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Die Gründer : Der Drohnen-Jäger

Jörg Lamprecht und seine Drohnenabwehr Bild: Helmut Fricke

Flugdrohnen sind im Alltag nicht nur von Nutzen, sondern können auch viel Schaden anrichten. Ein Kasseler Start-up hat ein Gerät entwickelt, das vor Angriffen aus der Luft warnt.

          Die Gefahr kam von oben. Die Bundeskanzlerin stand auf einer Bühne des Dresdner Neumarkts, als aus heiterem Himmel eine ferngesteuerte Flugdrohne auftauchte. Die verdutzten Leibwächter sahen zu, wie der spielzeugautogroße Kasten kerzengerade zum Sinkflug ansetzte, in der Luft kurz vor Angela Merkel stehen blieb und Sekunden später auf die Bretter knallte. Ein Mann der Sicherheitstruppe schnappte sich das Gerät und trug es hinter die Kulissen. Die Personenschützer hatten eine neue Art von Risiko vor Augen.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Das“, wird zweieinhalb Jahre später Jörg Lamprecht sagen, „hätte auch alles ganz anders ausgehen können. Das war wohl für alle wie ein Weckruf.“ Lamprecht kam mit zwei seiner alten Geschäftspartner aus der hessischen Gründerszene auf eine neue Geschäftsidee: ein softwarebasiertes ziviles Luftschutzsystem, eine Warnanlage gegen alles, was von oben kommt, sprich: eine Drohnenabwehr.

          Drohne mit einer Kamera und einer 9-Millimeter-Pistole am Fluggestell

          Sie sieht ein bisschen aus wie eine vierblättrige Blumenblüte, ist bestückt mit hochsensiblen Video- und Audiosensoren, sie lässt sich überall und jederzeit aufbauen. „Wir können mit vier solcher Geräte den Luftraum eines ganzen Fußballstadiums überwachen“, sagt er. Kein Wunder: Die Chips unterscheiden jede Drohne von einem Vogel und hören aus 300 Metern Entfernung das Schnurren eines kleinen Elektromotors. Sie können alle Signale an eine digitale Plattform weiterreichen und dort auswerten lassen. Eine digitale Abwehrmauer. Und die ist wohl auch nötig.

          Die Polizei testet den Einsatz von Drohnen schon

          Lamprecht knipst den kurzen Youtube-Film der Kanzlerin vom Bildschirm seines Computers und klickt ein neues Video an. Ein Teenager in Amerika, eine Drohne mit einer Kamera und einer 9-Millimeter-Pistole am Fluggestell. Die Drohne steigt auf, macht einen entschlossenen Schwenk, positioniert sich vor einer Zielscheibe, ein Schuss, ein Treffer, die Drohne dreht ab. In Lamprechts Büro wird es ruhig. Die Stille nach dem Schuss. Er klickt das nächste Video an. Eine Drohne samt Flammenwerfer. Sie fliegt auf einen Grillplatz, nimmt einen geschlachteten Truthahn ins Visier und drückt ab. Ein Inferno am Drehspieß. Lamprecht hat Dutzende solcher Videos. Aus Spaß wird Ernst; Spielzeuge werden zu feuerspeienden Ungeheuern. Eine Gefahr für alles und jeden.

          Amerika ordnete daher schon die Registrierung aller zivilen Drohnen an. Tokio rief eine Polizeistaffel zur Drohnenabwehr ins Leben. Flughäfen rüsten auf, um ihren Luftraum zu sichern. „Jede zivile Drohne“, sagt Lamprecht, „kann nicht nur von Nutzen, sie kann auch eine Waffen sein.“ Er sitzt in seiner Firma draußen im Gewerbegebiet von Kassel, beendet seinen Vortrag, steht auf und geht durch das Büro. Er schlägt einen weiten Bogen: Eine Drohne, die für das Ausbringen von Dünger auf Feldern gebaut wurde, könne auch Säure auf vielbesuchten Plätzen versprühen. Auf Frankfurter Bankhäusern seien, so berichtet er, schon drahtlose Kommunikationsgeräte von der Größe eines Schuhkartons gefunden worden, die offenbar mit einer Drohne dort plaziert worden seien, um den Datenverkehr der Mitarbeiter abzugreifen und weiterzuleiten.

          „Wer guckt schon jeden Tag auf das Hochhausdach, ob dort nichts Verdächtiges steht“, sagt Lamprecht. Es müssten nicht nur wirksame Gesetze, Vorschriften und Regeln her; der stark steigende Einsatz ziviler Drohnen in aller Welt verlange auch neue Konzepte für die Sicherheit. Wo eine Nachfrage ist, stellt sich das Angebot rasch ein. Lamprecht hat binnen eines Jahres mit seinen zwei Geschäftspartnern, Ingo Seebach und Rene Seeber, die Firma Dedrone gegründet, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung und großen Ambitionen. Sie stellten eine Mannschaft von Programmierern, System-, Hard- und Softwarespezialisten zusammen und entwickelten ein System, das quasi eine Flugabwehr gegen die ferngesteuerten Bedrohungen aus der Luft ist.

          Beobachter: 4,3 Millionen verkaufte Drohnen allein im vergangenen Jahr

          Sie gingen damit an den Markt, sorgten für viel Augenreiben, holten sich ein paar finanzkräftige Anteilseigner an Bord und setzen nun zum großen Sprung an. In den kommenden Wochen zieht Lamprecht um - ins Technologiezentrum nach San Francisco. Über die Dedrone GmbH in Kassel wird eine amerikanische Gesellschaft gesetzt. Lamprecht kennt dort Land und Leute. Wie seine Kompagnons gilt auch er als versierter Gründer. Es geht um Bits und Bytes, Sensoren, Software, Systeme und Computer. Lamprecht kennt sich da aus.

          Auch Päckchen könnten so ausgeliefert werden

          Nach dem Studium der Mathematik und Informatik hatte er Mitte der neunziger Jahre sein erstes Unternehmen in der Informationstechnik gegründet, zehn Jahre später das zweite, dann das dritte und schließlich das vierte. Er verkaufte zwei der Start-ups an Konzerne, IBM und Hexagon. Mit seinen letzten beiden Gründungen setzte er erst auf Drohnen und dann auf deren Abwehr. Die Marktbeobachter der Kapitalgeber von Kleiner Perkins Caufield & Byers gehen von insgesamt 4,3 Millionen verkauften Drohnen allein im vergangenen Jahr aus. Das Analysehaus BI Intelligence veranschlagt den Drohnenmarkt auf heute knapp 8 Milliarden Dollar; 2016 könnte die Marke von 10 Milliarden übersprungen werden.

          Der Einsatz von Drohnen birgt aber auch  Risiken

          „Das“, sagt Lamprecht, „ist nur eine Seite der Medaille.“ Auf der anderen stehe Sicherheit. Tausende Botschafts- und Regierungsgebäude, die Sicherheit des Luftraums von Gefängnissen, öffentlichen Plätzen, Fußballstadien und Kraftwerken. Es geht um Bespitzelung und Spionage, um Drogenschmuggel über grüne Ländergrenzen hinweg, um Verteidigung der Lufthoheit und das Verhindern von Anschlägen - ein weites Feld.

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