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Gründerserie : Vier Freunde auf dem Holzweg

Adrian Roepe, Moritz Blees und Matthias Köppe Bild: Edgar Schoepal

Sonnenbrillen und Uhren aus Naturholz: Kölner Studenten haben aus einer fixen Idee ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickelt. Inzwischen können sie sogar Banken überzeugen.

          Anfangs war es nur ein Planspiel, eine Art selbstverordnete Seminarübung. „Wir haben beide Betriebswirtschaftslehre studiert. Aber was man da nicht lernt, ist, einen Betrieb zu führen“, erzählt Moritz Blees, wie er mit seinem Kommilitonen Matthias Köppe 2011 auf den Gedanken kam, es mit hölzernen Sonnenbrillen für modebewusste Deutsche zu versuchen. Die beiden Kölner Studenten bereisten damals Lateinamerika und begeisterten sich für die bunte Vielfalt der Tropenhölzer und den Schmuck, den die Indios daraus herstellten. Erste Ideen entstanden, mehr aus Jux und noch nicht ganz ernst gemeint. Aber einige Monate später, die beiden waren zurück an der Uni, meldete sich Matthias und hatte seinen Businessplan halb fertig. Jetzt fehlten nur noch die Brillen. Zusammen mit zwei weiteren Freunden, Adrian Roepe und Christian Kontz, und der Hilfe eines Optikers aus der Nachbarschaft entstanden die ersten Entwürfe. Dann kam die vergebliche Suche nach einem Kunstschreiner, der davon versuchsweise einige Muster produzieren sollte.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Das Internet brachte sie schließlich mit einem chinesischen Hersteller zusammen. 1000 Euro hatte das Quartett für die Prototypen zusammengekratzt. „Das Geld hatten wir praktisch schon abgeschrieben, so furchtbar sahen die ersten Teile aus. Von Design hatten wir ja alle keine Ahnung. Wir sind da mehr oder weniger hereingestolpert“, schmunzelt Blees. Was als Studentenprojekt begonnen hat, ist heute ein florierendes Unternehmen, das mit Brillen und den später hinzugekommenen Armbanduhren aus Holz fast zwanzig feste Mitarbeiter beschäftigt und Millionen umsetzt. Die neuen Büros, welche die „Vierfreunde GmbH“ erst im Frühjahr in Köln-Ehrenfeld bezogen hat, werden schon wieder zu klein.

          Es hat sich gelohnt, dass sie nach der ersten Enttäuschung nicht lockerließen und schließlich 600 Stück ihrer „Kerbholzbrillen“ in Auftrag gaben. Matthias Köppe präsentiert ein Erinnerungsstück aus der ersten Kollektion, mit der sie im Sommer 2012 Klinken putzen gingen. Auf einer Messe für junge Designer in Mainz fanden sie die ersten Käufer, einige Läden zeigten Interesse, und über den schnell zusammengeschusterten Online-Shop wurde ebenfalls bestellt. Nach wenigen Wochen waren sie ausverkauft. „Als die ersten Geschäfte Nachschub verlangten, waren wir völlig baff. Wir hatten damit überhaupt nicht gerechnet und nichts nachproduzieren lassen“, sagt Blees. Die Händler spielten mit und warteten geduldig auf die nächste Lieferung. Immerhin 30.000 Euro setzten die vier in ihrem Gründerjahr um. Zwei Jahre später waren es schon 500.000 Euro. Die jungen Unternehmer mussten sich entscheiden: weiterstudieren oder ganz aufs Geschäft konzentrieren.

          Expansion nach Amerika geplant

          Kontz stieg aus, für ihn kam Nils Niendieker hinzu, auch ein alter Bekannter. Aus der Nebenbeschäftigung wurde für die vier der Hauptberuf. „So richtig lief es erst, als es laufen musste, weil wir das Geld zum Leben brauchten“, sagte Blees. Die Sonnenbrillen, anfangs aus einem Holzstück gefräst, wurden durch ein Schichtleimverfahren filigraner und eleganter. Zusätzlich gibt es inzwischen auch optische Brillen. Vor allem nahmen sie Armbanduhren mit Holzgehäuse ins Sortiment auf, die inzwischen mehr als die Hälfte zum Umsatz beisteuern. Die mit Uhrwerken des Schweizer Herstellers Ronda ausgestatteten Zeitmesser gibt es in Walnuss, Rosenholz, Ahorn und Sandelholz, kommendes Jahr soll ein Modell aus Marmor dazukommen. Hergestellt werden sie ebenfalls in China. Die Preise sind erschwinglich. Bei den Sonnenbrillen fängt es bei knapp 90 Euro an, hölzerne Zeitmesser gibt es zwischen 99 Euro und 159 Euro. Ein teureres Modell „Made in Germany“ ist nicht so gut angekommen, im kommenden Jahr soll es vielleicht einen neuen Versuch geben, in ein höheres Preissegment vorzustoßen.

          Seit der Gründung hat sich der Unternehmensumsatz jedes Jahr in etwa vervierfacht. Rund 2 Millionen Euro waren es 2015. Nach Weihnachten werde man wissen, ob es in diesem Jahr im gleichen Tempo weitergegangen sei, sagt Blees. Der nächste Wachstumsschritt ist jedenfalls schon geplant: Es soll in die Vereinigten Staaten gehen. „Wir glauben, dass unsere Produkte dort funktionieren“, ist Blees überzeugt. Zwei Messen haben die Kölner bereits gebucht, um sich amerikanischen Einkäufern zu präsentieren.

          Aber erst einmal müssen die vier, alle Ende zwanzig oder Anfang dreißig, die nächste Finanzierungsrunde meistern. „Wären wir allein auf die Banken angewiesen, gäbe es ,Kerbholz‘ nicht mehr“, sagt Blees. Das Startkapital für die ersten Kollektionen hatten sie sich bei Freunden und Verwandten geliehen. 2014 brauchten sie Geld für die nächste große Etappe: 100.000 Euro, mit denen vor allem Uhren vorfinanziert werden mussten. Bei den Banken holten sie sich reihenweise Körbe. Umso besser lief es, als sie sich entschieden, das Geld über Crowdfunding zu beschaffen. „Das war eine tolle Bestätigung. Es gab da sehr viele Leute, die wirklich an uns glauben“, meint Blees. Bei einer extern ermittelten Unternehmensbewertung von damals 800.000 Euro kostete die Aktion die Gründer allerdings 12,5 Prozent ihrer Anteile. Für die nächste Finanzierungsrunde wandten sie sich deshalb lieber an die Internet-Kreditplattform Lendico. Und jetzt? Wie wäre es mit der „Höhle des Löwen“, der Vox-Gründershow, wo prominente Investoren nach attraktiven Start-ups Ausschau halten? Blees schüttelt zweifelnd den Kopf. „Wir haben das tatsächlich diskutiert. Aber damit wir uns von weiteren Anteilen trennen, müsste schon ein großer strategischer Mehrwert kommen.“ Es könnte also dieses Mal tatsächlich auf eine klassische Bankenfinanzierung hinauslaufen: „Allmählich glauben die auch, dass wir es können, und reden gern mit uns.“

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