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Expat : Weißbier in Tirana

Ob auch wirklich drin ist, was drauf steht? In Tirana kann das fraglich sein Bild: Erdinger Brauerei

Albanien, das klingt nach Strafkolonie. Umso anheimelnder, dass die Hotelbar in Tirana, an der sich die Vertreter internationaler Unternehmen und Verbände treffen, gut gekühltes Weizenbier serviert. Dabei gilt vor allem: Eine gute Verpackung ist alles, der Inhalt ist nachrangig.

          Albanien, das klingt nach Strafkolonie. Umso anheimelnder, dass die Hotelbar in Tirana, an der sich die Vertreter internationaler Unternehmen und Verbände treffen, gut gekühltes Weizenbier serviert. „In Bayern daheim, in der Welt zu Hause“, so verspricht es der Slogan der Brauerei, deren Logo auf den Gläsern prangt. Preislich und qualitativ, das weiß man aus der Heimat, handelt es sich um ein Premium-Produkt, und nach ein paar kräftigen Schlucken ist der schlechte Ruf des kleinen Landes auf dem Balkan fast vergessen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer in Deutschland an Albanien denkt, denkt gewöhnlich an nichts Gutes, sondern an Kriminalität und wilde Müllkippen. Vom Schreckensregime des Diktators munkelt man, der das von schroffen Bergen umringte Land fast ein halbes Jahrhundert lang isoliert hat; vielleicht auch noch von der Blutrache, die es im entlegenen Norden Albaniens noch immer gibt. Nur 1500 Straßenkilometer von Frankfurt entfernt, lassen solch schaurige Berichte immerhin an einen abenteuerlichen Einsatz fernab jeglicher Zivilisation denken. Das ist tröstlicher als der Frust über die vermeintliche Strafversetzung an den gefühlten Rand der modernen Welt.

          Deren Errungenschaften aber hat sich Albanien längst erstritten. Wie wichtig Flexibilität ist, lässt sich zum Beispiel nirgends besser als an der Organisation des öffentlichen Transports in Albaniens Städten und Dörfern ablesen: Pressen Fahrpläne den Reisenden andernorts in ihr starres Korsett, stimmen hier die Chauffeure der allgegenwärtigen Minibusse ihr Angebot perfekt auf die Nachfrage ab - Abfahrt ist, wenn genug Fahrgäste mit dem gleichen Ziel da sind. Die Wartezeit wiederum lässt sich, in Sachen Recycling äußerst lehrreich, mit dem Studium der benachbarten Busse überbrücken: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich unter ihnen auch der ausgemusterte Lieferwagen des Metzgers aus der eigenen Heimatstadt befindet.

          Die Wahrheit schließlich, dass eine gute Verpackung alles und der Inhalt nachrangig ist, gilt in Albanien erst recht: Im Wahlkampf machte der Ministerpräsident viele Punkte mit dem Bau einer Autobahn, deren Eröffnung fristgerecht vor dem Urnengang mit großem Trommelwirbel gefeiert wurde - dass damals erhebliche Streckenabschnitte noch Schotterpisten waren, fiel unter den Tisch. Und hinter der Theke der Hotelbar in Tirana gießen die Kellner fachmännisch das deutlich günstigere Gebräu eines aus deutschen Discount-Märkten bekannten Herstellers in ihre Weizenbiergläser.

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