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Bauingenieure : „Ein Architekt hat ein gutes Image, ein Bauingenieur ist ein Nobody“

  • Aktualisiert am

Bauingenieure leiden unter einem Imageproblem, sagt Hans Helmut Schetter Bild: privat

Freie Stellen gibt es inzwischen wieder genügend - nämlich rund 4000 - Absolventen aber nicht. Bauingenieure sind gefragt, sagt Hans Helmut Schetter, Personalvorstand von Bilfinger Berger, dem zweitgrößten Bauunternehmen Deutschlands..

          Herr Schetter, seit Mitte vergangenen Jahres ist die Zahl der Bauaufträge wieder gestiegen. Zur Zeit gibt es rund 4000 offene Stellen für Bauingenieure. Die Erstsemesterzahlen sind aber seit langem drastisch zurückgegangen. Warum ist das so?

          Das lag an der sinkenden Baunachfrage. In erster Linie aber an einem anderen Problem – viele junge Menschen haben keine richtigen Vorstellungen von unserem Beruf. Wir müssen das Ingenieurwesen stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken und den Trend weg von den Naturwissenschaften müssen wir drehen. Das Interesse sollten wir schon in der Mittelstufe der Gymnasien wecken, denn da geht es ja los, dass Fächer wie Mathematik und Physik zugunsten anderer abgewählt werden. Für mich stellt sich die Frage, wie wir die Begabungen, die in unseren Kindern stecken, besser hervorholen können. Übrigens, im Augenblick planen wir und andere Unternehmen noch in diesem Jahr eine große Informationsaktion zu Ingenieurberufen im Rhein-Main-Gebiet. Wir wenden uns an die Schüler der Mittelstufe mit einer Großveranstaltung am Frankfurter Flughafen. Auch die Lehrer werden mit eingebunden, denn selbst die naturwissenschaftlichen Lehrer wissen zu wenig über uns, da müssen wir uns stärker bekannt machen.

          Warum sollte denn ein junger Mensch Bauingenieur werden?

          Es ist unstreitig, dass zu einer gut funktionierenden Gesellschaft eine gute Infrastruktur gehört. Wir brauchen Menschen, die das bewegen. Der Bauingenieur ist von Hause aus ein seiner Sache zugewandter Typ, und seine Arbeit ist spannend. Ein Architekt hat ein gutes Image, ein Bauingenieur ist ein Nobody. Viele meinen, dass wir hinter den Architekten noch ein bisschen für Technik und Statik zuständig sind, aber das ist ja ganz anders.

          Wie denn? Offenbar bringen doch die Wenigsten den Berufsstand mit konkreten Bauwerken in Verbindung?

          Das genau ist unser Imageproblem. Ein Bauingenieur konzipiert Bauwerke aller Art, er ist für das Design, die Planung, die Erstellung zuständig. Er baut Brücken, Tunnel, U-Bahnen, Staumauern, Dämme, Deiche, Schleusen. Er konzipiert Infrastruktur, Schienenwege, Wasserstraßen. Egal, was gebaut wird, er übernimmt die Organisation von Baustellen. Wenn zum Beispiel ein Hochhaus gebaut wird, dann bestimmt er, mit welchem Gerät der Beton auf 240 Meter Höhe transportiert und wie die Sicherheit der Baustelle organisiert wird. Viele Passanten bleiben interessiert an Baustellen stehen, bringen das Geschehen dort aber nicht mit unserem Beruf in Verbindung. Das sollten wir ändern.

          Stärker in den Fokus rückt inzwischen Umwelttechnik. Was macht ein Bauingenieur hier?

          Er plant Kläranlagen oder Schutzbauwerke gegen Naturkatastrophen, überlegt Lösungen, um zuverlässige Erdbebensicherheit herzustellen oder Schutz gegen schwere Stürme.

          Zum Berufsbild gehört Flexibilität, gemeint ist offenbar die Bereitschaft, auch Baustellen hinterherzuziehen. Ist das nicht ein Nachteil?

          Das kann man auch anders sehen. Für viele ist es eine Herausforderung, in anderen Teilen Deutschlands oder der Welt zu arbeiten. Viele unserer Baustellen sind zur Zeit beispielsweise in Skandinavien, so lernt man auch Sprachen und weitet den Horizont. Aber es stimmt schon, wir müssen mit unseren Baustellen über Land ziehen und oft einen überdurchschnittlichen Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Es gibt lange Tage, manchmal in zwei Schichten.

          Besonders familienfreundlich klingt das aber nicht. Wie sieht es mit den Bauingenieurinnen aus?

          Immerhin ist deren Zahl steigend. In meiner aktuellen Vorlesung an der TU Darmstadt sitzen bis zu einem Drittel Studentinnen. Wir stellen bei Bilfinger regelmäßig Ingenieurinnen ein, allerdings noch im einstelligen Bereich. Frauen sind absolut gleichwertig, um es altmodisch auszudrücken: Sie stehen ihren Mann.

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