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Handschuhmacher trotzt Trend : Junger Schwung für ein altes Handwerk

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Der Handschuhmacher Nils Bergauer in seiner neuen Manufaktur Bild: Roger Hagmann

Lederhandschuhmacher sind alt, die Branche ist tot? Am Rande des Erzgebirges arbeitet einer der Jüngsten und Letzten seiner Zunft – mit erstaunlichem Erfolg.

          Als ihm die Großmutter hundert Mark in die Hand drückt und sagt: „Geh zum Zahor und kauf dir ein vernünftiges Paar Lederhandschuhe!“, ist Nils Bergauer gerade 15 Jahre alt. Daraus sind 33 geworden – und statt des Jugendwunschs, Lehrer zu werden, hat er vor vier Jahren seine eigene Lederhandschuhmanufaktur im erzgebirgischen Schneeberg eröffnet.

          Wer sie in den eben bezogenen, neuen, größeren Räumen betritt, zwanzig Kilometer südöstlich von Zwickau, taucht ein in eine Art Museumslandschaft zwischen Lasch- und Steppmaschinen, eisernen Händen gleichenden Dressiereisen, riesigen Scheren, Zollstöcken und Stanzkalibern, Fentier- und Kniehebelpressen. Nichts fehlt, was brauchte, wer einst manuell einen Lederhandschuh herstellen wollte – nur dass das hier versammelte Inventar noch immer täglich zum Einsatz kommt. „Vieles davon ist Vorkriegstechnik“, sagt Bergauer, „ich habe die Ausstattung zusammengekauft und manches von meinem Meister Frank Zahor übernommen.“

          Was folgt, ist eine Lederkunde für Einsteiger: Der junge Mann klärt auf über die Vorzüge von Lamm und Zicklein, Känguru- und Hirschnappa – auch über die gegerbte Haut der lateinamerikanischen Pekari-Schweine. „Das ist die Königsklasse“, schwärmt er, „die ich ausschließlich von Hand, nicht mit der Maschine nähe.“ Dehnbar und strapazierfähig schmiegt sich das Leder später an eines der beweglichsten menschlichen Körperteile: die Hand.

          Passanten drücken sich die Nasen platt

          Kaum entfernt vom bisherigen Standort, kaufte Bergauer ein Gebäude in zentraler Lage. Was vorher auf engstem Raum an einem abgelegenen Gässchen unterkommen musste, kann sich nun entfalten – einige Steinwürfe weit weg nur von Rathaus und Bergmannsdom hinter großflächigen, bodentiefen Fenstern. Immer wieder drücken sich Passanten daran die Nasen platt, geht die Tür auf für Gespräche. Bergauer erregt Aufsehen.

          Denn das Handwerk, das der gebürtige Johanngeorgenstädter bei einem der letzten Meister der Region bis zum Jahr 2012 lernte, ist rar geworden. Auf etwa ein Dutzend selbständig Aktive schätzt er den Kollegenkreis. Bundesweit. Vor Jahren wurde sein Metier als Ausbildungsberuf abgeschafft. Der 33-Jährige ist einer der letzten und dabei jüngsten Vertreter, stammt aber aus einer Familie, in der sich Handschuhmacher bis 1876 nachweisen lassen. Von Wien aus eingewandert, siedelte sich die Zunft während des 18. Jahrhunderts im Erzgebirge an; Johanngeorgenstadt war während der DDR-Zeit eines ihrer Zentren mit mehreren tausend Beschäftigten. Bergauers Urgroßmutter arbeitete bis 1948 als Selbständige, deren Tochter für einen Staatsbetrieb in Heimarbeit, während ihr Enkel Nils neugierig über die Schulter schaute.

          Dass er in ihre Fußstapfen treten würde, war nicht absehbar. „Ich hatte zunächst Wirtschaftspädagogik studiert, das erste Staatsexamen schon abgelegt“, sagt er. In den Ferien arbeitete er bei Frank Zahor, um sich ein paar Euro hinzuzuverdienen. Der Neugierige lernte schnell. 2010 wurde der Meister krank – und rief Bergauer an, fragte, ob der ihn vertreten könne. So sammelte er Erfahrungen und machte sich später unter dem Namen „n.b. Zahor“ selbstständig. Das Kürzel steht für „Nils Bergauer“, ergänzt um die Hommage an den Lehrer.

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