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Gründerserie : Während des Einkaufs werden die Reifen gewechselt

  • -Aktualisiert am

Sommer oder Winter? Die Gründer Henrik Schön (links) und Nikolai von Stempel Bild: Henning Bode

Reifenwechsel bedeutet Arbeit und Stress. Es sei denn, der Reifenwechsler kommt dorthin, wo das Auto steht. So macht es das Hamburger Jungunternehmen „Die Reifenwechsler“.

          Jedes Jahr im Frühling, wenn Matsch und Glätte von den Straßen weichen, droht der gleiche Stress: Die laut Straßenverkehrsordnung für Schnee und Eis vorgeschriebenen Winterreifen sollen gegen die Sommergarnitur getauscht werden. Das geht für die meisten Fahrer nicht ohne professionelle Hilfe. Die Folge: Hochbetrieb in den Werkstätten, rare Termine, und wenn sie nach zwei, drei oder vier Wochen endlich klappen, kosten sie Zeit und Mühe. Reifenwechsel ganz ohne Stress verspricht ein junges Hamburger Start-up: „Die Reifenwechsler“ (www.die-reifenwechsler.de) erledigen die Aufgabe rasch und fachmännisch, wo immer ein Autobesitzer sie hinbestellt – vor der eigenen Haustür, während der Arbeitszeit auf dem Firmenparkplatz oder an einem anderen beliebigen Ort.

          Der mobile Service richtet sich an Privatkunden und Unternehmen. Die Reifenwechsler sind auf Wunsch täglich rund um die Uhr im Hamburger Stadtgebiet, in der Metropolregion zwischen Bad Oldesloe, Pinneberg und Buchholz sowie in Lübeck zur Stelle. Und nicht nur das: Der abmontierte Reifensatz wird mitgenommen und erst einmal gesäubert, die oft vernachlässigte Reifenpflege dabei ernst genommen. Denn vom Entfernen von Bremsstaub, kleinen Steinchen und Schmutz profitieren auch die Felgen. Zum Inklusivangebot gehören zudem die Kontrolle und Wartung der Reifen. Anschließend deren sichere, trockene Einlagerung bis zum saisonbedingten Austausch sechs Monate später. So hat der Kunde mehr Platz in der Garage oder muss seine Reifen nicht mehr in den Keller schleppen.

          „Unser Vorteil ist, dass wir komplett flexibel agieren können“, sagt der Jungunternehmer Henrik Schön. Zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Kompagnon Tobias Haesler betreibt der 37-jährige Familienvater seit Januar 2016 im vornehmen, alsternahen Harvestehude die Geschäfte der GmbH. Mit Erfolg: „Wir wachsen schneller als gedacht und erwarten für 2018 schwarze Zahlen“, so die beiden Gründer. Kein Wunder, die meisten Fahrer wissen, dass es 40 Euro Bußgeld und einen Punkt in Flensburg kostet, sobald sie bei Schnee und Eis ohne Winterreifen erwischt werden. Und wenn ein Unfall passiert, wird’s noch teurer.

          Aus dem eigenen Frust wurde eine Geschäftsidee

          Wie so manche Geschäftsidee wurde auch die von Schön und Haesler vor gut zwei Jahren aus dem eigenen Frust heraus geboren: Die beiden waren damals im Management eines privaten Hamburger Radiosenders tätig und sollten wie acht weitere Kollegen in einer Werkstatt Winterreifen auf ihre Firmenwagen aufziehen lassen. Das kostete sie und die anderen jeweils zwei Stunden hochbezahlte Arbeitszeit und im Frühjahr nochmals dasselbe, also insgesamt vierzig Arbeitsstunden. „Warum kommen die Monteure nicht zu uns?“, fragten sich die beiden. Als Betriebswirte witterten sie eine attraktive Marktchance. Sie schauten sich um und fanden heraus, dass in der Hansestadt lediglich ein mobiler Reifenservice für Kunden mit großen Fuhrparks existierte. Also schrieben sie einen Businessplan, überzeugten einen ungenannt bleibenden Geldgeber von ihrer Idee, kündigten ihren Arbeitsplatz beim Sender und gründeten im Januar 2016 eine gemeinsame Firma für mobilen Reifenwechsel.

          Investiert wurde ein höherer sechs-, fast siebenstelliger Betrag. Mit einer Mannschaft von sechs Leuten ging der Betrieb los. Inzwischen hat das Start-up, zu der auch ein Reifenlager im 12 Kilometer entfernten Barsbüttel gehört, 18 Mitarbeiter. Die mobilen Wechsler-Teams in den schwarzen Lieferwagen bestehen aus jeweils zwei gelernten, vom Wirtschaftsverband der deutschen Kautschuk-Industrie zertifizierten Automechanikern. Im Einsatz sind insgesamt fünf Monteurpaare. Ein Team braucht knapp 25 Minuten, bis alle vier Reifen ausgetauscht sind. Die Autobesitzer müssen bei diesem Vorgang nicht dabei sein. Den Termin können sie über ein Online-Kalender-Formular auf der Website der Reifenwechsler ausmachen und anderswo eingelagerte Reifen rechtzeitig abholen lassen. Das Full-Service-Paket für den Reifenwechsel beim Kunden vor Ort inklusive Reinigung, Wartung und Aufbewahrung beginnt bei 99 Euro. Der Preis gilt an drei Tagen in der Woche während der Mittagszeit. Das reguläre Angebot liegt von Montag bis Freitag zwischen 8.00 und 18.00 Uhr bei 149 Euro. Mehr kostet es in den Abend- und Nachtstunden. Am teuersten wird der Sonntag.

          Ihre Kernzielgruppe unter den Privatkunden sehen die Reifenwechsler bei Geschäftsleuten, Freiberuflern, Handwerkern und Vertriebsmitarbeitern, ebenso aber auch bei älteren Pkw-Besitzern, die beim Reifenwechsel nicht mehr selbst Hand anlegen wollen. Aber auch bei der wachsenden Zahl von Autofahrerinnen. Nicht nur Berufsfrauen mit dem eigenen Gefährt, auch Hausfrauen und Mütter seien dankbar, wenn sie den fälligen Reifenwechsel beim Großeinkauf nebenher auf dem Parkplatz des Supermarktes erledigen könnten, sagt Henrik Schön.

          2300 verlorene Minuten je Saison

          Was für Autofahrer mit Privatwagen erfreulichen Zeitgewinn bringt, zahlt sich für Unternehmen bei der mobilen Offerte als bares Geld aus. Denn auswärtiger Reifenwechsel ist besonders bei einer größeren Fahrzeugflotte ein erheblicher Kostenfaktor. Gewerblich genutzte Fahrzeuge und ihre Fahrer stehen dem Betriebsgeschehen nämlich dann wegen ihrer Abwesenheit nicht zur Verfügung.

          Eine Beispielrechnung zu einer Firma mit 20 Fahrzeugen zeigt: Je Reifenwechselsaison gehen 2300 Minuten verloren, also etwa 38 Stunden. Das bedeutet jährlich einen Verzicht auf zwei komplette Arbeitswochen eines Mitarbeiters. Der mobile Reifenwechsel vor Ort minimiert diesen Zeitaufwand auf ein Fünftel. Großkunden wie der Bauer-Verlag mit bis zu 80 Autos und die Unternehmensberatung Tagueri haben sich offenbar von diesem Kostenvorteil überzeugen lassen. Bis Ende 2017 wollen „Die Reifenwechsler“ 2000 feste Kunden in ihrer Kartei haben. Sie denken daran, künftig auch Pannenhilfe bei Reifenschäden sowie Innen- und Außenreinigungen anzubieten.

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