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Gründerserie : Immer mehr Mitarbeiter sind mit dem Rad da

Nora Grazzini Bild: Edgar Schoepal

Für den täglichen Arbeitsweg auf dem Rad braucht es auch Motivation. Radbonus unterstützt Unternehmen dabei, dass ihre Mitarbeiter durchhalten.

          Die Frau, die andere für das Radfahren begeistert, kommt an dem kalten Wintertag ausnahmsweise ohne ihr Fahrrad ins Büro. Nora Grazzini, Gründerin von Radbonus aus Köln, muss noch mit dem Zug für einen Termin ins 50 Kilometer entfernte Wuppertal. Mit dem Rad würde sie für diese Strecke knapp drei Stunden benötigen. Es muss aber nicht immer gleich eine solche Entfernung sein. Die durchschnittliche einfache Wegstrecke, die Pendler in Deutschland zu ihrem Arbeitsplatz zurücklegen, war 2017 knapp 17 Kilometer lang. Aber die Zahl der Beschäftigten, die solche Entfernungen auf sich nehmen, wächst laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung mit jedem Jahr. Zuletzt waren es 18,4 Millionen Menschen in ganz Deutschland. Und es sind immer mehr Radfahrer darunter, auch weil mittlerweile E-Bikes und Pedelecs genutzt werden.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zunehmende Mobilität, moderne Stadtplanung, Umweltschutz und ein stark wachsendes Interesse an der betrieblichen Gesundheitsfürsorge: Es gibt zahlreiche Faktoren, von denen Start-ups wie Radbonus profitieren. Dass fitte Mitarbeiter motivierter sind und produktiver arbeiten, ist schon länger bekannt. „Bewegung hat einen ungemein ökologischen wie ökonomischen Wert für Unternehmen“, erklärt Grazzini. „Und das muss man an die Menschen zurückgeben.“ Doch in der betrieblichen Gesundheitsfürsorge fehlt es häufig an Phantasie, wie man sportlich passive Beschäftigte motivieren kann, ohne dass gleich der Verdacht einer dienstlichen Weisung oder gar einer unliebsamen Kontrolle durch den Chef entsteht.

          Diese Lücke schließen Grazzini und ihr mittlerweile 25 Köpfe starkes Team von Entwicklern, Vertriebsfachleuten und Sportwissenschaftlern. „Wir schaffen für unsere Partner die Infrastruktur, um ihre Mitarbeiter oder ihre Versicherten zu motivieren, das Fahrrad zu nutzen“, sagt die 38 Jahre alte Kölnerin. Mehr als 25.000 Menschen nutzen die Radbonus-App regelmäßig, darunter Mitarbeiter von Siemens oder dem Autozulieferer ZF, Versicherte der Barmer-Krankenkasse und Bürger von Städten wie Mönchengladbach. Sie dokumentieren ihren Arbeitsweg oder ihre Teilnahme an sogenannten Challenges, also Herausforderungen: etwa vom Frühjahr bis zum Herbst eines Jahres eine bestimmte Kilometerzahl im Sattel zurückzulegen oder für einen Zeitraum das Auto stehen zu lassen.

          „Miles and More für Fahrräder“

          An den Aufbau eines eigenen Unternehmens hatte Grazzini schon vor der Radbonus-Gründung 2015 gedacht. Dank ihrer langjährigen Arbeit in diversen Agenturen wusste die Kommunikationsdesignerin, wie wichtig Internetnutzern eine intuitive Benutzung von Websites ist. Zugleich hatte sie Kontakte in die Kölner Radszene. Dort gibt es das Verlangen, dass Radfahren in der Domstadt deutlich attraktiver werden soll. Grazzini fiel auf, dass es kein einfach zu bedienendes Programm gab, mit dem sich Fahrten fernab jedes sportlichen Ehrgeizes auswerten lassen. Die Lösung fand sie auf einer Veranstaltung im Startplatz, dem Treffpunkt für junge Unternehmen im Kölner Media Park. „Ich bin dann nach dem Wochenende gleich dort geblieben und habe die Idee weiterentwickelt“, erinnert sie sich.

          In der Anfangsphase wurde ihr Konzept häufig als „Miles and More für Fahrräder“ verstanden. Doch Rabatte für gefahrene Kilometer, etwa beim Kauf von Sportbekleidung und Nahrungsmitteln, spielen eine untergeordnete Rolle im Geschäftsmodell. „Radbonus ist Belohnungsprogramm für Radfahrer“, sagt die Gründerin. Bei Radbonus geht es nicht vordergründig um einen sportlichen Wettkampf oder einen Vergleich mit anderen Nutzern. Der Arbeitgeber soll es seinem Mitarbeiter danken. Etwa, indem er Gutscheine für die Kantine oder Einladungen zu Sport- oder Kulturevents vergibt. Unternehmen, die eine Partnerschaft mit Radbonus eingehen, sind aber frei, wie sie Radfahrten honorieren, der Dienstleister hält sich vollkommen zurück.

          Die Radbonus-App speichert nur Anfangs- und Zielpunkt, nicht die gesamte Strecke, wie das bei unter Rennradfahrern populären Apps wie Strava oder Runtastic der Fall ist. Zudem ordnet das Programm die Daten einer anonymisierten Kennung zu und keinem Namen. Denn Datenschutz und den Umgang mit personenbezogenen Daten nimmt Grazzini ernst. Radbonus gebe nicht an Arbeitgeber weiter, welcher Mitarbeiter wie viele Kilometer schaffe. Für die Partner sei relevant, ob die Belegschaft es geschafft habe, bestimmte Herausforderungen zu meistern. Den meisten Unternehmen gehe es am Ende einer Aktion nicht nur um die Zahl der Teilnehmer, berichtet Grazzini. „Sie wollen gegenüber dem Mitarbeiter ausdrücken: danke, dass du Rad gefahren bist!“

          Zwischen Hoffnung und Kritik

          Wie aber kann Radbonus sein Geschäftsmodell weiterentwickeln? Eine Hoffnung ruht auf den Bemühungen einzelner Bundesländer und Kommunen, Radfahren in der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur aufzuwerten. So sind etwa in Nordrhein-Westfalen Radschnellwege in Planung, damit größere Entfernungen in dichtbesiedelten Gebieten schneller bewältigt werden könnten. Bis das Niveau von Vorbildern wie Kopenhagen erreicht wird und die Finanzierungsfragen geklärt sind, dürfte es noch dauern.

          Gründerin Grazzini übt Kritik: „Ich würde mir wünschen, dass es in den Haushalten der Städte mehr Klarheit darüber gibt, mit welchen Mitteln Projekte wie Radbonus gefördert werden.“ Dennoch ist sie optimistisch, dass es künftig mehr Partnerschaften geben wird. Schließlich habe es sich fast jede Kommune zum Auftrag gemacht, Radfahren mit verschiedenen Maßnahmen zu fördern.

          MARKUS JUNG

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