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Handschuh-Start-up T1tan : Mit René Adler kam der Durchbruch

Matthias Leibitz (rechts) und Manuel Meier (links) in ihrem Büro in Herbolzheim Bild: Verena Müller

Matthias Leibitz, Manuel Meier und René Adler wollen den Markt für Torwarthandschuhe aufmischen. Ihr Ziel ist ambitioniert und um es zu erreichen, machen sie einiges anders als Adidas und Co.

          Torhüter sind ein bisschen verrückt, heißt es gern. Für Außenstehende drängt sich dieser Eindruck schnell auf, wenn sich ein Torwart in einen harten Schuss wirft, bei dem man sich selbst instinktiv wegducken würde. Die profanen Nöte der Amateur-Keeper kann aber jeder nachvollziehen: Je Saison verschleißen sie schnell drei Paar Handschuhe, und das kann ganz schön ins Geld gehen. Für die Top-Modelle der führenden Marken Adidas, Nike oder Uhlsport zahlt man oft an die 100 Euro oder mehr.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diese Preise wollte Matthias Leibitz nicht mehr akzeptieren und gründete im Jahr 2010 kurzerhand seine eigene Handschuhmarke – mit dem kühnen Versprechen, die gleiche Qualität für nur 60 Euro zu bieten. „Wir haben schlanke Strukturen, ein kleines Sortiment und verkaufen alles direkt online, so dass wir ohne Zwischenhändler auskommen“, sagt Leibitz. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ansonsten ist in der Zwischenzeit eine Menge passiert. Das fängt schon beim Unternehmensnamen „T1tan“ an, der Leibitz und seinem Geschäftspartner Manuel Meier eine Klage von Oliver Kahn eingebrockt hat: Der frühere Nationalkeeper nennt sich schließlich selbst gern Titan, es ist sein Markenzeichen.

          Im Jahr 2010 lag die Klage freilich noch in weiter Ferne. Leibitz und Meier hatten sich während ihres dualen BWL-Studiums kennengelernt und suchten nach einer Idee für ein eigenes Unternehmen. „Die Frage war nur, mit welchem Produkt wir uns selbständig machen“, erinnert sich Meier. Torwarthandschuhe zu produzieren war letztlich mehr oder weniger eine Verlegenheitsidee. „Eigentlich wollten wir bloß testen, wie man ein Unternehmen aufbaut, um später einmal Anfängerfehler zu vermeiden“, sagt Leibitz. Entsprechend schleppend lief zunächst auch das Geschäft mit den Handschuhen, die bis 2013 noch unter dem Namen „Aegiv“ firmierten. Leibitz arbeitete weiter im Marketing eines Maschinenbauers und Meier als Geschäftsführer in dem Unternehmen, in dem sich beide kennengelernt hatten.

          So lief Adlers Einstieg

          Ihr Start-up führten sie quasi aus dem heimischen Keller, wo sie die Handschuhe verpackten und verschickten. Auf der Sportmesse Ispo knüpften sie die nötigen Kontakte zu Latex-Produzenten und Handschuh-Fabrikanten in der Ukraine und Pakistan. Wirklich ernst genommen habe man sie zu Beginn nicht, so Meier. Anfangs verkauften sie bloß 300 Handschuhe im Jahr, doch das Projekt hatte es ihnen schnell angetan.

          Der Durchbruch ließ allerdings bis 2017 auf sich warten und kündigte sich mit einem Anruf aus Hamburg an. Am anderen Ende der Leitung war der Vermarkter von René Adler mit der Botschaft: Der Bundesliga-Torhüter würde gern als Gesellschafter bei T1tan einsteigen. „Ich wollte weg vom üblichen Sponsoring und zudem anfangen, mein aus dem Sportmanagement-Studium erlerntes Wissen in der Praxis anzuwenden“, sagt Adler. Bevor er mit den beiden Gründern Kontakt aufnahm, hatte er sich anonym die Handschuhe bestellt, um sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Der Rest ist schnell erzählt.

          2017 war er noch aktiv: Adler beim Spiel Mainz 05 gegen Hannover 96 mit T1tan-Handschuhen

          Leibitz und Maier reisten nach Hamburg und einigten sich bald mit dem ehemaligen Nationaltorwart. Adler investierte daraufhin eine niedrige sechsstellige Summe und erhielt 20 Prozent der Anteile. Zum Start der Bundesliga-Saison 2017/2018 lief er als erster Torwart mit Handschuhen aus dem eigenen Unternehmen auf. Nach dem Einstieg von Adler kündigte Leibitz seinen alten Arbeitsplatz. Manuel Meier will dem Beispiel bald folgen.

          2,1 Millionen Euro Umsatz

          Die Aufgaben sind klar verteilt: Leibitz kümmert sich um das Marketing und die Produktentwicklung, während Meier für Finanzen und Logistik verantwortlich ist. Adler knüpft derweil die Kontakte zu den Profis und fachsimpelt mit Leibitz permanent über allerlei Handschuh-Details. Geschäftliche Entscheidungen fällen sie stets gemeinsam. Die Strategie des Trios geht offenbar auf: Wurden 2016 noch 8000 Handschuhe verkauft, waren es 2018 schon rund 50.000, und der Umsatz belief sich auf gut 2,1 Millionen Euro. Für das laufende Jahr peilen sie jeweils das Doppelte an. Gewinn erwirtschaften sie bereits.

          Kürzlich hat Adler zudem seinen Anteil auf 25,1 Prozent aufgestockt, den Rest halten die beiden Gründer. Heute beschäftigt T1tan sechs Mitarbeiter, die sich am Sitz in Herbolzheim nahe Freiburg um Kundenservice und Marketing kümmern. Die IT-Infrastruktur – das Herzstück des Geschäftsmodells – wird aus Rumänien betreut, während den Versand ein Dienstleister übernimmt. Bei den Produkten beschränkt man sich aufs Wesentliche: „Torwarthandschuhe müssen einen starken, langlebigen Grip haben, eng sitzen und gut aussehen“, sagt Adler.

          Ziel: Nummer eins in Europa

          Während viele große Marken einen bunten Strauß an verschiedenen Handschuhtypen im Angebot haben, verkauft T1tan nur wenige Varianten, die in kurzen Abständen weiterentwickelt werden. Dazu kommen noch diverse Protektoren und von diesem Sommer an Torwarttrikots. Produkte, die für Feldspieler interessant wären, sind nicht geplant. Der Fokus liegt auf Torwartausrüstung, und in dieser Hinsicht haben die drei ehrgeizige Pläne: „Mittelfristig wollen wir in Europa die Nummer eins in Sachen Torwarthandschuhe werden“, sagt Meier. Die Platzhirsche Adidas oder Uhlsport äußern sich auf Nachfrage nicht zu ihren Verkaufszahlen. Doch der Vorsprung auf T1tan dürfte beträchtlich sein.

          Um aufzuholen, verlässt sich das Trio daher nicht nur auf die Popularität von Adler. Unter anderem dessen ehemaliger Mannschaftskollege bei Mainz05, Florian Müller, spielt mit Handschuhen von T1tan. Und zur neuen Bundesliga-Saison kommen weitere Profis hinzu, kündigt Leibitz an. Für mehr Bekanntheit im Ausland setzen sie außerdem auf Influencer. So findet sich auf dem spanischen Youtube-Kanal „The FTO Family“ ein Video über die T1tan-Handschuhe, das fast 470.000 Mal angesehen wurde.

          Weiter Streit mit Oliver Kahn

          Selbstproduzierte Clips mit Handschuh-Pflegetipps kommen ebenfalls gut an, und bei Instagram folgen mehr als 40.000 Nutzer dem T1tan-Account. Dem Serviceteam kann man obendrein auch per Whats-App schreiben. „Wir sind auf den Kanälen schnell erreichbar, die unsere Kunden ohnehin privat nutzen“, sagt Leibitz.

          Einiges an Aufmerksamkeit hat ihnen der Streit mit Oliver Kahn beschert. Der ehemalige Welttorhüter wurde in der Vergangenheit oft als Titan bezeichnet und beansprucht die Rechte an dem Namen für sich. Im Frühjahr 2018 hat er das junge Unternehmen verklagt, der nächste Prozesstermin ist für den 29. Oktober anberaumt. Eine angestrebte gütliche Einigung kam bislang nicht zustande. Matthias Leibitz bleibt aber gelassen: „Für uns ist klar: Wir haben die Markenrechte an T1tan“. Unabhängig von dem Namensstreit hat T1tan mittlerweile scheinbar auch einen gewissen Stellenwert in der Branche erlangt. So arbeitet mit Lothar Bisinger seit Mai ein Mann in Herbolzheim, der zuvor 35 Jahre lang bei Uhlsport Profis betreut und an Handschuhen getüftelt hat.

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