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Identifikation von Ausweisen : Der Vertragsabschluss auf der Couch – per Videochat

Frank Jorga (l.) und Franz Thomas Fürst: Ihre Idee hat Erfolg, die Post wollte sie schon aufkaufen. Bild: Edgar Schoepal

Für Online-Verträge musste man sich bislang vor allem bei der Post identifizieren. WebID ermöglicht nun eine staatlich anerkannte Identifikation per Videochat. Die Erfinder mussten ganz schön zittern, ob ihre Unternehmensidee trägt.

          Der Weg ins Allerheiligste führt durch eine Hochsicherheitsschleuse. Wer die schwere Stahltür passieren möchte, braucht eine Chipkarte und einen persönlichen Code, ein Infrarot-Scanner untersucht, ob das Muster der Handvenen zu den hinterlegten Daten passt. Im Boden ist ein Waage eingebaut, damit sich nicht zwei Personen auf einmal einschleichen können. Wer es dann geschafft hat, wird beim Eintreten fotografiert, so dass das System jederzeit genau nachweisen kann, wer sich im Callcenter von WebID aufhält.

          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Hohe weiße Wände zwischen den Boxen sorgen für Sichtschutz, dunkelblaue Schallschutzelemente für ein ungestörtes Gespräch. Die Mitarbeiter vor den Monitoren tragen weiße Hemden mit dem Firmenlogo. Alles ist sehr aufgeräumt, nirgendwo hängen Jacken und Taschen über dem Stuhl oder liegen persönliche Gegenstände auf den Tischen. Helle Stellwände grenzen die Kabinen nach hinten optisch ab. Es geht um sensible Daten. Anrufer, die über die Kamera ihres Rechners auf die Arbeitsplätze schauen und sich mit dem Gegenüber per Videochat unterhalten, sollen sofort Vertrauen fassen.

          „Der Eindruck in den ersten zwei Sekunden ist entscheidend“, sagt Thomas Fürst, einer der beiden Geschäftsführer. Bei WebID können sich die Kunden über das Internet legitimieren: für die Eröffnung eines Online-Bankkontos, einen Kreditantrag, den Abschluss eines Mobilfunkvertrages im Internet oder den Altersnachweis für die Teilnahme an einem Glücksspiel. Es ist eine bequeme Alternative zum lästigen Anstehen in der Postfiliale, wo man für das Postident-Verfahren persönlich erscheinen muss. Bei WebID halten die Anrufer den Ausweis in die Kamera ihres Rechners oder Handys. Eine Software untersucht anhand verschiedener Kriterien die Echtheit des Papiers, und der Mitarbeiter prüft, ob das Gesicht auf seinem Bildschirm zum Ausweisfoto passt. Fertig.

          Eine Identifikation dauert im Schnitt 4 Minuten

          „Im Schnitt ist die Sache nach 4 Minuten erledigt“, erzählt Fürst. Im Zweifel wird nachgehakt. Zum Beispiel durch die Frage nach dem Geburtsdatum. Wie darauf geantwortet wird – zu laut, zu schnell oder gar erst nach einem schnellen Blick auf den Ausweis –, sei ein guter Indikator, ob man es mit einem Betrüger zu tun habe.

          WebID Solutions: In Solingen werden bereits drei Etagen angemietet.

          Die Idee für das Verfahren stammt von Fürsts Partner und Co-Geschäftsführer Frank Jorga. Beide hatten in der Finanzbranche gearbeitet und waren sich geschäftlich über den Weg gelaufen: Fürst wollte Jorga eine Software-Lösung zur Echtzeitbeurteilung von Kreditanträgen verkaufen. Ohne Erfolg, wie Jorga schmunzelnd berichtet. Dann kamen sie doch noch zusammen. Zwei Jahre lang dauerten die Vorarbeiten für WebID. Die größte Hürde: Sie mussten die deutsche Finanzaufsicht von der Sicherheit und Zuverlässigkeit überzeugen. Die beiden erfolgreichen Geschäftsleute gingen dabei voll ins Risiko. Ihre Arbeitsplätze hatten sie an den Nagel gehängt und mehrere Hunderttausend Euro investiert. „Wir waren ganz schön nervös. Bei uns lief jeden Monat die Uhr“, erinnert sich der 48 Jahre alte Jorga, der aus Lübeck stammt und heute in Hamburg wohnt. Im Frühjahr 2014 hatten sie es geschafft: Das Bundesfinanzministerium und die Bafin gaben grünes Licht.

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