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Start-up Unternehmen Selfapy : Schnelle Hilfe für Depressive

Die Gründerinnen von Selfapy: Katrin Bermbach, Nora Blum und Farina Schurzfeld (von links) Bild: Matthias Lüdecke

Wer unter Depressionen leidet, muss oft monatelang auf einen Therapieplatz warten. Das Start-up Selfapy will das ändern. Unter anderem, weil beide Gründerinnen schon mit verzweifelten Menschen ohne Therapieplatz zu tun hatten.

          Wie schlecht es in Deutschland um die Versorgung psychisch kranker Menschen bestellt ist, hat Katrin Bermbach hautnah miterlebt. Während ihres Psychologiestudiums arbeitete sie eine Zeitlang als wissenschaftliche Hilfskraft an der Berliner Charité, wo sie auch dafür zuständig war, an Depressionen erkrankten Menschen zu sagen, dass es für sie keinen Therapieplatz gibt. Sie sei das zunächst sehr naiv angegangen, schildert Bermbach, habe sich die Telefonliste genommen und wollte loslegen. Was sie unterschätzte: Wie verzweifelt viele Betroffene sind. Viele weinten am Telefon, oft dauerten die Gespräche eine Dreiviertelstunde.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Ähnliche Erfahrungen hat auch Nora Blum gemacht. Sie stammt aus einer Psychotherapeutenfamilie, studierte selbst ebenfalls Psychologie. Und bekam schon früh mit, wie Menschen auf dem Anrufbeantworter in der Praxis ihrer Mutter herzzerreißende Nachrichten hinterließen. Als die beiden heute 26 Jahre alten Frauen sich in Cambridge zufällig kennenlernten, kamen sie ins Gespräch: Wie kann es sein, dass so viele Depressive in Deutschland monatelang auf einen Therapieplatz warten müssen – Monate, in denen sie unter Schlafstörungen und Ängsten leiden, in denen sie nicht mehr in der Lage sind, positive Gedanken zu fassen, sich innerlich leer fühlen? Sie dachten sich: Zwar könnten sie beide als Psychotherapeuten arbeiten und versuchen, möglichst vielen Betroffenen zu helfen. Doch an der Versorgungslücke würde das wenig ändern. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts erkranken innerhalb eines Jahres zwischen fünf und sechs Millionen Menschen in Deutschland an einer Depression.

          Bermbach und Blum beschlossen, eine Lösung zu entwickeln, die möglichst schnell möglichst vielen Menschen helfen soll. Das Ergebnis heißt Selfapy und ist ein Online-Portal, das eine neunwöchige Therapie über das Internet ermöglicht, begleitet von Gesprächen mit Psychologen am Telefon oder via Chat, und das komplett anonym. Es soll helfen, die Wartezeit bis zum Beginn einer Therapie zu überbrücken – oder auch im Anschluss als Nachsorge dienen. „Viele Betroffene trauen sich nicht, sich Hilfe zu suchen“, sagt Nora Blum. „Sie schämen sich und haben Angst vor Stigmatisierung. Daher wollten wir die Hemmschwelle möglichst gering halten.“ Als dritte im Bunde holten sie sich die 30 Jahre alte Marketingfachfrau Farina Schurzfeld hinzu.

          Prävention steht im Vordergrund

          Der Name Selfapy setzt sich aus den englischen Worten „self“ und „therapy“ zusammen – Selbsttherapie also, und genau das ist auch das Konzept. Unterstützt von Psychologen und Psychotherapeuten entwickelten die Gründerinnen Selbsthilfekurse gegen Depressionen, aber auch gegen Magersucht, Burnout oder Angststörungen. Betroffene sollen so Techniken erlernen, mit denen sie ihrem Alltag eine Struktur geben, sich regelmäßige Glücksmomente verschaffen und sich von negativen Denkweisen befreien. Dazu müssen sie allerdings selbst aktiv werden, Fragebögen ausfüllen, sich Videos anschauen, ihre Stimmung protokollieren. „Unsere Online-Kurse funktionieren dann gut, wenn jemand einsieht, dass er krank ist“, sagt Gründerin Kati Bermbach. Deshalb seien Depressionen auf diesem Weg einfacher zu behandeln als Essstörungen, da beispielsweise Magersüchtige oft an ihrer Situation gar nichts ändern wollten.

          Allerdings ist die als Medizinprodukt zertifizierte Therapie von Selfapy nicht für jede Form von Depressionen geeignet. Leichte und mittelschwere Fälle könne man gut behandeln, sagt Bermbach. Das hat sich das Start-up durch eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf bestätigen lassen. Stark depressive oder suizidgefährdete Menschen allerdings verweisen die für Selfapy tätigen Psychologen, die ein abgeschlossenes Studium haben, in der Regel aber noch in der Praxisausbildung zum Psychotherapeuten stecken, an einen niedergelassenen Psychotherapeuten oder eine Klinik. „Hier haben wir ein gutes Netzwerk aufgebaut“, sagt Bermbach.

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          Gut 5000 Menschen hat Selfapy eigenen Angaben zufolge bislang behandelt. Für die meisten Kurse müssen sie bislang noch selbst zahlen – gut 80 Euro für das reine Online-Seminar, gut 180 Euro, wenn sie dabei von einem Psychologen begleitet werden wollen. Nur der Anti-Stress-Kurs wird bislang von den meisten gesetzlichen Krankenkassen erstattet, einige Privatversicherungen bezahlen auch alle anderen Kurse. Viele Nutzer gewinnt Selfapy allerdings auch über Unternehmenskunden wie Zalando oder Glossybox. Gut 30 Betriebe haben die Kurse bislang in ihr Gesundheitsmanagement integriert. „Dabei steht die Prävention im Vordergrund“, sagt Mitgründerin Schurzfeld. So geht es beispielsweise um Themen wie die gesunde Ernährung am Arbeitsplatz, Bewegung, aber auch den Umgang mit Stress. Auch hier übernehmen verschiedene Krankenkassen einen Teil der Kosten.

          Im Februar 2016 gegründet, schreibt Selfapy, das sich in einer alten Physiotherapie-Praxis im Prenzlauer Berg niedergelassen hat, noch keine schwarzen Zahlen. Allerdings konnte das Unternehmen schon zwei Finanzierungsrunden abschließen. Zuletzt investierten im Juli dieses Jahres die IBB Beteiligungsgesellschaft, der High-Tech-Gründerfonds und verschiedene Business Angel einen Millionenbetrag – konkreter werden die Gründerinnen hier nicht. Wie es mit Selfapy weitergehen soll, davon haben sie dafür umso genauere Vorstellungen. Zum einen soll es künftig Kurse gegen alle psychischen Störungen geben, also auch gegen Zwänge und Suchterkrankungen. Dann soll die Expansion ins Ausland folgen. Dass Selfapy und die anderen Start-ups, die sich in diesem Bereich tummeln, sich dabei in die Quere kommen, glauben die Gründerinnen nicht. Zum einen sei die Zahl der Anbieter überschaubar, sagt Schurzfeld. Zum anderen habe jeder einen etwas anderen Schwerpunkt. Die Smartphone-App Moodpath beispielsweise hat sich auf das Erkennen von Depressionen spezialisiert. Ihr Ziel ist es, überhaupt erst einmal herauszufinden, ob jemand von dieser Erkrankung betroffen ist. Viele Krankenkassen bieten ihren Versicherten inzwischen ebenfalls Online-Kurse gegen allerlei psychische Erkrankungen an, auch diese Seminare sieht Selfapy nicht als allzu große Konkurrenz. Viele Menschen wollten ihren Krankenkassen nicht verraten, wenn sie an einer Depression erkrankt sind, sagt Nora Blum. Zudem kämpften sie alle für das gleiche Ziel, sagt Bermbach, und darum gehe es: „Betroffenen möglichst schnell zu helfen“.

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