannst, nicht, was du für ein Zeugnis hast. Möglicherweise können wir das nachzertifizieren.“

          Ein Drittel der Beschäftigten im Handwerk ist weiblich. Trotz Akademisierungswahn haben 2015 mehr als 32.500 Mädchen eine Ausbildung im Handwerk begonnen. In diesem Jahr wurden rund 20 Prozent der Meisterprüfungen von Frauen abgelegt. Jede vierte Betriebsgründung wird inzwischen von Frauen vorgenommen. Darunter sind nicht nur die großen Steinmetzbetriebe, sondern auch kleine Goldschmieden zu finden. Eine Zahl, die „Stitch by Stitch“-Unternehmerin Claudia Frick noch als zu niedrig empfindet. Sie rätselt über die Motive: „Viele haben Angst vor Selbständigkeit, das ist ein großes Mysterium.“ Kollegin von Alvensleben sekundiert: „Natürlich geht man auch durch Täler. Aber das geht anderen genauso. Es hilft, sich mit anderen Frauen zum Netzwerk zusammenzuschließen und zu fragen: Wie macht ihr das?“

          „Wandel als Normalzustand“

          Das Frankfurter Frauenduo hat mit seinem Start-up viel richtig gemacht, um im Handwerk erfolgreich zu bestehen, und wäre ganz nach dem Geschmack von Monique R. Siegel. Die Schweizer Trendforscherin ist davon überzeugt, dass es gelingen kann, junge Frauen für das Handwerk zu begeistern. „Sie müssen sich ihres Wertes bewusst sein und erkennen, wie sehr es sie braucht. Dann werden sie auch erkennen, dass sich mit innovativem Denken in einem krisenfesten Umfeld ein hoher Grad von Unabhängigkeit schaffen lässt.“

          Die temperamentvolle, 78 Jahre alte Dame weiß viel über den Wandel der Arbeitswelt zu berichten. Was sie unter „dem Megatrend Female Shift“ versteht: Immer mehr gut ausgebildete Frauen verändern die Arbeitswelt, natürlich auch die klassische Männerdomäne Handwerk. Die promovierte Wirtschaftsethikerin ermutigt Frauen, weil sie mit ihrem Denken, ihren Entscheidungen und Lösungen näher an Mitarbeiterinnen und Konsumentinnen seien. Eine schlicht erscheinende Erkenntnis über Kundennähe, die aber lukrative Auswirkungen hat: „Achtzig Prozent der Ausgaben für Konsumgüter in der Welt werden von Frauen bestimmt.“ Und das gehe über das launige Beispiel von der Farbwahl beim Autokauf hinaus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.