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Wie man eine Gin-Marke gründet : Schnapsidee mit Lindenblüten

Siggis Väter: Raphael Vollmar (links) und Gerald Koenen Bild: Edgar Schoepal

Gin erfreut sich an deutschen Bars großer Beliebtheit. Zwei Bonner haben mit dem „Siegfried“ innerhalb nur eines Jahres eine beachtliche Erfolgsgeschichte geschrieben.

          Wer auf den Namen Siegfried getauft ist, wird wahrscheinlich schon in jungen Jahren mit dem Kürzel „Siggi“ konfrontiert werden. Gerald Koenen findet den Spitznamen für seinen Zögling klasse. Erfunden hätten ihn Freunde und Bekannte auf Facebook und mittlerweile habe sich die Kurzform eingebürgert. Raphael Vollmar war „unheimlich stolz“, als er zum ersten Mal hörte, dass jemand einen „Siggi-Tonic“ bestellte. Rückt ein Produktname zur Gattungsbezeichnung auf, spielt er in der Liga von Tempo (Papiertaschentücher) und Nivea (Hautcreme). Die beiden Bonner Freunde haben mit ihrem „Siegfried Rheinland Dry Gin“ eine der größten Überraschungen auf dem deutschen Spirituosenmarkt im vergangenen Jahr gelandet. Aus dem Nichts eroberte sich die Marke ihren Stammplatz in den Regalen vieler Bars. Auch in Kaufhäusern und Supermärkten ziert der „Siggi“-Gin immer häufiger das Sortiment.

          Deutsche Marken schießen wie Pilze aus dem Boden

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Dabei brachten die beiden außer ihren Erfahrungen als Konsumenten keinerlei Fachwissen in ihre Firmengründung ein. Gerald Koenen, heute 38 Jahre alt, studierte Wirtschaftsrecht und arbeitet in Köln in einer Beratungs- und Investmentgesellschaft für Internet-Start-ups. Der ein Jahr ältere Raphael Vollmar ist Bankkaufmann und hat internationales Management studiert.

          Der Rheinland Dry Gin hat schon eine große Fangemeinde

          Seit 2010 führt er das traditionsreiche Warenhaus Vollmar & Söhne in der Bonner Innenstadt. Beide brachten damit zumindest eine Menge Erfahrung als selbständige Unternehmer mit. Vielleicht haben sie auch deshalb ein gutes Näschen für Markttrends bewiesen. Denn Gin ist das Modegetränk der vergangenen Jahre. Es begann 2008, als mit „Monkey 47“ aus dem Schwarzwald ein deutsches Produkt seinen Siegeszug gegen die vorwiegend britische Konkurrenz antrat. Seitdem schießen neue Marken wie Pilze aus dem Boden. Den Verbrauchern scheint es zu schmecken: Lag der Umsatz des Lebensmitteleinzelhandels mit Gin 2008 noch bei rund 32 Millionen Euro, waren es 2014 schon mehr als 50 Millionen. Vollmar und Koenen fiel irgendwann auf, dass es noch keinen guten lokalen Gin gab. So sei die Schnapsidee entstanden, die Lücke selbst zu schließen. „Daran hatten wir Spaß“, erinnert sich Koenen zurück. Bis heute machen sie den Eindruck, dass sie sich diesen Spaß erhalten haben. Allerdings dauerte es bis zum Sommer 2014, ehe aus den Gedankenspielen ein konkretes Projekt wurde, das sie entspannt, aber sehr strukturiert angingen.

          „Fahrt mal in die Eifel“

          Die erste Frage lautete: „Was soll unseren Gin auszeichnen?“ Die Spirituose besteht generell aus einem Basisschnaps, fester Bestandteil ist zudem Wacholder. Das Besondere ist, dass jeder Hersteller weitere Zutaten (Botanicals) hinzugibt und damit dem Getränk seine eigene Note gibt. Für Koenen und Vollmar war klar, dass ihr Gin einen besonderen Bezug zur Region Bonn haben musste. Schnell kamen sie auf den Drachenfels und die Sage um den Helden Siegfried, dem bekanntlich ein Lindenblatt zum Verhängnis wurde. Der Name war geboren.

          Abgefüllt wird in der Eifel

          Fehlte noch der Gin. „Dafür suchten wir nach einem Spitzenbrenner“, erzählt Koenen. „Fahrt mal in die Eifel“, lautete ein Tipp. So standen sie eines Tages auf dem Hof der Eifel-Destillerie von Peter-Josef Schütz in Ahrweiler. „Ich war anfangs skeptisch“, räumt er ein. Das Konzept habe ihn aber überzeugt und die Chemie in dem Trio gestimmt. So traf man sich mehrmals früh morgens zur Gin-Probe. Nach dem Basisalkohol wurden die Zutaten ausgewählt. Zwar gab die Linde wenig her, die Lindenblüte dafür umso mehr. „Wir hatten handwerklich keine Ahnung“, gibt Vollmar zu, „aber eine genaue Vorstellung, wie es schmecken soll.“ Heraus kam ein Produkt mit 41 Prozent Alkoholgehalt und einem „ausgewogenen Charakter“, wie Schütz es formuliert.

          Die ersten 120 Flachen über Facebook

          Einig waren sich Vollmar und Koenen von Anfang an darin, für ihre Unternehmung kein Fremdkapital aufnehmen zu wollen. Das ist auch ihr Rat an andere Gründer in spe: „Macht es so lange wie möglich allein!“ Ganze 4000 Euro Eigenkapital haben sie zum Start von „Rheinland Distillers“ investiert. Das meiste ging für die 200 Flaschen der ersten Charge sowie die Etiketten drauf. Das Design mit den großen roten Lettern stammt aus einer Ausschreibung im Internet. Alle weiteren Expansionsschritte haben sie bis heute aus dem Cash flow bestritten. Der zum Start angepeilte Verkauf von 120 Flaschen (29,90 Euro je 500 Milliliter) zur Deckung der Kosten wurde allein über den Vertrieb durch Facebook und Freunde erreicht.

          Schnell wuchs der Mut für die nächsten 500 Flaschen. Auch die fanden umgehend ihre Abnehmer. Zudem sahnte der Gin nahezu alle maßgeblichen Preise ab von Hongkong bis San Franciso. Dadurch wurden auch Händler auf die Spirituose aufmerksam, was wiederum den Absatz ankurbelte. Koenen spricht von einer „organischen Explosion“, während hinter ihm gerade 2000 Flaschen durch die Abfüllanlage laufen. Seit dem Startschuss gingen schon mehr als 40 000 Einheiten über die Theke. Ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. Den ersten Jahresumsatz können die Gründer noch gar nicht nennen. „Mal sehen, was der Steuerberater sagt“, unkt Vollmar. Aber Steuern werde man wohl zahlen müssen.

          Die geheime Rezeptur hat Brennmeister Peter Josef Schütz entwickelt

          Bis heute sind sie ein Zweimannbetrieb (angestellte Geschäftsführer im Minijob) geblieben. Über die Doppelbelastung klagt niemand. Da sie alles von Anfang an „sauber aufgesetzt“ hätten, könne das noch eine ganze Zeit lang so weitergehen. Ein Logistikdienstleister in Bonn übernimmt den Vertrieb. Den kaufmännischen Part füllt Vollmar aus, weil sein Partner Koenen („ich kenne keinen Kontostand“) eher der Mann für die operativen Ideen ist. Und an Plänen mangelt es nicht. Dank der guten Geschäfte investieren die beiden in eine Reise zur Spirituosenmesse in Amerika, denn bald soll es den „Siggi“ auch in Übersee zu kaufen geben, nachdem schon fünf europäische Märkte erschlossen sind. Den Namen „Siegfried“ kenne jeder Amerikaner, glauben sie. Und sei es durch die Zauberer „Siegfried and Roy“. Wie praktisch, dass die Messe in Las Vegas stattfindet.

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