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Kolumne „Expat“ : Das nutzlose Mausoleum von Tirana

  • -Aktualisiert am

Die Pyramide von Tirana Bild: REUTERS

Die mitten in Tirana aus Betonplatten errichtete Pyramide ist nicht nur grundhässlich, sie lässt sich auch nicht sinnvoll nutzen. Als die Regierung jedoch beschloss, sie abzureißen, formierte sich eine merkwürdige Allianz.

          Es gibt Städte, die schöner sind als ihr Ruf. Zu ihnen gehört Tirana. Mit ihrem mediterranen Flair erinnert die Hauptstadt von Albanien mehr an süditalienische Städte als an Balkan-Metropolen wie Podgorica, Skopje oder Prishtina. Das liegt gewiss auch am italienischen Kolonialstil, der das Gesicht der Stadt zwischen den beiden Weltkriegen geprägt hat. Vor allem aber führen die vielen Straßencafés zu dieser Atmosphäre. Viele davon wurden im ehemaligen „Block“ eröffnet, wodurch sich das unter dem Kommunismus hermetisch abgeschirmte Stadtviertel der Nomenklatura in eine Quadratmeile für Nachtschwärmer und Flanierer verwandelte.

          In gewisser Weise verdankt Tirana seinen Charme dem Wahnsinn des kommunistischen Diktators Enver Hodscha, der Albanien autark machen wollte und es damit aus der Armut ins Elend stieß. Weil Hodscha die Ressourcen fehlten, ist Tirana weitgehend frei von den gewaltigen sozialistischen Monumenten, die in anderen Hauptstädten des Ostens das Stadtbild verhunzen. Eine Ausnahme ist die von Hodschas Schwiegersohn Klement Kolaneci 1987 mitten in der Stadt aus Betonplatten errichtete Pyramide, die als Mausoleum für den zwei Jahre zuvor verstorbenen Diktator gedacht war. Man hat sie zeitweilig für Messen, Ausstellungen und Konzerte genutzt, zuletzt hatte die Regierung sogar zwei Millionen Euro investiert, um in ihr ein Theater einzurichten. Es hat alles nichts genützt. Hodschas Pyramide ist nicht nur grundhässlich, sie lässt sich auch nicht sinnvoll nutzen.

          Als die Regierung beschloss, sie abzureißen, gab es dennoch Widerstand. Eine merkwürdige Allianz bildete sich, die von Hodscha-Nostalgikern bis zu Künstlern und Denkmalschützern reichte. Einige meinten, die Stadt könne sich nicht mit der Abrissbirne von ihrer Geschichte befreien, einige forderten ein autonomes Kulturzentrum, andere wiederum priesen die Pyramide als eines der schönsten Architekturdenkmäler des Landes. Orchestriert wurde die Kampagne von der sozialistischen Opposition, deren Vorsitzender Edi Rama erst vor wenigen Monaten als Bürgermeister der Hauptstadt von einem Konservativen abgelöst wurde. Edi Rama ist Künstler, ihm verdankt Tirana unter anderem die bunt bemalten Hausfassaden, die das Stadtbild prägen, und den Schutz der Grünflächen. Kein Zweifel, dass der Mann Geschmack hat, aber bei der Pyramide ging es nicht um Ästhetik, sondern um Politik: Die Konservativen wollten dieses Symbol des Sozialismus beseitigen, daher mussten die Sozialisten dagegen sein.

          Im Sommer fasste das von den Sozialisten boykottierte Parlament dann schließlich den Abrissbeschluss. An die Stelle der Pyramide wird ein hypermodernes neues Parlamentsgebäude gesetzt, mit dessen Entwurf die Wiener Architekten der Gruppe Coop Himmelb(l)au den Wettbewerb gewannen. Die veranschlagten Kosten von 109,8 Millionen Euro werden über einen von Saudi-Arabien gewährten Kredit finanziert. Anders als Hodschas Pyramide wird das neue Parlament die Skyline von Tirana überragen. Laut Coop Himmelb(l)au soll der Bau das basisdemokratische Prinzip der Macht der Wähler dadurch symbolisieren, dass der Plenarsaal unter den öffentlich zugänglichen Gebäudeteilen angelegt wird. Einmal über den Politikern zu stehen - das dürfte den Albanern ein ganz neues Lebensgefühl vermitteln.

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