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Elterngeld : Eine sanfte Revolution

Die Rolle der Väter hat sich verändert. Bild: Frank Röth / F.A.Z.

Das Elterngeld hat die Familienarbeit neu verteilt. Plötzlich sieht man schon morgens bärtige Mitdreißiger, die ihre Kleinen liebevoll über die Rutsche jagen. Aber ist das 5 Milliarden Euro Staatsgeld wert?

          Am Anfang war das Wort vom „Wickelvolontariat“. Mit dieser Sprachschöpfung verunglimpfte Peter Ramsauer, damals CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, im Frühjahr 2006 das zu dieser Zeit diskutierte Elterngeld. In einer funktionierenden Familie sei es nicht notwendig, die Arbeitsteilung durch staatliche Transferleistungen zu motivieren. Doch genau das ist die Idee des Elterngeldes, das schließlich gegen Ramsauers Widerstand eingeführt wurde: Paare bekommen bis zu 14 Monate lang Elterngeld - bis zu 67 Prozent des vor der Auszeit verdienten Einkommens, höchstens 1800 Euro. Die vollen 14 Monate gibt es aber nur, wenn beide Partner aussetzen - mindestens zwei Monate.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Jede neue Sozialleistung muss kritisch hinterfragt werden. Für Elterngeldempfänger in gutbezahlten Berufen schwingt immer mit, dass die großzügige Gabe des Staates auch von Beziehern geringerer Einkommen geleistet werden muss. Wenn also Papa, Mama und Baby mit Allradantrieb über die neuseeländische Nordinsel düsen, finanziert das die Krankenschwester mit, die gerade in ihrer Nachtschicht den sedierten 120-Kilo-Patienten neu gebettet hat. Das muss den ausgedehnten Familienurlaub niemandem verleiden, aber wer ihn sich leistet - beziehungsweise vom Staat mitfinanzieren lässt -, sollte sich das bewusst machen.

          Es gibt immer noch genügend Eltern, die selbst diese großzügige und weltweit ziemlich einmalige Leistung für unzureichend halten. „Eine Familie kann man davon aber nicht ernähren“, halten sie einem in Diskussionen gern entgegen. „Wie bitte?“, fragt man sich in diesen Momenten als halbwegs liberaler, kritischer Mensch. Soll der Staat einem denn die komplette finanzielle Last des Abenteuers Familienplanung abnehmen? Das kann nun wirklich nicht die Aufgabe der anderen Steuerzahler sein. 30 Milliarden Euro hat das Bundesfamilienministerium seit der Einführung des Elterngeldes 2007 ausgezahlt. Geld, das nicht für Forschung und Entwicklung, Universitäten, die marode Technik der Bundeswehr oder die Verkehrsinfrastruktur eingesetzt werden konnte.

          Und dann gilt auch noch als ziemlich fragwürdig, ob das Geld denn tatsächlich Paare ermuntert hat, Kinder in die Welt zu setzen. Bei vielen, die ihren Antrag bei den Elterngeldstellen der Kommunen eingereicht haben, ist ein reiner Mitnahmeeffekt festzustellen. Sie hätten die Belastung der Familiengründung auch anders auf sich genommen. Und ob man diejenigen unterstützen will, für die das Geld der wichtigste Gedanke bei diesem Thema ist, sei dahingestellt.

          Wenn das Elterngeld ein Erfolg ist, dann auf einem ganz anderem Feld, das man jeden Tag in deutschen Städten beobachten kann. Plötzlich sieht man da um 10 Uhr morgens bärtige Mitdreißiger, die ihre Kleinen liebevoll schaukeln und über die Rutsche jagen. Männer, die nun selbst dafür verantwortlich sind, die Wickeltasche mit dem Babybrei für den Tag zu packen. Die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie acht Stunden mit dem Kind verbringen. Die auch mal alleinverantwortlich für den Haushalt sind. Für die es eine Grenzerfahrung ist, ihr Kind allein inmitten einer verschworenen Gemeinschaft von Müttern zum Singkurs zu begleiten. 29,3 Prozent der Väter nehmen die Leistung in Anspruch - durchschnittlich 3,2 Monate lang.

          Klar könnte man das alles auch ohne solch einen Sozialtransfer haben. Es gibt auch Väter, die zwölf oder vierundzwanzig Monate Elternzeit auf eigene Kosten und auf eigenes Karriererisiko nehmen. Aber man kann nicht verkennen, dass das Elterngeld eine sanfte Revolution in Gang gesetzt hat. Auf diese Weise hat es die Lebensqualität für viele Familien erhöht.

          Beziehen sie das Elterngeld in der ursprünglichen Absicht des Gesetzgebers - um einem Partner (meistens der Frau) die zügige Rückkehr in den Beruf zu erleichtern -, kann man es als erfolgreich bewerten. Sogar volkswirtschaftlich: Denn die Sozialrendite, die eine hochqualifizierte Mutter in ihrem Beruf für die Gesellschaft erzielt, ist womöglich höher als bei einer längeren Auszeit. Ob einem das aber die rund 5 Milliarden Euro wert ist, die es den Staat jährlich kostet, muss jeder für sich selbst entscheiden.

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