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Gründerserie : Wie KI beim Durchforsten der Patientenakte hilft

Die Gründer: Lukas Naab (links) und Matthias Bay Bild: Helmut Fricke

Das Programm der Minds Medical-Gründer erleichtert die komplizierte Abrechnung mit Krankenkassen. Damit wollen sie vor allem Kliniken helfen. Der Durchbruch gelang ihnen aber auf einem ganz anderen Gebiet.

          Warum geht das eigentlich nicht automatisch? Auf dieser Frage gründet die Entstehungsgeschichte des Frankfurter Start-ups Minds Medical. Damals, Mitte der 2010er Jahre, ist Lukas Naabs Freundin Assistenzärztin im Krankenhaus. Naab ist einer der beiden Gründer des Softwareunternehmens. Seine Freundin habe in dieser Zeit oftmals die sogenannten Kodierungen der Patientenakten machen müssen. Zur Abrechnung mit den Krankenkassen müssen Diagnose, Symptome, Behandlungen und Operationen eines jeden Patientenfalls kodiert und dem Medizinischen Dienst der Kassen gemeldet werden. „In Deutschland sind es ja nur rund 11 000 Codes“, scherzt Naabs Partner und Mitgründer Matthias Bay. Dafür müssen die Akten allerdings zunächst gelesen und die jeweiligen Krankheiten und Behandlungen identifiziert werden. Ein mühseliges Verfahren, für das in den meisten Häusern spezielle Fallkodierer eingestellt worden sind.

          Ilka Kopplin

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Naab, der bis zum Physikum selbst Medizin studiert hat, kann nicht verstehen, warum für solch recht stupide und eintönige Aufgaben wertvolle Ressourcen verschwendet werden, es keine automatisierten Prozesse dafür gibt. „Ich dachte mir, Matthias sei der Richtige, um das Problem zu lösen“, sagt Naab über seinen Partner, den er von Spieleabenden schon aus der Jugend kennt. Bay hat schließlich Informatik studiert. Die beiden tüfteln an einem Prototypen. „Wir haben uns nicht nur die Frage gestellt, ob es technisch möglich ist, sondern ob es ein Geschäftsmodell gibt“, erzählen die beiden Mittdreißiger. Also mussten sie viele Telefonate mit Krankenhäusern führen. Viele der Häuser hätten die Idee gut gefunden, einige nichts damit anfangen können, erzählen sie.

          Ein städtisches Klinikum habe sich dann in einem Pilotprojekt angeschlossen, alte Patientenakten als Datenbasis anonymisiert zur Verfügung gestellt, mit der das auf Künstlicher Intelligenz basierende Programm dann gefüttert und trainiert wurde. Anschließend habe man die Software vor Ort auch laufen lassen.

          Testlauf der beiden Gründer in der städtischen Klinik war erfolgreich

          „Wir haben keine Ahnung von Medizin, das müssen wir aber auch nicht“, sagt Bay. Ihr System nutzt eine automatische semantische Mustererkennung, mit welcher der Text, also die Patientenakte gescannt wird. Bestimmte medizinische Formulierungen kommen immer wieder vor und lassen auf bestimmte Beschwerden, Krankheiten und ihre Behandlungsmethoden schließen. Kodierungsvorschläge werden dem Mitarbeiter anschließend aufgelistet. In vielen, recht einfachen Fällen, beispielsweise einer Gehirnerschütterung, funktioniere das System mit einer hohen Genauigkeit. Dem Fallkodierer werde die Treffsicherheit prozentual angezeigt. „Wir sorgen dafür, dass die einfachen Fälle schnell abgearbeitet werden, so dass für die komplizierten Fälle mehr Zeit bleibt“, erklärt Bay. Es solle ein Assistenzsystem für den Kodierer sein, nicht dessen Ersatz. Andere Programme, wie das des Großkonzerns 3M, scannten zwar auch die Patientenakte. Dann müsse aber die Fachkraft eine Art Fragenkatalog, der nacheinander mit ja oder nein zu beantworten sei, durchgehen – keine echte Erleichterung.

          Der Testlauf der beiden Gründer in der städtischen Klinik war erfolgreich. „Wir hatten einen Markt identifiziert und gesehen, dass unser Programm funktioniert“, erzählt Naab. Die rund 2000 Häuser in Deutschland haben schließlich rund 20 Millionen Fälle im Jahr abzuarbeiten.

          „Gerade sind wahnsinnig viele Projekte am Laufen“

          Beide seien aber keine Gründer gewesen. Naab hatte Politikwissenschaft und vergleichende Religionswissenschaft studiert und war als Lehrer angestellt, Bay hat im IT-Bereich für die Deutsche Bahn gearbeitet. Mit dem Exist-Gründerprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums war eine schnelle Lösung gefunden. „Das hat uns letztlich ein Jahr lang die Freiheit gegeben, den Prototypen in ein stabil laufendes Programm zu überführen“, sagen sie. Im Inkubator der Frankfurter Goethe-Universität, einem Ort für junge Gründer, sind sie zuerst untergekommen. Ende Juni 2016 wurde die Firma offiziell gegründet – damals noch mit einem dritten Kompagnon, der später ausgestiegen ist. 2017 war aus dem Prototypen eine marktfähige Software gereift. Allein – es fehlte an Kunden. „Das Krankenhaus, das im Pilotversuch mitgemacht hatte, war abgesprungen“, erzählt Naab. Das Geld aus dem Gründerprogramm reichte nur noch für höchstens drei Monate. Der dritte Gründer zog sich zurück.

          Durch Zufall lernte Naab den Chef der Deutschen Familienversicherung kennen. Der war von der Software angetan. Auch Mitarbeiter von Versicherungen müssen große Aktenberge studieren. Für Risikoanalysen für private Kranken- oder Lebensversicherungen müssen Kunden mitunter auch Krankenbescheinigungen und andere medizinische Dokumente einreichen. „Das hat eine Tür aufgetreten“, erzählt Naab. Mittlerweile sei man von anderen Versicherungen engagiert und „auch das erste Krankenhaus hat ein Projekt mit uns gestartet“, sagen sie.

          Im vergangenen Jahr hat Minds Medical außerdem neue Investoren aus dem Frankfurter Raum gefunden, die einen niedrigen sechsstelligen Betrag investiert haben. Mittlerweile hat das Start-up ein Büro am Eschenheimer Tor in Frankfurt bezogen und fünf Mitarbeiter eingestellt. „Gerade sind wahnsinnig viele Projekte am Laufen“, sagen sie. Und: „Die Skepsis in den Krankenhäusern ist wesentlich geringer.“ In diesem Jahr will das Start-up bei einem Umsatz im mittleren sechsstelligen Bereich – die Kunden zahlen jährliche Lizenzgebühren – Gewinn erwirtschaften.

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