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Ehrenamt : Weltretter nach Feierabend

Bild: Cyprian Koscielniak

Malochen für den Lebensunterhalt - vielen Beschäftigten genügt das nicht. Für sie ist ehrenamtliches Engagement selbstverständlich. Der Lohn: Zufriedenheit und Anerkennung. Manchmal fördert es auch die Karriere. Start der Sommerserie „Arbeiten ohne Geld“.

          Ein Ehrenamt kann richtig Arbeit sein, nicht nur die Tätigkeit selbst, sondern auch der Weg dorthin. Bei meinem letzten ehrenamtlichen Engagement wurde ich auf Herz und Nieren geprüft, die Prozedur war so umfangreich, dass auch eine gehobene bezahlte Position an ihrem Ende hätte stehen können: Nachdem ich umfangreiche Bewerbungsunterlagen eingereicht hatte, musste ich mich einem ausführliches Bewerbungsgespräch stellen: über meine Motivation, meine Qualifikation, meine menschlichen Qualitäten. Knapp eine Stunde saß ich in einem hellen Büro und habe der Mitarbeiterin einer gemeinnützigen Organisation bereitwillig Auskunft gegeben. Ich fand das irgendwie ganz amüsant.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Dann musste ich zwei berufliche Kontakte angeben, die für meine Integrität und Rechtschaffenheit geradestehen. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass sie auch tatsächlich als Kronzeugen herangezogen würden. Doch keine Woche später kam die Meldung, dass meine Kollegen meine altruistischen Beweggründe glaubhaft beteuert hätten. Ein bisschen peinlich war mir, so viel Wind verursacht zu haben.

          Dann folgte der nächste Gang ins Organisationsbüro: ein Vorbereitungskurs über die Rechte und Pflichten von ehrenamtlichen Mitarbeitern, einen ganzen Abend lang bei Chips und Cola. Bei jedem noch so anspruchsvollen Praktikum hatte ich vorher weniger Aufwand. Dabei wollte ich nur tun, was ich schon lange vorher privat gemacht hatte: älteren Herrschaften jenseits der 80 Jahre die Zeit vertreiben. Mal einen Einkauf erledigen, mal die Brille reparieren lassen, mal einen Film gemeinsam schauen. Aber vor allen Dingen: viel über das Leben reden, Interessantes erfahren, Inspiration bekommen, vielleicht sogar ein bisschen Lebenshilfe. Das ist für mich die Mindestanforderung, darunter mache ich es nicht. Zeit habe ich nämlich nicht zu verschenken.

          Anspruchsvoller als ein Geschäftsessen

          Bei meinem alten Freund Peter, im zarten Alter von 87 Jahren friedlich entschlafen, durfte ich all das ohne aufwendiges Bewerbungsverfahren, solange ich nur etwas zu seinem Amüsement beizutragen hatte. Eine Herausforderung jedes Mal, anspruchsvoller als ein Geschäftsessen und lehrreicher als jede Fortbildung. Beim Mittagessen im Nobelrestaurant schlief er immer kurz am Tisch ein, die Kellner in ihren exquisiten Anzügen flüsterten dann nur noch diskret, um ihn nicht zu wecken. Wenn er wach war, lieferte er Lebensweisheiten am Fließband, seine Gelassenheit wurde mir zum Vorbild. Allerdings flossen wir beide auch in keine Statistik ein. Was ist Privatvergnügen, was gesellschaftlich sinnvoll? Die Grenzen zerfließen.

          Zugegeben, das umfangreiche Bewerbungsverfahren spielte in New York und spiegelt deshalb wohl auch nicht die gängige Praxis hierzulande wider. Amerika ist das Land der „Volunteers“, fast jeder Zweite ist dort irgendwie ehrenamtlich engagiert. Außerdem ist es das Mutterland der Haftung und der Rechtsstreitigkeiten, ein gutes Herz und ein paar helfende Hände schützen dort nicht vor immensen Schadensersatzansprüchen, wenn mal etwas schiefgeht. Kurz: Die Tausende von Non-Profit-Organisationen können und müssen ihre Helfer sorgfältig auswählen.

          Jeder vierte Bürger engagiert sich ehrenamtlich

          Doch auch Deutschland muss sich nicht verstecken, hierzulande engagiert sich mehr als jeder vierte Bürger ehrenamtlich. Ein Massenphänomen, für das es allenfalls ein paar Zahlen, aber nur wenig Erklärung gibt. In den vergangenen elf Jahren ist der Anteil stark gestiegen, von 18 Prozent im Jahr 1999 auf 28 Prozent 2011, wie eine Studie der Sozialforschungsstelle Dortmund ergab. Besonders beliebt ist der Sport, als Fußballtrainer oder Turnvater ist jeder dritte Ehrenamtler aktiv. Andere engagieren sich in der Kirche, in der freiwilligen Feuerwehr oder beim Technischen Hilfswerk. Inzwischen gibt es über 400 Agenturen, die Freiwillige vermitteln. In Geld ist der Wert der Arbeit nicht zu bezifferten, zu unterschiedlich sind die einzelnen Tätigkeiten, zu unterschiedlich wäre ihre Bewertung.

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