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Gründerserie : Mit dem Armband zum Wunschkind

Lea von Bidder Bild: Fabian Fiechter

Das Schweizer Start-up Ava hilft Frauen zu erkennen, an welchen Tagen sie am ehesten schwanger werden können. Doch das ist erst der Anfang.

          Es gibt sie in allen Farben: die schlauen Armbänder, die dem gestressten und daher um sportlichen Ausgleich bemühten Manager zeigen, wie es um seine täglichen körperlichen Leistungen bestellt ist. Fitness-Tracker heißen die eifrigen Datensammler im Gummigewand auf Neudeutsch. Auch das Schweizer Unternehmen Ava hat ein intelligentes Band für das Handgelenk entwickelt. Allerdings misst dieses nicht die Zahl der zurückgelegten Schritte oder den Kalorienverbrauch, sondern verfolgt den weiblichen Zyklus. „Wir helfen Frauen, die schwanger werden wollen, das fruchtbare Fenster zu finden“, erläutert Lea von Bidder.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Die 28 Jahre alte Schweizerin gehört zum Gründungsteam von Ava, das 2014 in Zürich aus der Taufe gehoben wurde. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium in St. Gallen und dem Masterprogramm in Frankreich, Amerika und China war Bidder erst auf einem ganz anderen Pfad unterwegs: Sie verkaufte Schokolade in Indien. Doch nach zwei Jahren hatte sie davon genug. Die Jungunternehmerin wollte lieber in einem Geschäft arbeiten, das leicht skalierbar ist, also im Erfolgsfall rasant wachsen kann. Dafür sind digitale Technologien prädestiniert. Und so war sie sofort begeistert, als sie auf Pascal Koenig, Peter Stein und Philipp Tholen stieß. Das sind die „Masterminds“ hinter Ava, die zuvor schon mit selbst programmierten Apps in der digitalen Medizintechnik unterwegs waren.

          Bidder ist in der Geschäftsleitung für Marketing zuständig und arbeitet inzwischen die meiste Zeit von San Francisco aus. Denn Amerika ist nicht nur der mit Abstand größte Markt für das Fruchtbarkeitsarmband. Dort sitzen auch einige der Investoren, die schon eine hübsche Stange Geld in Ava gesteckt haben. „Wir haben inzwischen 42 Millionen Dollar eingesammelt“, erzählt Bidder. Bei der jüngsten Finanzierungsrunde waren auch die europäischen Risikokapitalgesellschaften BTOV und SVC mit an Bord. Letztere ist eine Tochtergesellschaft der Großbank Credit Suisse.

          Die jüngst bezogenen Büroetagen sind schon wieder zu klein

          Konkrete Geschäftszahlen lässt sich das mit zahlreichen Gründerpreisen ausgezeichnete Unternehmen nicht entlocken. Als Zeichen für ein strammes Wachstum darf gelten, dass die jüngst erst bezogenen Büroetagen im Zürcher Stadtteil Sihlfeld schon wieder zu klein sein. Gut 80 Mitarbeiter beschäftigt Ava derzeit, es sind mehrheitlich Frauen. Bis zum Jahresende sollen es 100 sein. „Dann müssen wir wieder umziehen“, sagt Bidder und lächelt frech. Denn das seien natürlich Luxusprobleme.

          Als einzige „Kennziffer“ für den bisherigen Verkaufserfolg ihres Armbands, das seit zwei Jahren auf dem Markt ist, nennt Bidder die Zahl 10.000. So viele Schwangerschaften hätten die Ava-Armbandträgerinnen inzwischen gemeldet, wobei natürlich keiner weiß, ob die Kundinnen nicht auch ohne digitalen Helfer in frohe Erwartung gekommen wären. 249 Euro kostet das türkisfarbene Armband samt der dazugehörigen App. Im großen weiten Netz gibt es indes zahlreiche kostenlose Anwendungen wie zum Beispiel die App „Clue“, mit denen Frauen ihrem Zyklus auf die Spur kommen können. Allerdings müssen sie dabei alle mögliche Daten selbst eingeben.

          Das Armband von Ava indes holt sich die Daten nächtens im Schlaf. Sensoren erfassen neun verschiedene physiologische Parameter, darunter den Puls, die Atemfrequenz, die Durchblutung, die Hauttemperatur, den Wärmeverlust, die Herzfrequenz und die Schlafqualität. Aus diesen Daten ermittelt ein selbstlernender Algorithmus, wann die fruchtbarsten Tage sind. „Wir erkennen mit einer Genauigkeit von 89 Prozent nachweislich 5,3 fruchtbare Tage pro Zyklus“, sagt Bidder, wobei die Vorhersage umso präziser sei, je näher das fruchtbare Fenster rücke. „Wir erkennen den Anfang des fruchtbaren Fensters. Das hat bisher keine andere Methode geschafft.“ Allerdings kann die Vorhersage bei Frauen mit einem unregelmäßigen Zyklus deutlich weniger genau ausfallen.

          „Möglichst schnell möglichst groß werden“

          Ava sieht sich technologisch als Marktführer. Aber wie in der schnelllebigen digitalen Welt üblich, treibt die Gründer ständig die Sorge um, dass sie von einem pfiffigen Rivalen überholt werden könnten. Daher folgen sie einer einfachen Losung: „Wir müssen möglichst schnell möglichst groß werden“, sagt Bidder. Profite sind auf einem solchen Kurs erst einmal nicht zu erwarten. Aber das aufgenommene Kapital soll jetzt so lange reichen, bis die Gewinnschwelle erreicht ist. Wann das der Fall sein soll, verrät Bidder nicht.

          Unterdessen tüfteln die Entwickler, Forscher und Datenspezialisten, die rund ein Drittel der Belegschaft ausmachen und die Ava unter anderem von der angesehenen ETH Zürich an Bord geholt hat, mit Hochdruck an einer Anwendung, die noch deutlich mehr Wachstum verspricht. Viel größer als die Zahl der Frauen, die sich nach einem Kind sehnen und diesbezüglich ein wenig nachhelfen wollen, ist die Zahl derer, die über eine längere Zeit verhüten wollen. Wenn es Ava gelänge, aus dem gewaltigen Datenschatz wirklich verlässlich die Tage zu bestimmen, in denen keine Schwangerschaft „droht“, hätte das Unternehmen ein natürliches Verhütungsinstrument erfunden. Wann könnte es so weit sein? „Wir sind an dem Thema dran“, antwortet Bidder und gibt zu erkennen, dass hier noch viel Forschungsarbeit zu leisten ist. Etwas einfacher (und auch risikoärmer) dürfte es sein, Frauen mit Hilfe des Armbands in anderen Lebenssituationen wie zum Beispiel den Wechseljahren zu begleiten.

          Und wie sehen die vier Gründer ihre Zukunft im Unternehmen? Werden sie früher oder später aussteigen und Kasse machen? „Eine Übernahmeofferte in der laufenden Aufbauphase interessiert uns nicht“, sagt Bidder. Aber wollen die beteiligten Finanzinvestoren nicht bald Geld sehen? „Wir haben noch Zeit. Und die werden wir nutzen.“ Bidder kann sich vorstellen, dass Ava eines Tages an die New Yorker Technologiebörse Nasdaq geht. Aber bis dahin sei es noch ein weiter Weg.

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