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Gründerserie : Nach 30 Jahren Hongkong sein eigener Chef

Franz Hahn Bild: Privat

Vor einigen Jahren zweifelte Franz Hahn am Sinn seiner Arbeit. Dann kam die Finanzkrise, er wurde krank. Zwei Jahre später gründete er in China einen Rückversicherer.

          Wenn Menschen nach einer Phase des Wandels ein Unternehmen gründen, sind das oft karitative Projekte oder Dinge aus einem für sie ganz neuen Lebensbereich. Franz Hahn dagegen hat eine Rückversicherung gegründet. Und das in China. Damit ist er wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der in Folge einer persönlichen Krise ein solches Finanzunternehmen aufgebaut hat. Die meisten anderen Rückversicherer, die zuletzt entstanden sind, stammen von den Bermuda-Inseln und setzten auf Rendite. „Mir ging es nicht darum, fünf Jahre lang Geld zu verdienen und den Laden dann zu verticken“, sagt Hahn im Gespräch während des Rückversicherungstreffens in Monte Carlo. „Es war eine Gelegenheit für die nächste Generation.“

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hahn ist schon sein Berufsleben lang Rückversicherer. Das sind die Unternehmen, die Versicherer wie die Allianz oder die Axa gegen ihre zu hohen eigenen Risiken absichern. Nach einem Jura-Studium in Mainz kam der gebürtige Eifler zur Münchener Rück. Der weltgrößte Rückversicherer residiert in einem prachtvollen Bau direkt am Englischen Garten. „Im Bewerbungsgespräch hatte ich zwei Fragen: Was ist Rückversicherung? Und: Wer hat dieses Schloss gebaut, in dem ihr operiert?“

          Mit der Zeit hat er beide Fragen beantwortet bekommen, nach fast einem Jahrzehnt bei den Münchenern – davon sechs Jahren in Hongkong, heuerte er beim Wettbewerber Swiss Re an. Dort blieb er 13 Jahre, versuchte eine Lizenz für China zu bekommen. Dann bahnte sich allmählich ein großes Unwetter in den globalen Finanzmärkten an. „Erst kam der Gedanke, was bringt das alles noch, dann die Finanzkrise und dann die Krankheit“, sagt Hahn. Ein Arzt teilte ihm mit, er werde nicht mehr lange leben. Doch nach zwei Jahren hat er sich berappelt. „Es war keine Zeit des Leidens, sondern des Genusses“, erinnert sich Hahn. Mit seiner Frau lebte er zeitweise auf einer Yacht, die Tochter und der Sohn waren damals gerade aus dem Haus. „Ich habe mich gefragt, worum geht es im Leben. Dann fragte mich ein Freund: Warum machst du keinen Rückversicherer auf?“, sagt er.

          „Ich konnte keine Currywurstbude gründen“

          Nun ist ein Rückversicherer kein Unternehmen, bei dem man eine Idee hat, eine Maschine und Rohstoffe kauft und sie dann geschickt zu einem Produkt verwebt. „Ich konnte keine Currywurstbude gründen, Rückversicherung ist das, was ich als Jurist seit 1986 gemacht habe“, sagt er. Deshalb wusste er, dass es auf drei Dinge ankommt: Kapital, Knowhow im Zeichnen von Risiken und Vertrauen der Kunden. „Als die chinesischen Behörden eine Sorgfaltsprüfung machen wollten, habe ich gefragt: Wovon?“ Seine Geldgeber, der Finanzierungsarm der Weltbank IFC und die chinesische Beteiligungsgesellschaft Fosun, hat die Idee überzeugt, dass ein chinesischer Rückversicherer neben dem dortigen Marktführer China Re notwendig ist, um die asiatischen Schwellenländermärkte zu entwickeln.

          „Es hat mich immer gewurmt, dass es in Asien eine geringere Versicherungsdichte gibt als in Südamerika und in Afrika“, sagt Hahn. Kurz vor Weihnachten 2010 führte er erste Gespräche mit dem IFC. „Da fängst du an zu schwitzen, ob es wirklich klappt“, sagt er. Bald geben die Investoren grünes Licht. Bei Peak Re, wie das Unternehmen heißen soll, geht Hahn mit zwei Freunden an den Start, unterstützt von Bankern und Anwälten, später auch Wirtschaftsprüfern, die beim Businessplan geholfen haben. Fünf Jahre später ist das Unternehmen stabil genug, selbst ein Versicherungsprogramm zu führen und nicht nur mit Kapital beteiligt zu sein. Heute hat Peak Re 80 Mitarbeiter, die 23 Sprachen sprechen. Im Jahr 2017 sind die Prämieneinnahmen um 30 Prozent gestiegen, in diesem Jahr läuft das Wachstum auf 29 Prozent hinaus. Die Aktionäre verzichten auf eine Dividende, um die Bilanz weiter zu stärken. Das hat dazu beigetragen, bei der führenden Ratingagentur AM Best mit „A-“ bewertet zu sein – unterhalb der Gruppe der globalen Rückversicherer zwar, aber auf einer Stufe mit vielen relevanten Wettbewerbern.

          Für Franz Hahn ist Hongkong zur Heimat geworden. „Das ist für mich keine fremde Welt. Ich lebe seit 1989 dort, meine Kinder sind dort aufgewachsen“, sagt er. An die Mentalität hat er sich gewöhnt und viele Eigenschaften der Chinesen schätzen gelernt. „Ich bewundere ihre Disziplin und ihren Arbeitseifer, sich einen Plan zu setzen und ihn dann auch einzuhalten“, sagt er. Vor allem bewundert er die Gewissheit der Chinesen, das Zentrum der Welt zu sein. Gleichzeitig mag er die Unterschiedlichkeit der Menschen. Mit seinem internationalen Team geht es ihm darum, ein kulturelles Verständnis für die Kunden, oft chinesische Versicherungsunternehmen, zu entwickeln.

          „Wir wollen beweisen, dass das System funktioniert“

          Risiken zu zeichnen, Erkenntnisse über Stürme und Erdbeben zu verwerten, ein Gespür für das Schaden- und Unfallgeschäft in China zu entwickeln – das alles unterscheide sich nicht, ob man es mit der Peak Re oder einem der großen globalen Konzerne mache. „Aber es in einer eigenen Firma zu machen heißt: Wir wollen es nicht zum Scheitern bringen. Wir wollen beweisen, dass das System funktioniert“, sagt Hahn.

          Er habe Verantwortung gegenüber dem Team, deren Mitglieder einst bereit waren, hochdotierte Posten zu verlassen, um bei ihm anzuheuern. „Und man steht im Wort gegenüber Aktionären und Aufsehern und investiert für ein gutes Rating“, sagt er. Nach 32 Jahren in der Branche weiß Franz Hahn, was Rückversicherung ist. Und wie das Geschäft in China funktioniert, hat er auch herausgefunden.

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