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Fachkräftemangel : Personal verzweifelt gesucht

Leerstelle: Wer erledigt die Arbeit von morgen? Bild: ZB

Unternehmen brauchen zunehmend Fachkräfte. Bislang vernachlässigte Gruppen werden mobilisiert. Das Arbeitsrecht macht jetzt schon viel möglich.

          Reden Unternehmensführer über die Zukunft, dauert es nicht lange, bis das drohende Wort „Fachkräftemangel“ fällt. Arbeit wird es künftig im Übermaß geben - nur in Zeiten geringer Geburtenraten bald niemanden mehr, der sie ausführt. Deshalb, so ist man sich oft einig, müssen die stillen Reserven gehoben werden. Darunter fallen besonders drei Gruppen: Frauen, Ausländer und ältere Mitarbeiter, die bis vor wenigen Jahren trotz ihrer umfassenden Erfahrungen frühzeitig aufs Altenteil geschoben wurden. Rechtlich gibt es für die Mobilisierung neuer Arbeitskräfte schon mehr Möglichkeiten, als viele meinen:

          Ältere Mitarbeiter

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Schon in den kommenden 13 Jahren wird die Lücke nur allzu deutlich: Die Zahl der erwerbstätigen Personen zwischen 20 und 64 Jahren schrumpft von 50 Millionen in diesem Jahr auf 45 Millionen im Jahr 2025. „Retention statt Altersteilzeit“ heißt deshalb die Devise, die der Arbeitsrechtler Thomas Thees von der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft neudeutsch ausgibt. „Halten statt Abschieben“ könnte man stattdessen formulieren.

          Und viele Ältere wollen auch arbeiten, wie jüngst der Fall eines 62 Jahre alten Geschäftsführers einer Kölner Klinik zeigte, den der Bundesgerichtshof zu entscheiden hatte. Darin legten die Karlsruher Bundesrichter zum ersten Mal fest: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz schützt zumindest in einigen Bereichen auch Geschäftsführer. Sie können sich ebenso wie normale Arbeitnehmer gegen eine Diskriminierung wegen des Alters vor Gericht wehren, wenn sie bei der Verlängerung ihres Vertrags zugunsten eines Jüngeren den Kürzeren zogen (Az.: II ZR 163/10).

          Auch Rentner sind in Unternehmen inzwischen häufiger gesehen, das deutsche Sozialrecht macht es möglich. Wer das gesetzliche Rentenalter von derzeit 65 Jahren überschritten hat, kann sich neben seiner Rente noch etwas dazuverdienen, ohne in die Renten- oder Arbeitslosenversicherung einzahlen zu müssen. Allerdings gilt dies nicht für die Arbeitgeberseite. Unternehmen müssen auch weiterhin den vollen Sozialversicherungsbeitrag abführen, damit Rentner nicht billiger werden als normale Arbeitnehmer. Auch für Beschäftigte mit vorzeitiger Rente oder Teilrente gibt es Anreize, wieder in die Arbeitswelt zurückzukehren: Bis zu 400 Euro dürfen sie hinzuverdienen, ohne dass der Betrag von der Rente abgezogen wird. Bei der Kündigung werden die älteren Mitarbeiter ebenfalls nicht schlechter gestellt - im Gegenteil. Die Tatsache, dass ältere Mitarbeiter einen Rentenanspruch haben, macht es bei betriebsbedingten Entlassungen nicht leichter, sie zugunsten jüngerer Mitarbeiter wieder auf ihr Altenteil abzuschieben. Das darf kein Kriterium für die Sozialauswahl sein.

          Zudem hat der Gesetzgeber es Unternehmen ermöglicht, mehr ältere Menschen ab 52 Jahren befristet einzustellen. Wenn sie vorher mindestens vier Monate ohne Beschäftigung waren, können Firmen ergrautes Personal zeitweise einstellen und die Befristung über einen Zeitraum von fünf Jahren immer wieder verlängern - egal ob sie vorher schon einmal in dem Unternehmen gearbeitet haben oder nicht. Bei jüngeren Mitarbeitern ist das anders: Sie dürfen ohne triftigen Grund wie eine Schwangerschaftsvertretung nur über einen Zeitraum von zwei Jahren befristet eingestellt werden; und auch nur dann, wenn sie in den drei Jahren zuvor nicht schon einmal beim gleichen Arbeitgeber angestellt waren. Damit sollen Kettenbefristungen vermieden werden, bei denen Arbeitnehmer über Jahre hinweg in einer unsicheren Situation leben müssen. Kann der Arbeitgeber jedoch gute Gründe anführen, sind Befristungen nahezu endlos möglich.

          In Unternehmen ist es außerdem oft üblich, ehemalige Mitarbeiter weiter als Berater zu beschäftigen, wenn sie das Rentenalter erreicht haben. Doch davor kann Luther-Partner Thees nur warnen: Eine faktische Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses „unter anderer Flagge“ führe zu einer Scheinselbständigkeit, betont er.

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